Handball, 2. Bundesliga

HSG Konstanz

ASV Hamm

23:23 (12:13)

Im dritten Spiel der Saison wurde die HSG Konstanz für die bislang durchweg guten Leistungen mit dem ersten Punkt belohnt – ausgerechnet gegen den bis dato ausnahmslos siegreichen Tabellenführer ASV Hamm. Frenetisch gefeiert von den 1000 Fans in der Schänzlehalle besorgte Kapitän Tom Wolf nach einem Fünf-Tore-Rückstand mit der Schlusssirene den Treffer zum 23:23 (12:13).

Hamm auf Siegeskurs

Zehn Minuten zuvor schien dieses Finale Furioso nahezu ausgeschlossen. Hamm bestimmte das Geschehen, hatte alles im Griff. Mit 22:17 lag der ASV in Front und war nur noch einen Wimpernschlag davon entfernt, seine beeindruckende Erfolgsserie weiter auszubauen. Doch die junge Mannschaft aus Konstanz wollte sich nicht schon wieder mit warmen Worten und dem Lob für eine über weite Strecken gute Leistung abspeisen lassen.

Volles Risiko

Punkte waren das Ziel von Tom Wolf & Co. Zunächst verkürzte der HSG-Kapitän auf 20:23 und die Schänzlehalle war wieder heiß gelaufen. Dreieinhalb Minuten vor Schluss ging die HSG volles Risiko und Daniel Eblen stellte auf eine 4:2-Deckung mit den Speerspitzen Tim Jud und Samuel Wendel um. Vielleicht der entscheidende Schachzug, denn Hamm wirkte völlig überrascht. Plötzlich agierten die bislang so souverän aufgetretenen Gäste nervös, fast verunsichert – und hatten nun auch nicht das Glück auf ihrer Seite. Das hatte sich Konstanz erzwungen. Die Gelb-Blauen hatten alle 13 Feldspieler eingesetzt und die Kräfte gut verteilt. Beckmann wurde dabei zum Sinnbild der Partie. Erst scheiterte er im freien Tempogegenstoß am guten Felix Storbeck im ASV-Kasten, dann unterlief ihm ein technischer Fehler. Doch Beckmann schüttelte sich, biss auf die Zähne und tankte sich danach mit toller Dynamik und beeindruckender Entschlossenheit durch: Doppelschlag zum 22:23.

Anschluss geschafft

Der Anschluss war geschafft. Doch die HSG schaltete noch einmal einen Gang höher und wurde für leidenschaftliche Abwehrarbeit mit einer offenen Deckung belohnt. Im ersten Versuch scheiterte Paul Kaletsch noch am Block, doch durch Beckmanns schnellen Rückzug und ein Offensivfoul von Marten Franke gab es noch einmal die Gelegenheit für die Gelb-Blauen. Wie schon mehrmals gesehen, kam Tom Wolf, sah – und traf. Mit einem Stemmwurf aus dem Stand wuchtete er den Ball auf das Gästetor – 23:23.

Hamms Trainer enttäuscht

Kay Rothenpieler, Trainer des ASV Hamm, nach dem ersten Schock: „Das war eine Riesenstimmung. Wir wussten, dass dies ein Hexenkessel werden wird. Dann, wenn wir Konstanz ins Spiel bringen.“ Angesichts der Fünf-Tore-Führung zehn Minuten vor Schluss, „normal ist das Spiel weg“ (Rothenpieler), musste der Ex-Nationalspieler erst einmal die Enttäuschung verarbeiten, während um ihn herum längst die Party im Tollhaus Schänzlehalle begonnen hatte. „Konstanz hat sich nie aufgegeben, hat eine offensivere Deckung gespielt. Wir haben es dann nicht clever gelöst.“ So sei die Halle noch einmal richtig gekommen und die HSG habe die „zweite oder dritte Luft bekommen“, sagte der Coach der Gäste.

