Modernes Wohnen des 21. Jahrhunderts mitten im traditionsreichen Bad Dürrheimer Kurgebiet? Für Sebastian Merke ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: Der geschäftsführende Vorstand der Baugenossenschaft Familienheim eG aus Villingen-Schwenningen ist davon überzeugt, dass der beschauliche Ortsrand der 13 000-Einwohner-Stadt ein hervorragender Standort für eine neue Generation des Mietwohnungsbaus ist. „Aus diesem Grund haben wir hier in der Hammerbühlstraße 2016 unsere Mikrolofts erbaut“, sagt er.

Digitalisierung bis in den Briefkasten: Beim Bau der Mikrolofts hat Sebastian Merkle von der Baugenossenschaft Familienheim in Villingen-Schwenningen Wert auf ein intelligentes Schließsystem gelegt.
Digitalisierung bis in den Briefkasten: Beim Bau der Mikrolofts hat Sebastian Merkle von der Baugenossenschaft Familienheim in Villingen-Schwenningen Wert auf ein intelligentes Schließsystem gelegt. | Bild: Heike Thissen

Moderne Mietwohnungen

Die Baugenossenschaft aus dem Schwarzwald sieht sich seit Jahren mit derselben Herausforderung konfrontiert wie alle Bauherren: Die Baupreise steigen kontinuierlich, was wiederum zu steigenden Mietpreisen führt. Bezahlbare, neue Mietwohnungen gibt es immer seltener. „Also entschieden für uns dafür, ein neues Konzepthaus zu entwickeln. Unser Ziel war eine günstige Miete bei maximalem Wohnkomfort und moderner Ausstattung. Am Ende entstand das Mikroloft – eine besondere Form des genossenschaftlichen Wohnungsbaus“, erklärt Sebastian Merkle. Dafür holte er ein Team aus Architekten, Ingenieuren, Statikern und Energieexperten an einen Tisch und achtete schon in der Planungsphase strikt darauf, die Kosten auf ein Minimum zu senken. „Ein ‚Das haben wir immer schon so gemacht‘ gab es bei den wöchentlichen Treffen nicht. Wir haben den Hausbau, wie wir ihn kannten, einmal komplett auf den Kopf gestellt und jedes noch so kleine Detail auf seine Sinnhaftigkeit überprüft“, erinnert sich Merkle an diese intensive Zeit.

Klein und praktisch: Die Minilofts lassen sich unkompliziert übereinander und nebeneinander stapeln. Das trägt dazu bei, die Baukosten zu senken und die Mietpreise niedrig zu halten.
Klein und praktisch: Die Minilofts lassen sich unkompliziert übereinander und nebeneinander stapeln. Das trägt dazu bei, die Baukosten zu senken und die Mietpreise niedrig zu halten. | Bild: Photographer: Serhan Sidan

Aus U1000-Haus wurde Mikroloft

Der ursprüngliche Plan war sogar, ein Haus für unter 1000 Euro pro Quadratmeter zu bauen, weswegen das Mikroloft in seiner Planungsphase auch U1000-Haus hieß. „Das haben wir nicht ganz geschafft. Aber wir waren nah genug dran“, sagt Merkle rückblickend. Was sehr wohl gelang: Durch die besonders durchdachte Bauweise ließen sich Kaltmieten ermöglichen, die um bis zu 25 Prozent unter den ortsüblich vergleichbaren Mietpreisen lagen – und noch heute liegen. „Außerdem ermöglicht die modulare Bauweise sowohl ein Aufstocken der Gebäude, als auch das beliebige Platzieren der Gebäude neben- oder hintereinander“, erklärt Merkle den Clou. Der Prototyp in Villingen war 2014 fertig, das Interesse in ganz Deutschland groß. 2015 gab es für die Mikrolofts den Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft und den zweiten Preis beim Demografie Exzellenz Award.

Viel Platz auf wenig Quadratmetern: Die Mikrolofts machen mit ihrer offenen Bauweise ihrem Namen alle Ehre. Sogar ein Balkon gehört zu jeder Wohnung dazu.
Viel Platz auf wenig Quadratmetern: Die Mikrolofts machen mit ihrer offenen Bauweise ihrem Namen alle Ehre. Sogar ein Balkon gehört zu jeder Wohnung dazu. | Bild: Serhan Sidan

65 Quadratmeter gesucht

Wohnflächen zwischen 38 Quadratmetern in einer Einzimmerwohnung bis zu 90 Quadratmetern in einer Vierzimmerwohnung sind in den Mikrolofts möglich. Die Standardwohnung jedoch ist 65 Quadratmeter groß und hat drei Zimmer – das ist das, wonach der Wohnungsmarkt in Villingen-Schwenningen am meisten verlangt. Trotz „mikro“ steckt das „Loft“ mit seinem offenen Grundriss in jeder Wohnung. Dazu gehört neben zwei Abstellkammern auch ein 6 Quadratmeter großer Balkon. Anstelle eines Flurs gibt es einen zwei Quadratmeter großen Windfang, lediglich Badezimmer und Schlafzimmer sind vom Rest der Wohnung abgetrennt. Sämtliche Wohnungen sind mit einer digitalen Schließanlage ausgestattet, große Rollläden funktionieren elektrisch und wer schlecht zu Fuß ist, profitiert von eine mittlerweile weiterentwickelten barrierearmen Bauweise der Mikrolofts. Und weil selbst das attraktivste Wohnen heute nicht mehr ohne Digitalisierung auskommt, hat die Genossenschaft vor wenigen Monaten in der Bad Dürrheimer Hammerbühl-Straße auf eigene Kosten ein Glasfaserkabel verlegen lassen, um ihren Mietern schnelles Internet bieten zu können.

Nächstes Projekt im Luisenquartier

Seit dem ersten Prototyp hat die Familienheim Villingen-Schwenningen zwischen Bodensee und Tübingen mehr als 250 Mikrolofts gebaut, im Schnitt für etwas über 2000 Euro brutto pro Quadratmeter inklusive sämtlicher Kosten – das Grundstück ausgenommen. Mit dem Herbst 2020 steht das nächste Mikroloft-Projekt an: Im Villinger Luisenquartier werden 85 Wohnungen auf einem ehemaligen Klinikparkplatz entstehen. Hier wollen Merkle und sein Team vor allem in Sachen Nachhaltigkeit aus dem Vollen schöpfen. Das Quartier wird in Vollholzbauweise errichtet, die Fassaden werden begrünt und die Dachgärten mit Urban Gardening bewirtschaftet. Private E-Autos sollen den auf dem Dach erzeugten Strom tanken. Ein Car-Sharing-Fahrzeug soll den Mietern dann genauso zur Verfügung stehen wie E-Roller und Lastenfahrräder. „Außerdem wird es im Luisenquartier gelebte Inklusion geben dank eines Wohnprojekts für 24 Menschen mit und ohne Handicap“, zählt Sebastian Merkle weiter auf. Noch ist das alles Zukunftsmusik. Doch das waren die Mikrolofts auch einmal, bevor die Familienheim aus dem Schwarzwald damit begann, sie zu bauen.