Barbara Stern konnte es förmlich fühlen, wenn ein Impftermin frei war. Die 61-Jährige hat im Frühjahr dafür gesorgt, dass viele Menschen aus Villingen-Schwenningen ihren Corona-Schutz bekamen. Die Blinde hat einen Computer mit Braillezeile. Den hat sie dazu verwendet, fremden Menschen die umständliche Terminjagd im Internet abzunehmen.

Um im Netz unterwegs zu sein, hilft Blinden beim Lesen eine Braillezeile, die den Bildschirminhalt in Punktschrift anzeigt.
Um im Netz unterwegs zu sein, hilft Blinden beim Lesen eine Braillezeile, die den Bildschirminhalt in Punktschrift anzeigt. | Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

VS, Rottweil, Tübingen, Baden-Baden-Karlsruhe, Lörrach, Waldshut-Tiengen – kaum ein Impfzentrum im Radius von etwa 100 Kilometern, in dem Barbara Stern keine Termine vereinbart hat. Die Impfzentren sind seit wenigen Tagen Geschichte. Als sie Anfang des Jahres in Betrieb gingen, war der Andrang riesig und Termine rar.

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Barbara Stern hat vielen dabei geholfen, zügig an den schützenden Piks gegen Covid-19 zu kommen. Beim 30. von ihr vermittelten Termin habe sie aufgehört zu zählen. Und weitergemacht. Geplant sei die Aktion nie gewesen, sagt sie. Mund-zu-Mund-Propaganda brachte die gelernte Physiotherapeutin und die Impfwilligen zusammen.

Genervt von der Terminjagd

„Anfangs habe ich die Termine nur für meine Familie ausgemacht, angefangen mit meiner über 90-jährigen Mutter“, sagt Barbara Stern. Dann traf sie eines Tages eine Bekannte, mit der sie in normalen Jahren bei den Rietvögeln Fasnet feiert. Die erzählte ihr, wie genervt ihr Mann momentan sei, weil er sich als Pflegefachkraft gerne impfen lassen würde, aber bei der Terminvermittlung trotz unzähliger Versuche bislang leer ausgegangen sei.

Barbara Stern, die von der Terminsuche für ihre Familie noch Vermittlungscodes übrig hatte, versprach, es für den Mann ihrer Bekannten zumindest zu versuchen. Einen Tag später war ein Impftermin vereinbart. „Dann bat mich ein Kollege von ihm um Hilfe, und so ging das weiter“, sagt die Villingerin und lacht. „Irgendwann hieß es, kannst du nicht noch für die Tochter der Cousine einer Freundin einen Termin klarmachen?“ Sie konnte.

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Die unterschiedlichsten Menschen habe sie durch die Aktion kennengelernt: Einwanderer mit Sprachschwierigkeiten, Senioren ohne Computerkenntnisse, Berufstätige mit wenig Zeit. Die meisten habe sie vorher nicht gekannt. Irgendwann druckte sie auf Vorrat die Anamnesebögen aus und setzte am Computer eine Checkliste auf, auf der sie individuell ankreuzte, was die Person zur Impfung mitnehmen musste, etwa eine Kopie der Arbeitgeberbescheinigung.

Rundum-Paket: Auf dieser Checkliste kreuzte Barbara Stern an, was die Menschen zu ihrer Corona-Impfung keinesfalls vergessen durften, etwa die Arbeitgeberbescheinigung.
Rundum-Paket: Auf dieser Checkliste kreuzte Barbara Stern an, was die Menschen zu ihrer Corona-Impfung keinesfalls vergessen durften, etwa die Arbeitgeberbescheinigung. | Bild: Nathalie Göbel

Etwas zurückgeben

Warum vereinbart man Impftermine für wildfremde Menschen? Barbara Stern muss nicht lange nachdenken. „Mir wurde auch schon oft geholfen.“ Sie hat sich von ihrer Sehbehinderung – sie ist von Geburt an blind – nie bremsen lassen. Sie hat ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht, in verschiedenen Kliniken gearbeitet, ist begeisterte Fastnachterin bei den Rietvögeln und Villinger Stadtführerin – doch manchmal braucht auch sie Hilfe. Der Gedanke, etwas zurückzugeben, habe ihr gefallen.

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„Ich hatte Zeit, denn als Rentnerin war ich sowieso daheim. Und alles andere fand ja sowieso nicht statt“, blickt sie auf den langen Lockdown zurück. Oft sei sie nachts aufgestanden, um sich so viele Vermittlungscodes wie möglich zu sichern. „3 Uhr war immer ein ziemlich guter Zeitpunkt.“ Zusätzlich hatte sie sich bei verschiedenen Impfradar-Webseiten angemeldet, die über frei gewordene Termine informierten.

Dankbarkeit berührt

Die Dankbarkeit der Menschen hat Barbara Stern sehr berührt. „Alle haben mir etwas mitgebracht, dabei wollte ich ja gar nichts dafür haben“, sagt sie. Sie sei froh gewesen, im Lockdown etwas Sinnvolles tun zu können. „Sonst wäre es ja schon langweilig gewesen.“