Pro: "So viele schöne Erinnerungen", sagt Norbert Trippl

„Eine richtige Verkleidung habe ich heute nicht mehr. Ich mache mir den Witz mit einem weißen Overall von Hauk und sage, ich gehe als Weißnarr.“  Norbert Trippl
„Eine richtige Verkleidung habe ich heute nicht mehr. Ich mache mir den Witz mit einem weißen Overall von Hauk und sage, ich gehe als Weißnarr.“ Norbert Trippl | Bild: Elke Rauls

Die Fastnacht kam schon als Kind zu mir. Ein Verwandter schenkte mir einen echten Cowboyhut und einen Revolver-Gürtel, meine Mutter kaufte mir eine Käpselepistole, natürlich beim Spielwaren Bauer an der Villinger Rietstraße.

Meine schlimmste Fasneterinnerung hat mit den Südstadthexen zu tun. Sie stromerten immer durchs Publikums und ich hatte als Sechsjähriger riesiges Muffensausen, war aber auch beeindruckt, als eine Hexe an der Dachrinne bei der Bäckerei Busch in den dritten Stock hochkletterte.

Als Realschüler wurde ich zusammen mit Schulfreunden Trommler bei der Stadtmusik. Mit Stachihemd und Zipfelkappe führten wir Umzüge an, in der Pestalozzihalle war einmal im Jahr Marschtraining.

Nach diesen Auftritten war uns immer langweilig. Irgendjemand kam auf die Idee, Musik in den Kneipen zu machen. Ein paar Bläser, ein paar Trommler und damalige Freundinnen als Sängerinnen, so zogen wir los. Die Weinstube, das Ott, die Färberstraße gehörten uns.

Ein Ratsmitglied der Narrozunft schrieb dazu seinerzeit sogar einen Leserbrief, wie toll er das fand, dass junge Leute einfach so Musik machten. Der Leserbrief wurde im SÜDKURIER abgedruckt, Überschrift: Eine Lanze für die Jugend. Uns tangierte das damals nicht sonderlich, wir waren aber vom Erfolg unserer Musikalität völlig geplättet.

Zuhause bei uns in der Südstadt und später in der Hammerhalde wurde die Narroscheme bei uns immer durchritualisiert zu Dreikönig in die Stube gehängt, manchmal lief dazu sogar der Narromarsch auf einer Schallplatte. Also versuchte ich das mit dem Häs.

Riesen-Bohei morgens beim Anziehen. Ich musste mich auf einen Küchenschemel stellen, und dann wurde ich ausstaffiert. Mit einem uralten Foulard und einer malerischen Rosenmasch’ zog ich mit Freunden los. Eine prächtige Zeit begann, über Jahre. Ich hörte noch den Säger-Richard am Klavier oben im Schlössle spielen.

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Dann spülte mich der Beruf weg aus Villingen, 18 Jahre lang, Konstanzer Fastnacht, und dann Donaueschingen und Hüfingen und Bräunlingen. Ich war skeptisch mit der Baaremer Fasnet – und habe sie sehr lieben gelernt, weil, wie eigentlich immer, im Narrentreiben so viele sehr nette Leute um mich herum waren.

Die Abende im Donaueschinger Hirschen, die Zunftbälle in Hüfingen und Bräunlingen, das Bärcheappeli, das durch die Hinterstadt stäubt: Ich sang Hans blieb do und schätzte die Blumenhansel. Villingen war weit weg.

Als mich die Arbeit zurück nach Villingen brachte, hatte ich das Thema Fasnet nicht auf dem Zettel. Dann war Dreikönig und ich vor Ort am Narrobrunnen zum Arbeiten. Die Stadtmusik kam aus der Rietstraße, mein alter Verein.

Als der Narromarsch unter den Christbäumen gespielt wurde, durfte ich bei der Bürgerwehr mitschunkeln. Ich lernte – jetzt erst – den Unterschied beim Schunkellied zwischen Aah-aah-aah und Ooh-ooh-ooh. Und ich habe ein paar Tränen verdrückt, wie heute an dieser Stelle oft auch noch: so viele schöne Erinnerungen.

Heute gehe ich nicht mehr aktiv auf die Fastnacht. Ich arbeite. Die Narren kommen zu uns ins Büro, was für eine Geste. Einer der Höhepunkte: Der Besuch der Harmonie am Donnerstag. Das zündet. Was für tolle Musiker. Sie können Samba spielen und Fasnet machen. Alle mit Spaß und Stil dabei, Gaudi nonstop bis zum Strohverbrennen.

Montags im SÜDKURIER-Stüble an der Bickenstraße kommen auch alte Häskumpels. Mal als Wuescht, mal als Musiker, als Glonki oder einfach so.

Fastnacht entsteht aus dem Moment, der Gesinnung, dem Gefühl. Nicht aus Getränken, nicht aus Verkleidung. Fastnacht ist Heimat, weil die Menschen dabei zusammenkommen, fröhlich sind. Was gibt es Besseres?

