Seit fast neun Wochen müssen die meisten Kindergarten- und Krippenkinder zu Hause bleiben. Dem kurzen Aufatmen in der vergangenen Woche, als Kulturministerin Susanne Eisenmann (CDU) die schrittweise Öffnung der Kitas ab 18. Mai ankündigte, folgte die Ernüchterung. Es fehlen die Umsetzungsverordnungen des Kultusministeriums an die Kommunen. Dafür steht Ministerin Eisenmann landesweit in der Kritik. Die Stadt VS appelliert jetzt dringend an die Eltern, am Montag keine Kinder in den Kindergarten zu schicken. Die Erweiterung der Kindergarten-Aufnahme auf 50 Prozent der Kinder werde noch dauern, soll aber spätestens ab 25. Mai kommen.

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  • Warten auf Stuttgart: Was der Stadt, wie allen anderen im Lande fehlt, ist bislang die Verordnung der Landesregierung, wie die schrittweise Erweiterung der Kindergartenöffnung ab nächster Woche konkret aussehen soll. „Es ist ein in Riesenproblem und bereitet uns wirklich Bauchschmerzen“, sagt Oxana Brunner, Pressesprecherin der Stadt. „Wir sitzen auf heißen Kohlen.“ Die Corona-Verordnung sei geltendes Recht, und außer den Rahmenbedingungen sei nichts bekannt. Die Stadtverwaltung kommuniziere ständig mit den Ministerien. Erst am Donnerstag habe man in einer E-Mail dringend um Klarstellung gebeten. „Alle Kommunen machen Druck“, sagt Oxana Brunner.
  • Viele offene Fragen: Offene Fragen gibt es zuhauf. So etwa, wer darüber entscheidet, welche Kinder am „reduzierten Regelbetrieb“, wie es das Kultusministerium nennt, teilnehmen dürfen. Genau so unklar seien Abrechnungsfragen. „Nehmen wir mal an, in einer Kita wird eine Gruppe Kinder am Montag und Dienstag betreut und die nächste mittwochs und donnerstags – wie soll man das abrechnen?“, so Brunner. Bei insgesamt 3500 Kitakindern in Villingen-Schwenningen würde das einen immensen Organisationsaufwand, vor allem für die freien Träger, bedeuten.
  • Fast 700 Kinder in Notgruppen: Aktuell seien alle 54 Kindertageseinrichtungen in Villingen-Schwenningen geöffnet. Im Rahmen der erweiterten Notbetreuung werden momentan 613 Kinder betreut, 55 weitere sind es im Betriebskindergarten des Schwarzwald-Baar-Klinikums. Legt man die Zahl von normal 3500 Kindergartenkindern in VS zugrunde, sei für gut 1000 weitere Kinder Platz – theoretisch. „Es heißt aber wiederum auch, dass rund 1800 Kinder erst einmal keinen Platz bekommen“, sagt Oxana Brunner.
  • Nichts organisiert: In einer Presserklärung vom Freitagnachmittag teilte die Stadt dann Folgendes mit: Angesichts der noch fehlenden Verordnung aus Stuttgart sei am 18. Mai noch keine Kinderbetreuung außerhalb der bestehenden Kita-Notgruppen möglich. „Eltern werden dringend gebeten, ihre Kinder nicht am Montag in die Einrichtungen zu bringen, sie können dann auch nicht betreut werden – denn die Betreuung muss erst organisiert werden.“ Hierfür werde sich das Amt für Jugend, Bildung, Integration und Sport schnellstens nach Verkündung der neuen Verordnung an die Planung machen.
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  • Konzept ab nächster Woche: Gemeinsam mit den Kitaleitungen, den Elternvertretern und Eltern soll dann Anfang der Woche ein Konzept – für jede Kita individuell nach den Bedarfen – entwickelt werden, „um für möglichst viele Eltern eine möglichst befriedigende Lösung zu finden“, so die Stadt. Dabei wird zu klären sein, wie ein individuelles Schichtmodell, mit dem möglichst viele Kinder zeitweise in der Kita betreut werden können, aussehen kann.
  • OB bittet um Geduld: „Unsere Eltern müssen wir also leider noch um etwas Geduld bitten“, wirbt Oberbürgermeister Jürgen Roth um Verständnis. „Die Verordnungen des Landes werden immer äußerst spät veröffentlicht. Aber ich versichere allen Familien: Wir werden die Kitas so schnell wie möglich öffnen, um den Kindern eine gute Betreuung und den Eltern die benötigte Entlastung anbieten zu können.“ Das zuständige Fachamt der Stadt werde in engster Abstimmung mit den städtischen, freien und kirchlichen Kindertagesstätten bestrebt sein, eine Ausweitung der Betreuung spätestens ab 25. Mai anbieten zu können.
  • Was schon feststeht: Selbstverständlich seien bereits intern zahlreiche Vorüberlegungen getroffen, um auf die Ausweitung der Kita-Betreuung und Kindertagespflege vorbereitet zu sein, so die Stadt. Vorbehaltlich der am Samstagabend erwarteten Änderung der Corona-Verordnung, stehe schon jetzt fest, dass nur die Hälfte der Kita-Plätze belegt werden dürfen, dass die Notgruppen-Betreuung vorrangig erfolgt, dass in Kitas, die über die Notgruppen hinaus, Plätze frei haben (bis max. 50 %) weitere Kinder aufgenommen werden können, dass, wenn die eigene Kita bereits belegt sein sollte, keine Betreuung in einer anderen Einrichtung stattfinden kann.

