Seit einigen Jahren lebt Mirko Benischke, einst als Schiedsrichter für die SG Malsburg-Marzell aktiv, in den Niederlanden, zuvor war er als Student in Neuseeland. Sein früherer Kamerad Steffen Fante hat sich mit dem 36-Jährigen unterhalten.

Hallo Mirko, du warst als Schiedsrichter viele Jahre in der Verbands- und Oberliga Baden-Württemberg unterwegs. Wohin hat es dich verschlagen und bist Du immer noch als Schiedsrichter aktiv?

Ich habe Südbaden vor zehn Jahren in Richtung Neuseeland verlassen. Dort habe ich insgesamt sechs Jahre während meines Studiums verbracht. 2014 kam ich wieder nach Europa zurück. Jetzt arbeite und wohne ich in Rotterdam. Seit meiner Rückkehr bin ich nicht mehr als Schiedsrichter aktiv, sondern verfolge das Geschehen nur noch am Fernsehgerät.

Was machst Du beruflich?

Ich arbeite als Assistant Professor an der Erasmus Universität in Rotterdam, wo ich die neue Generation an Studenten im Fach BWL unterhalte.

Abstecher in die Heimat: Mirko Benischke leitete während seines Urlaubs im Herbst 2012 das Bezirksliga-Spiel zwischen dem SV Buch und dem FC Hochrhein (0:0).
Abstecher in die Heimat: Mirko Benischke leitete während seines Urlaubs im Herbst 2012 das Bezirksliga-Spiel zwischen dem SV Buch und dem FC Hochrhein (0:0). | Bild: Reinhard Herbrig

Hast Du noch Kontakt in die alte Heimat?

Leider nicht mehr so viel, da ich nicht so oft zu Besuch hier bin. Aber ich habe noch mehr oder weniger intensive Kontakte in die Heimat.

Und wie war das damals mit der Champions-League in Ozeanien?

Ich war positiv überrascht, wie ich von den Schiedsrichtern und den Offiziellen in Neuseeland aufgenommen wurde. So hatte ich das Glück, dass ich insgesamt vier Champions-League Spiele in Ozeanien leiten durfte – in Vanuatu, Fidschi und Tahiti. Hinzu kam ein Vor-Qualifikationsturnier auf Tonga. Eine Reise nach Samoa musste ich leider wegen eines Terminkonflikts absagen.

Was war das für ein Gefühl?

Obwohl das Niveau natürlich auf keinen Fall mit Europa zu vergleichen ist, war es ein tolles Erlebnis zur FIFA-Hymne ins Stadion einzulaufen. In Vanuatu, wo ich zweimal war, war das Stadion immer ausverkauft. Neben den gut 13.000 Zuschauern im Stadion, haben noch einige hundert Leute das Spiel von den Dächern und Bäumen neben dem Stadion verfolgt. Das verursachte schon etwas Gänsehaut bei mir.

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Wo lagen die Unterschiede zwischen Neuseeland und dem DFB?

Das ist schwer zu beurteilen, da ich nie auf DFB-Ebene aktiv war. Die Ligen sind etwas anders strukturiert als in Deutschland. Es gibt eine „National League“ – die höchste Spielklasse –, der eine feste Anzahl an Vereinen angehört. Auf- und Abstieg im klassischen Sinne gab es nicht.

Gibt es Spielklassen darunter?

Der Amateur-Bereich war so organisiert, wie ich es aus Deutschland kannte – mit Auf- und Absteigern. Auffallend war, dass das Schiedsrichter-Wesen sehr professionell aufgestellt st, obwohl Fußball in Neuseeland einen anderen Stellenwert als bei uns hat. In der National League gibt es selten mehr als 1000 Zuschauer.

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Wie hat sich das gezeigt?

Während der Saison gab es ein bis zwei gemeinsame Trainingseinheiten pro Woche. Wir mussten die Leistungsprüfung jeden zweiten Monat absolvieren, ansonsten wurden wir nicht mehr eingesetzt. Es gab auch detaillierte Trainingspläne, denen wir zu folgen hatten. Es war beeindruckend, zu sehen wie viel Zeit und Mühe jene Schiedsrichter investiert haben, die auch international unterwegs waren – und das bei einer deutlich geringeren finanziellen Entschädigung als beim DFB.

Gab es sonst noch Unterschiede?

Nach jedem Spiel mussten wir einen eigenen Bericht einreichen, in dem wir unsere eigene Leistung kritisch aufarbeiten sollten. Obwohl das natürlich immer dazu gehört, hat es durchaus geholfen, einen strukturierten Prozess zu haben, der die Aufarbeitung zur Routine gemacht hat. Interessanterweise wurden wir auch von den Vereinen nach jedem Spiel bewertet. Obwohl die Bewertung natürlich nicht ausschlaggebend war, gab es schon Fälle, in denen diese Bewertungen auch aufgearbeitet wurden. Mir fiel auch relativ schnell auf, dass deutlich mehr Wert auf die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Spielern auf und neben dem Platz gelegt wird. Ansonsten wurde viel mit Video-Material gearbeitet. In der Regelumsetzung gab es keine großen Unterschiede, nur dass eigentlich immer direkt den FIFA-Anweisungen gefolgt wurde und es keine eigene Auslegung der Anweisungen gab.

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Was war der Höhepunkt deiner Schiedsrichter-Zeit dort?

Da gab es einiges: Neben den Einsätzen in der Champions League und einigen TV-Spielen in der „National League“, wurde ich einmal mit der Leitung des nationalen Pokalfinales betraut. In Erinnerung blieb mir auch ein Einsatz als Vierter Offizieller beim Spiel zwischen Neuseeland und Jordanien, sowie mein Einsatz als Schiedsrichter bei einem Trainingsspiels der „All Whites“ kurz vor der Abreise zur WM 2010 nach Südafrika.

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Was willst Du Deinen Schiedsrichterkameraden in der alten Heimat mitgeben?

Ich denke, die wissen schon selbst was sie tun müssen. Aber der Tapetenwechsel und sich aufs Neue beweisen zu müssen hatte mir damals wirklich gut getan. Drei Dinge sind mir dabei aufgefallen. Erstens: Mir wurde klar, dass man viel selbstkritischer mit seinen eigenen Leistungen umgehen sollte. Fehler habe ich fast immer bei anderen – auch bei den Beobachtern – gesucht. Oft aber waren es wirklich Punkte, an denen ich hätte arbeiten sollen.

Zweitens?

Die Spieleinteiler werden es nicht gern hören. Aber man sollte nicht zu viele Spiele leiten, sonst schleppt man sich nur noch von Spiel zu Spiel. Ohne aber Zeit zu haben, ein Spiel aufzuarbeiten und zu reflektieren. Und drittens finde ich die Kommunikation mit Spielern wichtig. Das habe ich immer unterschätzt. Klar, man muss sich nicht anbrüllen lassen, aber man kann viel erreichen, wenn man auch Spielern gegenüber Respekt zeigt und während des Spiels versucht, bis zu einem gewissen Grad auf sie einzugehen. Das Wichtigste ist aber, dass man die Freude an seinem Hobby nicht verliert!

Fragen: Steffen Fante