„Erwachsener ist er geworden“, sagt Mutter Daniela. „Und selbstbewusster.“ Er, das ist ihr Sohn Julius, der ihr an diesem Nachmittag in der heimischen Wohnküche am großen Essenstisch gegenübersitzt. Es ist kurz still im Raum. Draußen prasselt der Regen, das Interview dauert fast schon eine Stunde, die wesentlichen Inhalte sind schon auf dem Diktiergerät abgespeichert. „Das hast Du mir so noch nie gesagt“, sagt Julius. Vielleicht täuscht der Eindruck, aber etwas Stolz meint man zu erkennen in seinem Gesicht. Papa Michael Reichle sitzt daneben, schmunzelt etwas. Es ist ein spezieller Moment, für den es vielleicht so eine Situation brauchte.

Video: Privat

Natürlich reden die Reichles miteinander, über Sorgen, Nöte, Erfolge. Aber irgendwie ist das Leben seit gut fünf Jahren auch wie eine nie enden wollende Abfahrt mit vielen Wendungen.

Julius ist eines der großen Sporttalente in Deutschland. Aktuell ist sein Name nur in der Snowboard-Cross-Szene ein Begriff. Vielleicht wird das auch immer so bleiben, wer keinen Fußball gekonnt über den Rasen treten kann, hat es nicht einfach in diesem Land. Egal, der 16-Jährige ist Überzeugungstäter. Und ein Multitalent. In der zu Ende gegangenen Saison 2021/22 hat er bereits erfolgreich an den Jugend-Weltmeisterschaften teilgenommen, kam auf Rang 13 und war damit bestplatzierter Starter seines Jahrgangs.

Schon als kleines Kind fällt das Talent auf

„Das größte Klettergestell auf dem Spielplatz war ihm gerade recht“, erinnert sich Mutter Daniela. Angst? Kennt der Filius nicht! Als er sechs Jahre alt war, sah er den Papa im Freibad vom Fünfmeterbrett springen. Julius macht es nach – mit Salto natürlich. „Ich dachte, er bricht sich alle Knochen“, erzählt der Vater. Hat er aber nicht, noch nicht. Nun ja, zumindest bis heute nicht alle Knochen. Aber dazu später mehr.

Julius Reichle mit Mutter Daniela und Papa Michael.
Julius Reichle mit Mutter Daniela und Papa Michael. | Bild: Dirk Salzmann

Mit zweieinhalb Jahren lernt er Skifahren, im Turnen ist er so gut, dass er bald andere Kinder trainiert und Fußball kommt auch noch dazu, aktuell spielt er in der B-Jugend der SpVgg Allmannsdorf.

Alle Hobbys verblassen aber, als er mit elf Jahren zum Snowboard wechselt. „Das sah cooler aus“, erinnert sich der Teenager. Für eine große Karriere kommt der Umstieg eigentlich zu spät, aber solche Einschätzungen sind nur zusätzliche Motivation. Julius schafft es in den Baden-Württemberg-Kader, sammelt schnell Achtungserfolge bei Rennen.

Julius Reichle in Aktion.
Julius Reichle in Aktion. | Bild: Privat

Die Eltern unterstützen ihren Jungen, wenngleich sie bei den Rennen an den Wochenenden nicht immer dabei sein können. Papa Reichle arbeitet in leitender Funktion bei Siemens, Mama Reichle als Lehrerin auf der Reichenau. Und manchmal, ja, da dominieren dann die Sorgen, da wünschen sich Vater und Mutter, dass der Sohn verdammt noch mal Schachspieler geworden wäre.

Der 19. Oktober 2019 war so ein Tag. Im Internet verfolgte Daniela das Renngeschehen im Kaunertal. Dann ein Anruf. Julius ist gestürzt, muss ins Krankenhaus. Eine Woche verbringt ihr Sohn im Spital in Österreich, kaum wieder zu Hause muss bei einer Notoperation der verletzte Blinddarm entfernt werden. Die restliche Krankenakte beinhaltet einige Kopfverletzungen und diverse Frakturen, die der Junior meist nicht hat richtig ausheilen lassen, weil Verletzungen eben nur Verletzungen sind.

Julius Reichle hakt das schneller ab als die Eltern. Wenig später wird ihm sogar ein Platz im Sportinternat angeboten.

Drei Kinder haben die Reichles, Julius ist der Mittlere, das Sport-Ass. Der ältere Bruder Felix und der jüngere Bruder Jakob haben andere Talente. Julius geht seinen eigenen Weg. Ins Internat nach Oberstdorf, als eines von 42 Sporttalenten, die dort ausgebildet werden.

Papa Michael streicht sich über die Augen, zeigt auf seine Frau, die gerne einräumt, dass an jenem Tag bei ihr viel Tränen flossen. Ein Kind lässt man nicht gerne ziehen, und wenn, dann nur in der Überzeugung, dass es das Richtige für den Nachwuchs ist.

Video: Privat

„Ich habe das nie bereut“, sagt Julius, der seither nur noch an den Wochenenden seine ehemaligen Kollegen von der Geschwister-Scholl-Schule sieht. Ansonsten ordnet er alles seinem großen Ziel unter. „Ich möchte bei den Olympischen Spielen 2026 in Italien dabei sein“, sagt Julius. Und damit seinem Vorbild nacheifern, dem Konstanzer Snowboard-Crosser Paul Berg.

Dafür muss er noch einiges tun. „Meine Technik muss ich verbessern, auch bei der Ernährung gibt es noch viel zu tun“, sagt der Konstanzer. Sollte er es schleifen lassen, kommt der ältere Bruder ins Spiel. „Er hatte mal eine Phase, als er alles mal ausprobiert hat. Bier, Wein – Sie wissen schon“, sagt der Vater. Irgendwann kam dann die WhatsApp von Bruder Felix: „Denk an Deinen Traum von Olympia“, stand da. Wie blöd wäre es, alle Anstrengungen der vergangenen Jahre wegzuwerfen. „Die Nachricht habe ich heute noch auf meinem Handy.“

Die Suche nach Sponsoren

Der erste richtige Pressetermin neigt sich für Julius dem Ende entgegen. Der Sport dominiert sein Leben, wie erfolgreich er werden kann, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Seinen typischen Alltag und seine bisherigen Erfolge bei FIS- und Europacuprennen hat er handschriftlich zusammengefasst.

Julius Reichle vor der Bergkulisse und mit einem seiner Boards.
Julius Reichle vor der Bergkulisse und mit einem seiner Boards. | Bild: Julius Reichle

Seine Eltern unterstützen ihn, zahlen für Trainer, Ausrüstung und Internat, dazu bekommt ihr Sohn natürlich Taschengeld. Aber Julius soll sich auch selbst zurechtfinden, seinen eigenen Weg weitergehen. „Die meisten meiner Freunde im Sportinternat haben bereits Sponsoren gefunden“, sagt er. Dem einen wird ein Snowboard im Wert von 1000 Euro zur Verfügung gestellt, bei einem anderen stockt eine Bank das Taschengeld um 100 Euro im Monat auf. Das sind keine großen Beträge verglichen mit dem, was in anderen Sportarten bezahlt wird. Aber die eigentliche Karriere von Julius Reichle hat ja gerade erst begonnen.