Gesamtelternbeirat: „Ständig werden wir vertröstet“

May-Thi Vo und Michael Osburg vom Gesamtelternbeirat der Kitas in Villingen-Schwenningen haben in einem ausführlichen Schreiben ihre Gedanken zur Familienpolitik und Kita-Öffnungen dargelegt:

„In schweren Zeiten zeigt sich das wahre Gesicht der Gesellschaft. Genau diese Gesellschaft mit ihrer politischen Führung versagt bei diesem Thema seit Jahrzehnten, deshalb ist die aktuelle Situation für uns auch nicht verwunderlich: zu wenig Kita-Plätze, zu wenig Personal, marode Kitas, belastende Kita-Gebühren für die Eltern. Dank Corona ist nun alles auf Pause gesetzt. Kinder von Eltern, die in sogenannten „systemrelevanten Berufen“ tätig sind, vereinsamen ohne ihre Freunde in den Kitas der Stadt.

Ihre Eltern dürfen für die Gesellschaft die Fahne hochtragen und werden natürlich mit dem weiteren Einzug an Kita-Gebühren belohnt. Den restlichen Eltern werden die Kita-Gebühren erlassen, was ja nur gerecht ist, da ja keine Leistung erbracht wird. Es ist ein Ärgernis, in der Zeitung zu lesen, dass durch die fehlenden Kita-Gebührenbeiträge, 660 000 Euro in der Stadtkasse fehlen. Warum wird dabei nicht die Summe genannt, die vom Land an die Stadt überwiesen wird? Als Bürger in VS ist man ja seit Monaten gewohnt, dass man den Eltern am liebsten tief in den Geldbeutel fasst.

Wie dies nach Corona weitergehen soll, steht in den Sternen. Fakt ist, dass viele Eltern in Kurzarbeit sind und sich irgendwie über Wasser halten müssen, um die Verbindlichkeiten weiterhin zu begleichen. Deshalb plädieren wir dafür, das leidige Thema Kita-Gebührenerhöhung auf mehrere Jahre ad acta zu legen. Sollte dies nicht geschehen, wird hier sicher eine Welle von Protesten und Demonstrationen losbrechen. Die Eltern haben ein viel größeres Problem, als es in den Medien kommuniziert wird.

Zukunftsängste, wie etwa, ob das Eigenheim noch bezahlbar ist, treffen junge Familien mit absoluter Härte. Die Kinder sind durch Corona eingeschüchtert, sind verängstigt. Von Angst und Panik bleiben auch sie nicht verschont. Vermutlich werden wir in ein paar Jahren einen ausgeprägten Hygienewahn haben, welcher nicht weit von Zwangsneurosen ist. Zu dem Vorschlag die Kitas in einem rollierenden Verfahren langsam zu öffnen muss man fragen: Welche „qualifizierten“ Experten haben sich dieses nicht plausible Konzept einfallen lassen?

