Herr Grimm, die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat mit drei Siegen souverän den Einzug in die EM-Hauptrunde geschafft, dort aber mit drei Niederlagen das Halbfinale ebenso klar verpasst. Wie lautet Ihr Fazit?

Man hat gesehen, dass wir mittlerweile ein Stück von der Weltspitze entfernt sind. Wir haben dreimal gewonnen gegen Gegner, die etwas schwächer waren. In der Hauptrunde haben wir dann gegen stärkere Teams verloren.

Gegen Spanien war es ein Klassenunterschied, auch Norwegen, das wild durchgewechselt hat, ist deutlich entfernt. Gegen Schweden waren wir noch am nächsten dran. Unter dem Strich ist es mir zu einfach, zu sagen: Das waren starke Gegner und wir waren ersatzgeschwächt.

Kann es sein, dass durch die vielen Corona-Ausfälle – am Montag wurden mit Simon Ernst und Patrick Wiencek zwei weitere Spieler positiv getestet – zwischenzeitlich ein neues Wir-Gefühl entstanden ist?

Ja, ich denke schon, dass die Situation noch mehr zusammengeschweißt hat. Im Endeffekt hat es aber nicht gereicht. An den Nachnominierungen kann man erkennen, dass wir in Deutschland eine große Breite an guten Spielern haben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Spieler gut sind, aber leider zu wenige Weltklasseniveau besitzen.

Hätte man das Turnier wegen der vielen Corona-Fälle nicht abbrechen müssen? Chancengleichheit sieht anders aus.

Das Turnier hat meiner Meinung nach unter irregulären Bedingungen stattgefunden mit den vielen Infizierten. Aber abbrechen hätte man die EM auf keinen Fall sollen. Wir waren extrem betroffen, aber zum einen hatten wir starke Nachrücker und zum anderen hätten wir unsere Mannschaft zurückziehen können. Warum soll man andere Teams bestrafen, die keinen Coronafall hatten?

Das könnte Sie auch interessieren

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft für die Zukunft zu?

Ich finde es sehr gut, dass der Bundestrainer den Kader mit jungen Spielern ein bisschen aufgefrischt hat. Das tut immer gut. Da kommen neue Spieler, die müssen sich beweisen, sind immer zu hundertzehn Prozent konzentriert. Als Beispiel Luca Witzke oder Julian Köster gegen Polen: Der hat noch nicht hundert Länderspiele, der brannte lichterloh und hat deshalb so gut gespielt.

Die richtige Mischung ist aber das Wichtigste, denn es kommen auch wieder Tage, an denen bei den Jungen gar nichts läuft. Das hätte man vielleicht schon früher machen sollen, aber mir gefällt das sehr gut. Seit Jahren wird von Weltklasse und Weltspitze gesprochen. Nachgewiesen wurde dies aber nicht. Davor sollte man nicht die Augen verschließen und es auch mit anderen, jüngeren Spielern versuchen.

Das könnte Sie auch interessieren

Ist Ihrer Meinung nach Bundestrainer Alfred Gislason der richtige Mann für diese Aufgabe?

Für die Nationalmannschaft auf jeden Fall. Gislason steht dank seiner Erfolge ohne Diskussion über allem. Das tut der Mannschaft gut, da sie vorher Christian Prokop hatte, der von Anfang an kein gutes Standing hatte. Bei Gislason gibt es keine Ausreden mehr. Aber es geht generell um Innovationen und den Nachwuchs.

Ich weiß nicht, ob das der Job des Bundestrainers ist, aber ich finde schon, dass Deutschland da noch mehr Potenzial hat. Wir sind quantitativ die größte Handballnation der Welt, und mit einer besseren Nachwuchsarbeit hätten wir schlicht und ergreifend individuell bessere Spieler. Warum haben wir keine Weltklassespieler mehr? Warum haben die Norweger, die Schweden, die Franzosen sie?

