Schwimmen: Was sind 2,03 Meter mal 2,03 Meter? Mathematisch 4,1208 Quadratmeter, wir wollen das aber mal anders ausdrücken: 2,03 mal 2,03 ergibt den Schwimmer Timo Sorgius!

Körpergröße 2,03 Meter. Spannweite vom ausgestreckten linken zum ausgestreckten rechten Arm 2,03 Meter. Alter: 16. Seit gestern, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Der junge Mann aus Konstanz hat die Gratulationen von Eltern, Bruder und Freunden am Telefon und via soziale Medien entgegengenommen, denn Timo Sorgius absolviert gerade ein Trainingslager in Heidelberg – Vorbereitung auf das „European Youth Olympic Festival“, das vom 21. bis zum 27. Juli in Baku stattfindet. Der Konstanzer, der im Sportinternat in Saarbrücken lebt, weil er dort günstige Bedingungen hat für seinen Sport, ist einer von acht deutschen Nachwuchsschwimmern, die für die Wettkämpfe in der Hauptstadt Aserbaidschans nominiert wurden.

Ticket für Baku hat Timo in der Tasche

Das Ticket für Baku hat sich Timo bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Berlin gesichert – sieben Starts in Freistil- und Rückendisziplinen, sieben Finals, sechs Medaillen, zwei erste, drei zweite und ein dritter Platz, nur über 100 Meter Rücken blieb er mit Rang sieben ohne Plakette. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es auch da zu einem Topergebnis gereicht hätte, wenn nicht kurz zuvor das 200-Meter-Freistil-Finale gewesen wäre. Das gewann Timo übrigens, wie auch das Finale über 100 Meter Freistil. Das Kraulen also seine beste Disziplin, inzwischen besser als Rücken? Timo zuckt mit den Schultern, er schwimmt beides gerne. Mama Alexandra Sorgius hilft weiter: „Nächstes Jahr entscheidet sich, was Timos Haupt- und Nebenlage wird.“

2,01 Meter – noch kein Ende in Sicht

2,03 Meter groß mit 16? „Die prognostizierten 2,01 Meter hat er schon übertroffen“, sagt Timos Mutter, noch kein Ende in Sicht. 2,03 Meter Spannweite? Wächst Timo weiter, wird sich auch dieser Wert noch erhöhen. Vielleicht bis auf 2,13 Meter? Es gab mal einen deutschen Schwimmer, der diese Spannweite aufzuweisen hatte, weshalb sie ihn Albatros nannten. Michael Groß, geboren in Frankfurt, startend für den Schwimmclub Offenbach, zwischen 1982 und 1991 dreimal Olympiasieger, fünfmal Weltmeister und 13-mal Europameister, war ein Ausnahmekönner. TV-Reporter Jörg Wontorra kreierte bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles das geflügelte Wort, das 2019 sogar auf einer Briefmarke verewigt wurde: „Flieg, Albatros, flieg!“ Und Groß flog zu Gold über 200 Meter Freistil.

Ein „Albatros“ ist Sorgius natürlich noch nicht

Ein Albatros ist Timo Sorgius natürlich noch nicht, als einer der besten deutschen Schwimmer des Jahrgangs 2003 aber sicher schon ein mittelgroßer Steinadler. Und wer weiß, 2028 macht Olympia ja wieder in L.A. Station…

Stop. So weit denkt Timo nicht. Nicht bis Los Angeles, auch nicht bis zu den Spielen 2024 in Paris und schon gar nicht bis Tokio 2020. „Träumen?“ wiederholt er den Anfang der Frage, „träumen kann man schon mal, aber um so ein Ziel zu erreichen, müsste doch jede Saison optimal verlaufen, ohne Verletzungen, ohne Infekte.“ Der 16-Jährige ist höflich, zurückhaltend, fast schüchtern, er sagt es nicht, aber wohl denkt er es sich: Träumen ist nicht zielführend. Und da Timo Sorgius sehr zielstrebig ist, „sind Zwischenziele wichtiger“.

Ein Zwischenziel wie Baku. Oder die deutschen Meisterschaften in Berlin, die sich nahtlos anreihen. Oder die Kinderolympiade in Russland im Dezember, für die Timo Sorgius eine Einladung erhalten hat – von Alexander Popow, dem überragenden Freistilschwimmer in der Zeit nach Groß. Eine Ehre, die nicht jedem zuteil wird.

Hohe, aber erreichbare Ziele

Überhaupt Ziele und Zwischenziele. In Saarbrücken kommt Timo Sorgius gut mit der Philosophie seiner Trainer zurecht. „Es werden hohe, aber erreichbare Ziele gesetzt“, sagt Timo. Genauso wichtig ist die Schule, „wer die Schule nicht schafft, muss den Stützpunkt verlassen“. Von Montag bis Freitag fährt der Schüler Sorgius 15 Minuten mit dem Bus nach Dudweiler, wo er die Realschule besucht, und nach dem Unterricht wieder zurück. Und, klappt es mit der Schule? Timo lächelt und sagt: „Ich bin da ganz gelassen.“ Die Mama sagt: „Es sind seine Noten, nicht meine.“

Entspanntes Miteinander im Elternhaus

Es ist ein entspanntes Miteinander. Die Kommunikation zwischen Sohnemann und Elternhaus findet meistens über Whatsapp statt. „Keine Nachrichten sind gute Nachrichten“, erklärt Alexandra Sorgius, „wenn‘s zunimmt, ist was im Busch.“ Das kommt allerdings kaum mehr vor. Bei der Station davor, am Olympiastützpunkt in Halle an der Saale, war das anders gewesen. „Dort wurden Ziele vorgegeben, die nicht erreichbar waren“, erzählt Timos Mutter, „mit dem Druck konnte er nicht wirklich gut umgehen.“ Außerdem war Timo damals ja auch erst 13 und an den Wochenenden meist allein, wenn die anderen Jugendlichen Freitagnachmittag von ihren Eltern abgeholt und Montagmorgen wieder gebracht wurden.

Fünf Tage Schule, sechs Tage Training

In Saarbrücken ist alles gut. Fünf Tage Schule, sechs Tage Training, am Sonntag ist Ruhe. „Ausschlafen bis halb zwei“, sagt Timo und grinst. Mit Kneipengang oder Discobesuch am Samstagabend hat das freilich nichts zu tun, der Sonntag taugt, um sich von den Strapazen der Woche zu erholen.

In den Pfingstferien war Timo Sorgius in Konstanz. Freizeit, Müßiggang? Fehlanzeige. Zehn Einheiten an sechs Tagen in der Bodenseetherme, auch da war nur der Sonntag frei. Aber er hat es so gewollt, seit er im Schlepptau des älteren Bruders Paul als Vierjähriger erstmals zum Schwimmen ging. Schnell folgten das Seepferdchen, mit sieben Jahren die ersten Wettkämpfe und mit 13 die erste Medaille bei einer deutschen Meisterschaft. Und jetzt ist Timo Sorgius sozusagen ein mittelgroßer Seeadler. Und vielleicht irgendwann ein Albatros – wenn das denn zum Ziel werden sollte.