Daniel Eblen zufrieden

Sein Gegenüber strahlte in diesem Augenblick einfach nur. Ein zufriedenes Lächeln bahnte sich immer wieder den Weg auf die Lippen von Daniel Eblen. „Wir haben uns den Punkt einfach erarbeitet“, lobte der 44-Jährige. „Und zwar nicht nur über die 60 Minuten heute, sondern über die kompletten drei Partien in dieser Saison. Jetzt sind wir dafür belohnt worden.“ Das Gefühl des Konstanzer Übungsleiters vor der verrückten Schlussphase sollte ihn nicht täuschen. Mehr Power habe er auf Seiten seines Teams verspürt, meinte er und gestand: „Es war dann mehr Risiko nötig.“

Haßferter als starker Rückhalt

In der ersten Hälfte hatte sich die HSG schon überraschend auf einem Niveau mit dem bisherigen Ausnahmeteam der Liga bewegt, das alle bisherigen Spiele sehr deutlich für sich entschieden hatte, überzeugte wieder mit leidenschaftlicher, toller Abwehrarbeit und hatte mit Michael Haßferter einen bärenstarken Rückhalt im Tor. Ein Faktor, den allerdings auch Hamm in Person von Felix Storbeck für sich verbuchen konnte. Gerade als der Ligaprimus zu Beginn des zweiten Durchgangs mit einem 5:1-Lauf auf 19:14 erhöht (39.) und sich die HSG im Angriff extrem schwer getan hatte.

„Pure Erlösung„

Am Ende war alles vergessen. Eblen: „Keiner hat aufgehört, alle haben immer weitergemacht, sich gut bewegt, Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. Dieser Punkt ist sehr wichtig für uns. Die Jungs sehen, dass man irgendwann für gute Spiele belohnt wird.“ Und an die Fans gerichtet: „Das war ein ganzer Punkt wert, was ihr hier gemacht habt.“ Das Schlusswort gebührte jedoch Tom Wolf: „Das war pure Erlösung. Wenn man sieht, was in der Halle wieder los war, dass wir uns endlich belohnt haben. Das tut gut.“

HSG Konstanz: M. Wolf, Tölke, Haßferter (beide Tor); Stotz (1), Schlaich (1), Hild, T. Wolf (4/2), Wiederstein (3), Kaletsch (6), Krüger (1), Maier-Hasselmann, Beckmann (2), Braun (3), Jud (1), Keupp, Wendel (1). – Z: 950.

Fynn Beckmann.
Fynn Beckmann. | Bild: Peter Pisa

„Wir haben nie den Kopf hängen lassen“

Fynn Beckmann (24) hatte im Duell mit Hamm entscheidenden Anteil daran, dass die HSG Konstanz im dritten Spiel den ersten Punkt holen konnte

Was für ein Wechselbad der Gefühle: Erst unterlaufen Ihnen zwei Fehler, dann gelingt Ihnen der Doppelschlag zum Anschluss und schließlich besorgt Tom Wolf den Punkgewinn mit der Schlusssirene.

Dieses Spiel war eine Achterbahnfahrt. Ich kam rein und wollte mit Mut auf das Tor gehen. Nach dem vergebenen Gegenstoß war ich schon etwas gefrustet. Fabian Schlaich hat dann zu mir gesagt: Reiß dich zusammen, wenn du weiter mit Mut auf das Tor gehst, wirst du das Spiel entscheiden. Das ist dann auch ganz gut gelungen.

Haben Sie nach dem Fünf-Tore-Rückstand diese Wende noch für möglich gehalten?

Wir haben nie den Kopf hängen lassen, auch als wir deutlich hinten waren. Dann wurde die Abwehr umgestellt und unsere Kämpfer-Moral hat sich ausgezahlt. Das war überragend. Was sich dann in der Halle abgespielt hat, kann ich immer noch nicht realisieren. Das war geil.

Wie fühlt sich der Punkt an?

Diesen Punkt haben wir uns über die letzten drei Spiele verdient. Gegen Hüttenberg und Bietigheim waren wir schon ganz nahe dran, aber es hat ein wenig die Cleverness gefehlt. Jetzt war sie da, dazu Siegeswille und Kampfgeist, das hat den Punkt gebracht.

Fragen: Andreas Joas