Das könnte Sie auch interessieren

Man sollte stetig hinterfragen, was man besser machen kann. Wichtiger ist daher, wer sich um den Nachwuchs kümmert. Bei Jugendturnieren sind deutsche Mannschaften ganz oft weit vorne dabei. Diese Erfolge erringen wir über die mannschaftliche Geschlossenheit und weniger über die Klasse einzelner Spieler. Wir müssen viel individueller arbeiten mit den Talenten, die zweifellos vorhanden sind, um sie weiterzubringen. Uns fehlen die herausragenden Individualisten, die im Eins-gegen-eins den Unterschied machen können.

Wenn Sie ein großes Turnier schauen, kommen da noch Erinnerungen an Ihren EM-Sieg 2004 in Slowenien hoch?

Ich bin zwar keiner, der irgendwelche Andenken aufhebt, auch wenn ich das wahrscheinlich in 20 Jahren mal bereuen werde. Aber klar, denke ich daran noch zurück. Auch von der WM 2003 sind noch viele Szenen präsent, dabei ist das mittlerweile 19 Jahre her.

Ich war immer ein Spieler, der über den Kampf kam und in der Abwehr seine Stärke hatte. Meine Daseinsberechtigung war harte Defensivarbeit. Erst neulich hat meine Mutter mir ein Video gezeigt, wie ich 2003 im WM-Halbfinale kurz vor Schluss beim Stand von 21:20 einem Dänen den Ball mit einem Hechtsprung abnehme. Solche Szenen, da bekomme ich heute noch Gänsehaut…

Das könnte Sie auch interessieren

Sind Sie froh, dass Sie vor 20 Jahren Nationalspieler waren und die Turniere anders erleben konnten als die aktuelle Generation in ihrer „Covid-Blase“?

Was mir leidtut für die Spieler: Bei einem solchen Turnier müssen die Hallen voll sein. Die Stimmung fehlt, die Fans fehlen. Beim WM-Gewinn 2007 waren 20 000 Zuschauer beim Finale in der Halle und danach sind 50 000 in Köln zusammen feiern gegangen. Das ist natürlich genial.

Aber die Zeiten waren generell andere, heute ist alles viel professioneller. Die Spieler trainieren und ernähren sich hochprofessionell, das war bei uns so nicht immer der Fall (lacht). Wir kamen übers Team und sind abends mal aus dem Hotel raus. Das geht aktuell nicht. Einzelzimmer halt…

Das könnte Sie auch interessieren

In Ihrer neuen Rolle als Sportlicher Leiter beim HSC Kreuzlingen müssen Sie nun selbst schauen, dass sich die Männer in der Nationalliga B und die Frauen in der Nationalliga A professionell verhalten. Was genau ist Ihr Job?

Ich bin seit dem vergangenen Juli in Kreuzlingen, wo ich in einem Treuhand-Büro arbeite und zudem beim HSC der Nachfolger meines Freundes und früheren Mitspielers Alexander Mierzwa bin. Ich bin im Vorstand und im operativen Geschäft als Sportlicher Gesamtleiter für unsere Aktivenmannschaften zuständig. Die Männer sind aktuell Zweiter in der zweithöchsten Schweizer Liga, die Frauen belegen in der höchsten Liga Rang fünf.

Das könnte Sie auch interessieren

Die hiesige Region scheint sehr attraktiv zu sein für deutsche Ex-Nationalspieler. Markus Baur kommt aus Mimmenhausen, Alexander Mierzwa lebt seit Jahren in Kreuzlingen. Gibt es eine Bodensee-Connection?

Mit Alex bin ich seit Langem sehr gut befreundet, aber mit den anderen habe ich nur lose Kontakt. Christian Ramota ist übrigens auch in der Schweiz – den habe ich neulich getroffen.

Fühlen Sie sich denn schon wohl in der neuen Heimat?

Mir gefällt es hier sehr gut. Die Region ist mit dem See vor der Haustüre und der Nähe zu Deutschland sehr schön. Das ist einfach perfekt.