Dächer, die kaum noch mit Ziegeln bedeckt sind und jeden Moment einzustürzen scheinen, zersprungene Fensterscheiben, Graffitibeschmierungen und Berge an Bauschutt – das Areal des ehemaligen Schlachthofs in Schwenningen gleicht einer Ruine. Und doch hat es einen ganz besonderen Charme und eine enorme Anziehungskraft. Ein Ort mit Potenzial. Das dachten sich auch Studentin Gill Bürk und Journalist Dirk Werner. Bürk studiert Architektur an der Universität Liechtenstein, kommt aber aus Schwenningen. Als ihr von der Hochschule aufgetragen wurde, ein Kulturprojekt zu realisieren, habe sie als Veranstaltungsort direkt an den ehemaligen Schlachthof gedacht. „Der Ort hat mich schon immer fasziniert“, sagt sie.

Der Wasserturm im Hintergrund soll mit verschiedenem Licht angestrahlt werden. Im überdachten Teil vorne, wird ein DJ für Musik sorgen.
Der Wasserturm im Hintergrund soll mit verschiedenem Licht angestrahlt werden. Im überdachten Teil vorne, wird ein DJ für Musik sorgen. | Bild: Jennifer Moog

Gang durch eine Farb- und Klangwelt

Nun soll dort ein ganz besonderes Festival entstehen. Eigentlich ist das Betreten des Geländes verboten, denn es herrscht dort Einsturzgefahr. Doch Bürk und weitere Initiatoren wollen dem Areal mithilfe von Licht- und Musikinstallationen nun neues Leben einhauchen. Sie dürfen die Tore des alten Schlachthofs in bestimmten Bereichen bald für Besucher öffnen. Das sogenannte Lost Place & Medienkunst Festival „Instandsetzung VS“ wird am kommenden Wochenende, 11. und 12. September, stattfinden. Mit dabei sind viele Künstler, die unterschiedliche Ideen umsetzen. Ein konventionelles Festival mit lauter Musik und vielen Menschen, die gemeinsam feiern, wird das allerdings nicht. Das ließe auch die derzeitige Corona-Situation nicht zu.

Die Vorbereitungen für das Festival sind bereits in vollem Gange.
Die Vorbereitungen für das Festival sind bereits in vollem Gange. | Bild: Jennifer Moog

Viel mehr werden bei diesem Festival die Besucher durch eine Farb- und Klangwelt geführt. Ein Einbahn-System geleitet die Besucher dabei vom ehemaligen Verwaltungsgebäude über ein Labyrinth aus Kühlhäusern hinaus ins Freie. Überall warten neue Kunstinstallationen auf die Gäste. Doch nicht nur das. Bei ihrem Gang durch diese neu geschaffene Welt im Schlachthof werden die Besucher selbst Teil der Kunstausstellung. Norbert Schnell, Dozent an der Hochschule in Furtwangen und Kunstakteur des Festivals, gibt einen beispielhaften Eindruck: „Timo Dufner wird alles, was durch den Raum läuft, scannen und an die Wände projizieren und so Kunst schaffen.“ Doch das ist nur eine Aktion von vielen, die zu sehen sein werden.

Bild: Jennifer Moog

Dass aus ihrer ursprünglicher Idee ein großes, aufwendiges Festival mit vielen Künstlern werden sollte, daran habe sie nicht gedacht, so Bürk, als sie gemeinsam mit weiteren Studierenden die ersten Pläne für ihr Uni-Projekt schmiedete. Doch der Zufall wollte es so, dass sie am Bauzaun, der den Schlachthof umgibt, auf Dirk Werner traf, der zur gleichen Zeit nach einem Veranstaltungsort für ein Kunstfestival suchte. So wurde aus der Projektidee einer Studentin und derjenigen eines Journalisten das Festival geboren. Mit dabei sind auch der Kunstverein Global Forest aus St. Georgen sowie Künstler von der Hochschule in Furtwangen und der staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen.

Das Areal versprüht durch seinen verfallenen Charakter einen ganz eigenen Charme.
Das Areal versprüht durch seinen verfallenen Charakter einen ganz eigenen Charme. | Bild: Jennifer Moog

Gebäude werden bald abgerissen

Aufgabe der studentischen Gruppe aus Liechtenstein um Gill Bürk wird es sein, die Geschichte des Schlachthofs in den Fokus zu rücken. Eine Fotoausstellung im ehemaligen Verwaltungsgebäude soll aufzeigen, wie es dort vor mehr als 20 Jahren einmal aussah. Besucher sind ebenfalls dazu eingeladen, Ideen einzubringen, wie das Areal künftig genutzt werden kann. Denn bereits im kommenden Jahr müssen fast alle Gebäude, die sich auf dem Gelände befinden, abgerissen sein, 2023 soll dort schon etwas Neues entstehen.

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Fürs Erste soll nun das Potenzial des Schlachthof-Komplexes für ein ungewöhnliches Festival gezeigt werden. Wer am kommenden Wochenende im ehemaligen Schlachthof also nach öden Bildern sucht, ist dort falsch. „Das ist nicht nur Kunst, das ist Hochtechnologie“, sagt Dirk Werner. Um am kommenden Wochenende das Festival realisieren zu können, wartet auf das Team noch viel Arbeit. Denn noch sieht das Gelände nicht aus, als würde dort bald eine ganz neue Welt aus Musik und Farben entstehen. Noch ist der ehemalige Schlachthof ein langsam verfallender Komplex an alten Bauten, dessen Potenzial sich erst zeigen muss.

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