Nicht bei allen löste die Fertigstellung des Vöhrenbacher Kirchturms im Jahre 1873 Begeisterung aus. Kunstkenner, aber auch Einheimische, kritisierten ihn zuweilen als stillos. Die Mehrheit, so steht es in der Furtwängler Chronik, beurteilte den neuen, 63 Meter hohen Turm der St. Martinskirche jedoch so: „Aber er ragt so ungewöhnlich hoch über alle anderen Kirchtürme vergleichbarer Gemeinden hinaus, dass wir uns seiner ohne Rücksicht auf Stilkunde freuen, so oft wir ihn, aus der Ferne kommend, wieder erblicken. Wir schämen uns nie des Winkelpatriotismus und halten ihn mit Horizontweite durchaus vereinbar.“

Alter Turm war marode

Doch warum wurde ein neuer Kirchturm nötig? Die alte Kirche hatte doch einen Turm. Der Kirchturm aus dem Jahre 1791 war jedoch an der Ostseite. Daneben wohnte in Flaschner Risles Haus der Medizinalrat und Furtwanger Ehrenbürger Merz. Der Mediziner reklamierte beim Gemeinderat, dass der Turm baufällig sei. Es befürchtete den Einsturz des Kirchturmes, was wiederum Schaden für sein Haus bedeuten würde. Diese Feststellung untermauerte auch der erzbischöfliche Bauinspektor Engesser mit folgender Aussage: „Der Turm sollte abgebrochen werden.“

Nicht alle bezahlten mit

Demzufolge wurde eine Generalversammlung einberufen mit Stiftungs- und Kirchenkommission, Gemeinderat und Bürgerausschuss. Aus den vorgelegten Plänen gab es eine Einigung. Als es um die Bezahlung ging, lehnten die Herzogenweiler und Bregenbacher eine Unterstützung ab. Langenbach behielt sich eine Bedenkzeit von acht Tagen vor. Zur Information sei erwähnt, dass, bevor es die Filialkirche in Vöhrenbach gab, die seelsorgliche Betreuung durch die Mutterkirche Herzogenweiler erfolgte. Von Herzogenweiler übernahm Vöhrenbach auch den Schutzheiligen St. Martin. Der Gemeinderat von Vöhrenbach war nun seit dem Jahr 1860 bis hin zum Deutsch-Französischer Krieg, der von 1870 bis 1871 geführt wurde, in Diskussionen und schließlich mit dem Bau des neuen Kirchturms befasst.

Krieg verzögerte Arbeiten

Durch den Krieg verzögerte sich der Bau des Kirchturmes um ein Jahr. Den Abbruchauftrag erhielt eine Furtwanger Firma vom Gemeinderat. 1000 Gulden waren dafür veranschlagt. Im Jahre 1871 vergab die Stadt Vöhrenbach die Zimmermannsarbeiten für 1600 Gulden. 1873 erfolgte die Fertigstellung des Kirchturmes.

Brief schildert Baustellenalltag

Wie es an der Baustelle zuging, ist in einem Brief aus dem Jahre 1937 von Jakob Braun, der in die Vereinigten Staaten, genauer gesagt nach Nebraska, ausgewandert war, festgehalten. Er schreibt: „Ich war mit 16 Jahren der Zweitjüngste bei den Arbeitern. Den ersten Sommer war ich im Steinbruch beschäftigt. Mit Steinbruch ist der nahe Ochsenberg gemeint, denn dort wurde der rote Sandstein für den Kirchturm abgebaut.“ Weiter erinnerte sich der damals 16-Jährige, dass er mit einem ziemlich großen Schubkarren Erde von dem Steinlager weggefahren hatte. Braun half zudem, den Tisch in der Hütte zu decken und sorgte dafür, dass die Gläser sauber waren.

Der mit 63 Metern ungewöhnlich hohe Vöhrenbacher Kirchturm ist auch heute noch weithin sichtbar.
Der mit 63 Metern ungewöhnlich hohe Vöhrenbacher Kirchturm ist auch heute noch weithin sichtbar. | Bild: Hartmut Ketterer

Alles war billig

Täglich brachte der Steinfuhrmann ein Fass Bier mit. Alles war billig. Der Zwei­pfundlaib Brot kostete sieben Kreuzer. Für zwei ordentliche Knackwürste musste man einen Sechser bezahlen. Dasselbe musste man für einen großen Krug Milch ausgeben. Kalt wie Eis und mit einer dicken Schicht Rahm obendrauf. Meistens war das am Sonntag der Fall. Weiter schreibt Braun, dass die Arbeit schwer, die Tage lang gewesen seien. Aber böse Worte oder Murren habe es nicht gegeben.

Brenzlige Bauarbeiten

Brenzlig sei es geworden, als das Holzwerk des Kirchturmes aufzustellen war. Die Turmspitze ist acht bis zehn Fuß im Mauerwerk verankert. Zuerst habe man den menschdicken Standbaum aufgerichtet, der dann mit Gebälk verstärkt worden war. Danach kamen die acht Sparren. Als der vierte Sparren angelehnt wurde, habe sich sich der Standbaum gebogen. „Wäre der Standbaum gebrochen, dann ‚Gute Nacht‘ mit uns“, beschrieb Braun die heikle Lage. Doch die Arbeiter brachten alles ins Gleichgewicht und der Turmbau im neuromanischen Stil konnte weitergehen. Jetzt hatte die alte Kirche einen neuen, wesentlich höheren Turm.

Neue Kirche 1954 fertig

Eine neue Kirche gab es erst 81 Jahre später. Stadtpfarrer war zu dieser Zeit Theodor Berberich. Am 6. März 1953 wurde das Langhaus der alten Kirche abgerissen. Die Grundsteinlegung des neuen Kirchenschiffes erfolgte am 4. Juni 1953 nach Plänen des Freiburger Architekten Gregor Schröder. Über eineinhalb Jahre dauerten die kompletten Arbeiten des neuen Kirchenraumes. Doch am 14. November 1954 war es soweit. Es konnte das Patroziniumsfest St. Martin gehalten und zum ersten Gottesdienst in die neue Stadtkirche, die knapp 50 Meter lang und 20 Meter breit ist, eingezogen werden.