Uwe Spille

Wolfgang Schäuble sitzt, schlecht ausgeleuchtet, im nicht ganz ausverkauften kleinen Saal des Theaters am Ring in Villingen auf einem Podium, ihm zur Seite Moderator Wolfgang Niess. Der CDU-Politiker, langjährige Bundestagspräsident und dienstälteste Bundestagsabgeordnete bewirbt sein neues Buch.

„Politische Grenzerfahrungen und warum wir sie nicht fürchten müssen“, lautet der Titel des Werks. Doch, so fragt Niess, müsse man sich angesichts einer Überlagerung von existenziellen Krisen nicht doch fürchten?

„Hätte ich was zu entscheiden gehabt in den letzten Jahren als Bundestagspräsident, dann hätten wir jetzt ein besseres Wahlrecht.“
Wolfgang Schäuble, CDU-Bundestagsabgeordneter

Nein, da ist Schäuble ganz auf der Seite Karl Poppers. Krisen seien stets auch Chancen. Niess bohrt nach: Und was ist mit umstrittenen politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre, die auch mit Hilfe Wolfgang Schäubles zustande kamen? „Hätte ich was zu entscheiden gehabt in den vergangenen Jahren als Bundestagspräsident, dann hätten wir jetzt ein besseres Wahlrecht“, pariert Schäuble schnoddrig.

Er war Bundesfinanzminister, Bundestagspräsident und vieles mehr: Wolfgang Schäuble, hier bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag, hat ...
Er war Bundesfinanzminister, Bundestagspräsident und vieles mehr: Wolfgang Schäuble, hier bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag, hat ein Buch geschrieben. | Bild: Marijan Murat

Andererseits, kokettiert er, sei Schmidt später ein „großer weiser alter Mann geworden“. Offenbar eine Rolle, die Schäuble hörbar gerne selbst einnehmen würde.

Apropos Sozialdemokraten, hakt Niess nach, und spielt auf den aktuellen Bundeskanzler an. Welche Beziehung, welche Nähe hat Schäuble zu Scholz? Schäuble holt weit aus, spricht von der Ukraine, dem Krieg, der Zeitenwende mit Doppelwumms im Allgemeinen und der Gefährdung der Demokratie im Besonderen. Die eigentliche Frage geht darüber verloren.

Nun löckt Niess wider den Stachel, als Finanzminister sei er damals ja nicht beliebt gewesen, wieso, will Schäuble wissen, na, wegen der Griechen, so Niess. Nein, er habe nur Probleme mit der Gier von wohlhabenden Menschen gehabt, beteuert Schäuble.

Lob für seinen Vorgänger von der SPD

Schäuble erklärt in zwei Sätzen die Entstehung der Finanzkrise 2008, befindet großzügig, dass der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) die „gut gemeistert habe“, und lobt sich selbst für seine Leistungen auf eben diesem Posten in den folgenden acht Jahren.

Ob er denn zumindest eine große Vision für Deutschland habe, will Niess von Schäuble wissen. Der folgt ganz Helmut Schmidts Motto „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, zeigt sich resistent gegenüber den bohrenden Fragen.

Deutschland, so Schäuble, habe Mängel beim Denken in großen Zusammenhängen, ja, man habe nicht einmal die bessere Moral, wie Katar bewiesen habe. Daher, so befindet er, sei es nur gut, dass Deutschland ausgeschieden ist. Aber deshalb Oliver Bierhoff entlassen, da kann Schäuble nur den Kopf schütteln.

„So ischt der Mensch“

Und die dubiosen Maskengeschäfte von diversen Abgeordneten der Union zu Beginn der Pandemie? „So ischt der Mensch“, sagt der Badener Schäuble fast fatalistisch. Konsequenzen hätten diese Abgeordneten ja tragen müssen.

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Dafür brennt er für die europäische Idee, auf den Karlspreis ist er stolz. Dass Ursula von der Leyen allerdings seiner drängenden Bitte, sich um die europäische Migration zu kümmern, so gar nicht nachgekommen ist, fuchst ihn merklich.

Eine Schande sei es, so betont Schäuble, wie mit Flüchtlingen in Europa umgegangen werde. Es brauche deutlich mehr Anstrengungen von europäischer Seite, um die Zuwanderung zu regeln. „Sonst gefährden wir unsere Demokratie und stärken die Rechten. Und das wäre fatal“.