Im März 2010 steht die Überlingerin Aline Bock am Fuß des 3223 Meter hohen Berges Bec de Rosses in den Walliser Alpen. Die damals 27-Jährige hat Freudentränen in den Augen, als sie im dichten Schneetreiben mit ihren Eltern den größten Triumph ihres Sportlerinnenlebens feiert. Platz zwei hat ihr in Verbier bei der finalen Etappe der Freeride World Tour zum Gesamtsieg gereicht.

Titelgewinn in Verbier.
Titelgewinn in Verbier. | Bild: privat

Was sie damals nicht weiß: Es ist der Höhepunkt einer überaus erfolgreichen Karriere. Und doch ist es der Startschuss zu einer völlig neuen, völlig anderen Laufbahn.

„Für viele bin ich inzwischen in Sportler-Rente, weil sie denken, ich sei nach meinem Ausstieg aus dem Wettkampf nicht mehr aktiv“, sagt die heute 37-Jährige in einem Café auf Besuch in ihrer Heimat am Bodensee und lacht. Dem ist natürlich nicht so. Aline Bock ist auch weiterhin erfolgreich, etwa auf der Welttour im Banked Slalom, doch ihre Prioritäten sind nun andere.

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„Mit den Erfolgen im Wettkampfsport konnte ich mir einen Namen machen und ein Netzwerk aufbauen“, fährt sie fort und meint damit ihre neue Leidenschaft: das Filmemachen. „Ich mache jetzt das, was mir wirklich am Herzen liegt“, sagt Aline Bock.

Bei den sportlichen Wettbewerben liegt der Fokus ganz auf „mir selbst, wo meine Grenzen sind, welche Wettkampf-Erfolge ich feiern kann“, erklärt Bock. Ihre Filme dagegen stehen für ein größeres Ganzes. „Ich möchte gesellschaftlich wichtige Dinge tun, für andere ein Sprachrohr sein und sie motivieren und inspirieren.“

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So stehen Themen wir Klimawandel, Umweltschutz oder Gleichberechtigung im Mittelpunkt ihrer Werke. „Ich hätte nie gedacht, dass ich es so weit schaffen kann“, sagt die Überlingerin.

Bereits als aktive Fahrerin auf der Freeride World Tour steht Aline Bock als Protagonistin für Sponsorenfilme oder Fotoshootings vor der Kamera. Nach dem Ausstieg aus dem Wettkampfsport 2015 folgt dann der Seitenwechsel.

Die Überlingerin Aline Bock unterwegs mit ihrem Snowboard in Japan.
Die Überlingerin Aline Bock unterwegs mit ihrem Snowboard in Japan. | Bild: Aaron Jamieson

Als Bock und die Skifahrerin Lena Stoffel im Winter 2013 verletzt pausieren, fahren sie mit dem Wohnmobil über die Lofoten, wo „wir unsere Passionen fürs Surfen und Snowboarden verbinden konnten“, so Aline Bock. Aus der Reise entsteht das Zwölf-Minuten-Werk „Way North“, „das uns motiviert hat, weiter zu machen“.

Aline Bock und Lena Stoffel beim Surfen auf den Lofoten.
Aline Bock und Lena Stoffel beim Surfen auf den Lofoten. | Bild: Nick Pumphrey

Fortan drehen und produzieren die beiden Filme wie das 20-Minuten-Stück „Way East“ in Japan. „Wir wollten uns selbst ein Bild davon machen, wie es fünf Jahre nach dem Reaktor-Unfall von Fukushima tatsächlich aussieht“, sagt Bock, die sich alles Fachwissen selbst beigebracht hat.

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Im Mittelpunkt ihrer Filme stehen neben der Story immer Sport, Natur und Landschaft. „Wir hatten das Glück, ein bisschen Vorreiter zu sein“, sagt Aline Bock, „gerade ist es ja ein großer Trend, Filme mit politischen Botschaften zu machen.“

Nachtquartier in Japan.
Nachtquartier in Japan. | Bild: Aaron Jamieson

Ihr aktuelles Projekt hat Aline Bock gemeinsam mit Anne-Flore Marxer aus der Schweiz realisiert, die ebenfalls die Freeride World Tour gefahren ist. Die beiden Weltmeisterinnen – Marxer holte den Titel 2011 – reisten im Wohnmobil durch Island, wo sie den mittlerweile preisgekrönten Film „A land shaped by women“, zu Deutsch, ein Land, das von Frauen geformt wurde, drehten.

Aline Bock und Anne-Flore Marxer vor ihrem Wohnmobil in Island.
Aline Bock und Anne-Flore Marxer vor ihrem Wohnmobil in Island. | Bild: Eleonora Raggi

Bock und Marxer snowboarden und surfen und treffen dabei isländische Frauen, die ihnen einen Einblick in ihre Mentalitat gewahren, leben sie doch in einem Land mit einer langen Geschichte zum Thema Gleichstellung von Frauen und Mannern.

Aline Bock und Anne-Flore Marxer erklimmen einen Hang vor der Abfahrt.
Aline Bock und Anne-Flore Marxer erklimmen einen Hang vor der Abfahrt. | Bild: Eleonora Raggi

So sprechen sie mit einer Menschenrechtsanwältin, die mit anderen zusammen Islands neue Verfassung geschrieben hat, holen sich Tipps zur Motivation von der ersten Isländerin, die dem Mount Everest bestiegen hat, oder interviewen Islands erste Surferin.

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Parallel dazu läuft noch bis Ende April im österreichischen Landesskimuseum in Werfenweng die Multimedia-Ausstellung „Gleichberechtigung? Island!“ von Aline Bock und Anne-Flore Marxer zum Thema Gleichberechtigung in ihrer Wahlheimat Österreich verglichen mit Island.

Ausstellungseröffnung im österreichischen Landesskimuseum in Salzburg/Werfenweng.
Ausstellungseröffnung im österreichischen Landesskimuseum in Salzburg/Werfenweng. | Bild: Johnny Morano

„Auf dem Land leben viele Menschen noch sehr konservativ“, sagt Bock. Bei der Eröffnungsfeier habe es rege Diskussionen unter den etwa 200 Gästen gegeben. „So wurde im positiven Sinn ein Dialog eröffnet, was für mich das Ziel dieser Ausstellung war“, sagt Bock.

Bild: Johnny Morano

Und in Zukunft? „Gerade durchlebe ich eine kreative Pause“, sagt Aline Bock. „Ich habe keine Lust, irgendeinen Film zu machen. Es muss ein Thema sein, das mir am Herzen liegt“, fährt sie fort. Es gebe „unglaublich viele Projekte, die mich inspirieren“. Die Ideen gehen ihr nicht aus.

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