Etwas musste er tun, das war Alexander Bullinger klar. Es war Herbst 2020, Bullinger hatte mit seiner Familie – und sechs befreundeten Familien – im Nordosten Schwenningens Äpfel gemostet und noch so viele übrig. „Wir hatten nicht einmal die Hälfte der Bäume geerntet“, sagt er gut drei Monate später. Bullinger dachte damals an all die Obdachlosen, die seit Corona deutlich weniger Zugang zu sanitären Einrichtungen, zu Essensvergaben und zu Übernachtungsangeboten haben.

„Das war etwas, das mir seit Beginn der Pandemie nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist“, sagt er. Wann immer er im Fernsehen Bilder von Ehrenamtlichen sah, die Obdachlose auf der Straße aufsuchten, um sie trotz Corona mit Lebensmitteln zu versorgen, habe Alexander Bullinger gespürt, dass er auch etwas tun wolle. Ja, müsse.

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Und dann im Herbst die vielen Äpfel. Warum also nicht den Most verkaufen und das eingenommene Geld den Obdachlosen – und Ärmeren – zugutekommen lassen, dachte sich Bullinger. Und trommelte den Familienkreis der katholischen Kirchengemeinde St. Franziskus/Maria Himmelfahrt zusammen. Das sind sieben befreundete Familien, die sich einmal im Monat treffen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Und einmal im Jahr gehen sie Äpfel ernten.

„Für die Kinder war das schon immer ein riesen Spaß. Aber diesmal war es auch für uns ein großer Ansporn.“ Als nach dem ersten Mosten so viel übrig war, wurde noch ein zweites Wochenende hinten drangehängt. Doch die Arbeitsstunden, die sind Bullinger nicht wichtig. Viel lieber spricht er über das Ergebnis der getanen Arbeit. Denn: insgesamt hätten die Familien 90 Mal Fünf-Liter-Säfte gepresst und verkauft.

800 Euro beim Mosten
zusammengekommen

Säfte, die vor allem an Schulen und Kindergärten gingen. „Es gab viele Eltern und Einrichtungen, die unsere Aktion unterstützt haben“, sagt Bullinger. Letztendlich seien so 700 Euro zusammengekommen, die an die Wärmestube in Schwenningen und 100 Euro, die an die Tafel Villingen-Schwenningen gespendet wurden.

Für die Tafel kam die Spende genau zur rechten Zeit. „Das war im Dezember und zum Ende des Jahres erreichen uns immer wenig Spenden. Es wurde also gut gebraucht“, sagt Helgina Zimmermann, die Vorsitzende von Mach-Mit, dem Trägerverein der Tafel Villingen-Schwenningen. Das Geld sei deshalb sofort in Mehl und Zucker investiert worden.

Auch Ralf Großmann, Leiter der Wärmestube, sagt: „Spenden werden immer gebraucht. Ohne sie lässt sich die Einrichtung gar nicht betreiben.“ Rein mit Eigenmitteln sei es kaum möglich, ein Mittagessen mit drei Gängen für 1,50 Euro anzubieten. Denn: Im Preis seien weder die Material-, noch die Personal- oder Nebenkosten enthalten.

Ralf Großmann, Leiter der Wärmestube (links), und Alexander Bullinger bei der Spendenübergabe.
Ralf Großmann, Leiter der Wärmestube (links), und Alexander Bullinger bei der Spendenübergabe. | Bild: Alexander Bullinger

Über die Spende von Alexander Bullinger und den anderen sechs Familien habe man sich darum besonders gefreut. Und sie unter anderem für Geschenktüten mit Gebäck, Hygieneartikeln und Masken verwendet, die an Bedürftige gingen. Damit die Ärmeren in Zeiten des Lockdowns weiterhin mit Essen und Kleidung versorgt werden können, liegt in der Beratungsstelle aktuell Kleidung aus. Zudem gebe es eine tägliche Essensausgabe durch einen Tresen am Fenster. „Im Durchschnitt vergeben wir im Moment 25 Essen pro Tag“, sagt Großmann.

Andreas Bullinger will wachrütteln

Für Andreas Bullinger zählt nach seiner Spendenaktion vor allem eins: Er will wachrütteln und zeigen, dass man im Kleinen schon Gutes bewirken könne. „Wenn ich sehen würde, dass andere Villinger auch eine Aktion starten, wäre das schön“, sagt er. Und: „Sinkende soziale Gerechtigkeit und Isolation führen zu immer weniger Zeit und damit immer weniger zum Bedürfnis, anderen zu helfen.“ Dabei sei das so einfach.