Sieben Minuten vor Schluss wirft HSG-Torhüter Michael Haßferter den Ball ins leere Tor. 30:21 für Konstanz, die HSG-Fans reißt es endgültig von den Sitzen, der EHV Aue ist nicht nur besiegt, sondern fast schon gedemütigt.

In dem extrem wichtigen Spiel, in dem es gegen einen Mitkonkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt geht, hat der Zweitliga-Aufsteiger vom Bodensee bis zu dieser 53. Minute eine konzentrierte, überzeugende, phasenweise überragende Leistung geboten und steuert dem Kantersieg entgegen.

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60. Minute. Aue läuft schon wieder einen Tempogegenstoß, der Wurf geht allerdings über den Kasten – und Schluss. Auf der Anzeigetafel steht 30:27. Ja, 30:27, die Konstanzer Handballer haben die letzten sieben Minuten 0:6 verloren und sogar ein 0:7 wäre noch möglich gewesen. Wie kann so etwas passieren und wie geht man mit so einer Schlussphase um?

Schwierige Frage – einfache Antwort. Jedenfalls für Daniel Eblen.

„Die Leistung war stark, das Spiel gewonnen. Dann ist die Anspannung abgefallen und es hat sich Übermut eingeschlichen.“

Daniel Eblen
Daniel Eblen | Bild: Peter Pisa

Die Folge: ein unvorbereiteter Wurf, ein misslungenes Kreisanspiel, ein seltsamer, prompt in die Hose gegangener Querpass statt eines Torwurfs aus freier Position, nach Balleroberung ein unnötig forcierter Tempogegenstoß, bei dem die Kugel direkt in gegnerischen Händen landet, zwei krasse Fehlpässe – es sind kleine, zum Teil auch hanebüchene Fehler, am Ende steht immer noch ein klarer Sieg, aber das schon vorhandene Ausrufezeichen ist verschwunden.

„Das ist gar nicht so schlimm“, sagt Eblen, „wichtig sind vor allem die zwei Punkte.“ Augenzwinkernd erklärt er, dass ihm „ein hoher Sieg mehr Arbeit“ beschert hätte. „Ich habe eine junge Mannschaft, viele Spieler, die auch schnell mal euphorisch werden. Mit den 0:6 Toren am Ende habe ich es leichter, Fehler anzusprechen.“

HSG-Torhüter Michael Haßferter (links) und Tom Wolf.
HSG-Torhüter Michael Haßferter (links) und Tom Wolf. | Bild: Peter Pisa

Auch André Melchert, Sportlicher Leiter und Co-Trainer, will sich die Freude über den Sieg, die Punkte und den Sprung auf Platz 13 der Tabelle (Aue, Nettelstedt-Lübbecke und Hüttenberg hat die HSG aktuell überholt) auch nicht nehmen lassen.

Immerhin entfährt ihm die Bemerkung, dass man den Spielern schon gesagt habe, „dass auch das Torverhältnis entscheidend sein kann“.

Andre Melchert
Andre Melchert | Bild: Peter Pisa

Paul Kaletsch, nach den 28-jährigen „Fabian-Methusalems“ (Maier-Hasselmann und Schlaich) drittältester Spieler bei der HSG, packt alles zusammen in einen Satz: „Wir sind eben noch nicht so weit.“

Paul Kaletsch
Paul Kaletsch | Bild: Peter Pisa

Was er damit meint: so weit ist gleich so cool ist gleich so clever ist gleich so routiniert. Wie aber sollte das auch sein, wenn das Durchschnittsalter der HSG-Akteure, die gegen Aue im Kader waren, gerade mal 23,8 Jahre beträgt?

Viel Zeit hat Trainer Eblen im Übrigen nicht, mit seinen Schützlingen das Spiel zu besprechen. Ein schnelles, tief überzeugtes Lob, mahnende Worte mit erhobenem Zeigefinger, bitteschön auf dem Boden zu bleiben, gerade dann, wenn es mal sehr gut gelaufen ist, mehr Zeit ist nicht. Denn nach nur drei Trainingseinheiten steht schon am Donnerstag die Fahrt zum Auswärtsspiel in Hamburg an, das auf Freitagabend terminiert ist.

Da gilt es dann, den nächsten Versuch zu starten, aus der Fremde mal etwas Zählbares mitzubringen. Das würde dann ja auch eine lange Bus-Heimreise angenehmer werden lassen.