Die Notbetreuung wurde nun schon mehrfach ausgeweitet, die Kapazitäten sind durch eine Auslastung in einigen Kindergärten von bis zu 50 Prozent bereits erreicht. Man hat uns hingehalten, Hoffnung gemacht, dass es nach Ostern wieder Schritte zurück zur Normalität geben wird. Uns ist die Absicht hinter den Maßnahmen des Lockdowns vollkommen bewusst. Wir sind ordnungsgemäß zu Hause geblieben, wir haben uns und die Kinder isoliert.

Zwei Wochen, ja sogar vier Wochen haben wir uns verständnisvoll an die Regeln gehalten. Nun sind es schon acht Wochen und das Maß ist endgültig voll. Ohne weitere Erkenntnisse ist der weiter bestehende eingeschränkte Rechtsanspruch für unsere Kinder nicht mehr hinnehmbar. Uns macht es wütend, dass wir vom Bund, Land und Stadt mit unseren Kindern in eine Ecke geschoben werden, als wären wir Kategorie Y.

Seit zwei Monaten sollen wir geduldig sein, verspricht uns, stufenweise wieder zu öffnen. Ständig werden wir vertröstet. Nach aktueller Landesverordnung traf es uns wieder wie ein Schlag ins Gesicht. Fazit: Notgruppen werden mal wieder erweitert. Jede Kommune erhält hier Spielraum, wie es sich in aktueller Lage mit Personal und Einrichtung organisieren kann. Sollen die Eltern eine Woche arbeiten und eine Woche auf die Kinder aufpassen? Welcher Arbeitgeber macht so etwas mit, nach dem Motto, heute anwesend, morgen abwesend, übermorgen schauen wir mal? Die Kitas gehören JETZT geöffnet! Alles andere ist Flickschusterei.

Schauen wir uns die anderen Länder an, wo Kinder wieder in den Kindergarten können, oder die nie geschlossen hatten, es ist also möglich, es ist machbar. Schauen wir auf das Bundesland Sachsen, das zum 18. Mai wieder komplett öffnen will. Wir fragen uns: Haben die Kinder die in den Notgruppen betreut werden, wie auch die Kinder die zu Hause ausharren müssen, nicht den gleichen Gesundheitsstand? Oder gab es ein an Corona erkranktes Kind in irgend einer Notgruppe, welche eine Infektionskette verursacht hat? Die Kinder die auf den Spielplätzen (die endlich wieder geöffnet haben) toben und spielen, zum Teil in unvermeidbaren Abstand in Gruppen, sind gesund! Oder etwa nicht?

Dann sollte das Gesundheitsamt alle Zahlen der infizierten Kinder belegen, bringt uns einen Gegenbeweis. Erst dann kann sich hierzu unsere Meinung ändern. Bisher hören und lesen wir nur, Kinder haben keine Symptome oder eben milde Verläufe. Damit können wir nichts anfangen. Es gibt für alles und alle genügend vorgelegte Konzepte zu Hygienemaßnahmen. Die hat es vor Corona auch schon in den Kitas gegeben, und wurden immer sehr gut umgesetzt.

Vorrangig braucht es ein Konzept, um ihnen schnellstens wieder eine Perspektive der frühkindlichen Bildung zu bieten. Bisher leider Fehlanzeige. Seit der Schließung im März nur Gerede, keine großen Taten. Warum passiert da so wenig? Eine Differenz zwischen erweiterten Notgruppen bis zu 50 Prozent und einer Öffnung der Kindergärten sehen wir nicht. Das Wetter ist mild und sonnig, Outdoor-Aktivitäten wie Wald und Wiesen-Aufenthalte zeigen nur einige Möglichkeiten der Beschäftigung mit Abstandsregelung und zeitgleich guter frischer Luft, Vitamin D und Stärkung des Immunsystems.

Schließlich sind die Kirchen, insbesondere für die Senioren, Wochenmärkte und so weiter auch geöffnet, und sogar die Bundesliga geht wieder an den Start. Lockerungen klappen, aber an anderer Stelle. Einschränkungen gelten leider nicht für alle, bestimmte Gruppen müssen immer einstecken – jene, die keine Lobby haben in diesem Land. Man muss sich immer vor Augen halten: Es sind diese Kleinen, die in der Zukunft diese durch die Pandemie bedingten Ausfälle für dieses Land wieder erwirtschaften müssen!

 

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