Es ist ein Frühlingsabend in den Tagen vor der Coronakrise. Seal Beach, Kalifornien. Yannick Schatz schiebt den Kinderwagen mit seiner kleinen Tochter Indigo an den Pier, Frau Nicole hält der 30-Jährige an der Hand.

Während die Sonne im Pazifik versinkt, gönnen sich einige unentwegte Wellenreiter in der Dämmerung die letzten Schwünge des Tages. Willkommen in der neuen Heimat des früheren Spielers der HSG Konstanz.

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Seit sechs Jahren lebt der Mimmenhausener inzwischen in den USA – und er fühlt sich pudelwohl in der kalifornischen Heimat seiner Frau. Konnte Schatz früher nicht ohne Harz an den Händen leben, so genießt er inzwischen jede Minute auf dem Surfbrett. „Das macht richtig Spaß“, sagt er selbst.

Einige Tage zuvor hat er sich um 5.30 Uhr morgens mit Freunden getroffen, um zuerst im hellen Licht des Vollmondes über die Wellen zu reiten und anschließend auf dem Wasser den Sonnenaufgang zu genießen. „Wenn ich auf dem Surfbrett stehe, denke ich oft: cooles Abenteuer“, sagt Schatz in einer hier oft gesehenen Lässigkeit, mit Dreitagebart und der Cappy falschherum auf dem Kopf.

Neue Leidenschaft: Surfen.
Neue Leidenschaft: Surfen. | Bild: privat

Das coole Abenteuer beginnt vor etwas mehr als sieben Jahren, an Silvester 2012, als der Student mit einigen früheren Handball-Mitspielern in Warschau ins neue Jahr hineinfeiert. Für die Jungs ist es der letzte Tag ihres Kurzurlaubs, für die Amerikanerin Nicole der erste eines Besuchs bei einer Freundin.

Die beiden treffen sich in einer Bar, sind sich sympathisch, bleiben in Kontakt – und führen später über mehrere Jahre eine Fernbeziehung, die ihren Namen verdient.

Nicole und Yannick Schatz mit Tochter Indigo.
Nicole und Yannick Schatz mit Tochter Indigo. | Bild: privat

Im Winter und im Sommer, wenn der Handball Pause macht, fliegt Yannick Schatz nach Kalifornien, wo seine Freundin in Los Angeles lebt. Während der Saison ist Nicole in Konstanz oder Mimmenhausen zu Besuch. Als Schatz 2014 sein Wirtschaftsstudium beendet, will er in den USA ein Praktikum machen und anschließend wieder nach Hause kommen für seinen Sport und den Masterstudiengang.

So ist der Plan. Doch es kommt alles anders. Aus dem Praktikum wird schnell eine Festanstellung als Entwickler bei einer angesehenen Investmentgesellschaft, aus der Fernbeziehung ein Jahr später eine Ehe – und aus dem blonden Sonnyboy vom Bodensee vor vier Monaten der stolze Vater einer Tochter.

Der Junge vom Dorf in der Millionenmetropole

Zuvor allerdings genießt Schatz das Leben in der Metropole Los Angeles in vollen Zügen. Er und seine Frau wohnen in Downtown zwischen Hochhäusern. Um sie herum brummt das Leben: Rooftopbars, Museen, Clubs, und nur einen Sprungwurf entfernt das Staples Center, die Arena, in der die Basketballstars der Lakers auf Korbjagd gehen. Nicht nur einmal verfolgt der Fan aus Germany die Partien. „Das hat riesig Spaß gemacht“, sagt Yannick Schatz, der im Großstadtdschungel so viel hat und dem doch etwas fehlt.

„Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und war als Kind von morgens bis abends im Wald, am See oder auf dem Bolzplatz“, sagt er. „Die Natur vermisse ich schon. Das ist ganz anders als daheim in Mimmenhausen. Hier habe ich zwar viel Sonnenschein, aber wenn ich rausgehe, muss ich immer in einen Park. Und wenn man mal einen Trip plant, muss man riesige Distanzen fahren.“

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Was ihm weniger fehlt als die Natur, der See und die Wälder, ist der Handball – „schockierenderweise“, wie Schatz grinsend zugibt. „Ich vermisse mehr das Umfeld und das Team, da haben sich über die Jahre enge Freundschaften entwickelt. Wenn ich in Deutschland bin, kribbelt es schon, wenn ich ab und zu mittrainiere“, sagt Schatz, der sich immer wieder die Partien der HSG Konstanz im Internet-Livestream vom Sofa aus anschaut. Anfangs spielt er in den USA mit anderen Ausländern im LA Team Handball Club auf Landesliganiveau, wie er es einschätzt, und gewinnt den California Cup.

Als aktiven Sportler zieht es den heute 30-Jährigen hingegen mehr und mehr aufs Wasser. So findet die junge Familie vor einem Jahr ein Appartement in Seal Beach, einem Strandörtchen südlich der Millionenmetropole LA. Hier kann Töchterchen Indigo fern vom Großstadttrubel aufwachsen und der Papa nach Feierabend auf dem Surfbrett entspannen. Yannick Schatz genießt den American Way of Life in vollen Zügen.

Yannick Schatz am Strand von Seal Beach.
Yannick Schatz am Strand von Seal Beach. | Bild: privat

Ganz abgeschlossen hat er mit der alten Heimat aber nicht. Im Gegenteil. Immer wieder kommt Besuch. Von der Familie, seinen Brüdern, die bei Rot-Weiß Salem kicken und der HSG Mimmenhausen-Mühlhofen Handball spielen, von Freunden, früheren Mitspielern oder, ganz selten, auch von Journalisten. Mindestens einmal im Jahr fliegt Schatz mit seiner Frau für einen längeren Zeitraum nach Deutschland.

Dann genießt er vor allem das gänzlich andere Leben. „Da gehe ich am Wochenende Fußball schauen und eine Rote essen, bin auf dem Tennisplatz, spiele Handball, oder feiere an Fasnacht. Da ist immer was los. Dieses gesellschaftliche Miteinander gibt es hier gar nicht. In den USA macht jeder sein Ding, geht arbeiten und schaut, dass er das nächstgrößere Auto oder Haus bekommt und kennt am Ende seine Nachbarn nicht.“

Die Freude auf den Besuch am Bodensee

Yannick Schatz liebt sein neues Leben, das schon, aber er weiß auch das alte sehr zu schätzen. „Ich kann mir durchaus vorstellen, mal eine Zeit in Deutschland zu leben. Je länger du hier bist, desto bewusster werden dir die Vorteile von Europa und Deutschland und den anderen Kulturen. Es wäre schön, wenn meine Kinder, die ich unbedingt zweisprachig erziehen möchte, das mal mitkriegen“, sagt er und ergänzt: „Ich freue mich immer riesig, wenn ich an den kommenden August denke, wenn wir wieder zurück an den Bodensee fliegen.“

Und einige Tage später fügt er am Telefon hinzu: „Hoffentlich, falls wir bis dahin denn wieder reisen können.“