Contra: "Mitmischen muss ich nicht", sagt Nathalie Göbel

„Dazu bastelten wir uns ein trauriges Hütchen aus Krepppapier, das schon bei der ersten Anprobe dem Untergang geweiht war.“  Nathalie Göbel
„Dazu bastelten wir uns ein trauriges Hütchen aus Krepppapier, das schon bei der ersten Anprobe dem Untergang geweiht war.“ Nathalie Göbel | Bild: Weldi, Yvonne

Irgendwann musste dieser Tag ja kommen. „Mama, mach mir Fastnachtslieder auf die Toniebox“, verlangt meine dreieinhalbjährige Tochter. Sie lässt nicht locker: „Sind jetzt Fastnachtslieder auf der Box?“ Wer kam nochmal auf die Idee, dem Kind zu Weihnachten den Hörspielwürfel zu schenken? Stimmt, das war ja ich.

Mit inquisitorischer Hartnäckigkeit erinnert mich das Töchterchen in den folgenden Tagen daran, die musikalische Lücke zwischen den Kita-Dauerbrennern „In der Weihnachtsbäckerei“ (seit November) und „Stups, der kleine Osterhase“ (bis Mai) geschlossen wird. Und das bitte zügig. „Warum hast du noch keine Fastnachtslieder gesucht?“ Ja, warum eigentlich?

Weil ich – Achtung, Geständnis – mit der ganzen Fastnacht so gar nicht warm werde – nicht mit der Musik, nicht mit dem Zwang, sich zu verkleiden und damit, auf Knopfdruck lustig zu sein, um nicht als Spaßbremse zu gelten. Und nicht zuletzt weckt das zu Narri-Narro-Zeiten typisch nasskalte Wetter bei mir reflexartig den Wunsch nach einem Liegestuhl am Südseestrand anstelle eines Stehplatzes im Schneeregen.

„Die Ursachen liegen in Ihrer Kindheit“, höre ich einen Psychologen murmeln, der dabei verständnisvoll-betroffen mit dem Kopf nickt und seine Brille zurechtrückt. In den 80er, es muss das Jahr gewesen sein, als in Villingen die Gestaltung der Gaskugel auf dem Stallberg und die Kosten für diese Kunst am Bau heiß diskutiert wurden, entstand an meiner Grundschule die Idee, sich an diesem politischen Diskurs zu beteiligen.

Und zwar dergestalt, dass wir Schüler – man ahnt es – als Maler verkleidet am Kinderumzug teilnehmen sollten. Die langweilige Farbgebung irgendwelcher Bauwerke bereitete uns damals nicht gerade schlaflose Nächte.

Und auch die Kostümierung war kein Feuerwerk der Kreativität. Wir hatten ein altes Hemd aus dem väterlichen Kleiderschrank mitzubringen, das dann mit Farbe vollgekleckert wurde. Dazu bastelten wir ein trauriges Hütchen aus Krepppapier, das schon bei der ersten Anprobe dem Untergang geweiht war.

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Beim Umzug riefen die Lehrer „Narri, Narro, mir molet alles so…“ – unser Part bestand darin, wie eine Herde Schafe „Schee!“ zu blöken. Das allerdings erst gefühlt zehn Stunden, nachdem wir uns bei eiskaltem Nieselwetter am Niederen Tor aufstellen und auf den Umzugsbeginn warten mussten. Da waren wir halb erfroren, und die nicht wasserfeste Farbe hatte dank des Regens das Malerhemd durchweicht und meine geliebte Daunenjacke ruiniert. Narri, Narro.

Zugegeben: Die Fasnet hatte auch ihre schönen Momente. Die Kinderpartys von Stadtjugendpfleger Dieter Sirringhaus im alten Jugendhaus an der Bertholdstraße etwa oder die Abende mit Eltern im Hotel „Bären“, wo alle Kinder durchs Haus düsten und ständig die Schuhputzmaschine im Foyer, dieses Wunderwerk der Technik, belagerten. Aber mein Bedarf an fastnächtlichen Outdoor-Aktivitäten war seit der Malerkittel-Affäre ein für allemal gedeckt.

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Da traf es sich gut, dass sich meine weitere schulische Laufbahn am Zinzendorf-Gymnasium in Königsfeld abspielte, wo Fasnet keine Tradition hatte. Beruflich verschug es mich fast zehn Jahre lang in die Redaktion St. Georgen. Die evangelisch geprägte Bergstadt gilt nicht gerade als Narren-Hochburg. Wer die Fasnet nicht unbedingt herbeisehnt, wird dort mit einem erträglichen Maß an Narretei konfrontiert.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gehe zum Lachen nicht in den Keller. Ich finde gelebtes Brauchtum toll, freue mich, wenn andere ihren Spaß daran haben, und höre sogar den Villinger Narromarsch ganz gerne. Aber mitmischen muss ich nicht.

„Hast du jetzt Fastnachtslieder gesucht?“ Ja, habe ich. Habe die Hörspielbox synchronisiert und schaue der Dreieinhalbjährigen dabei zu, wie sie ihrer zehn Monate alten und von der Darbietung höchst begeisterten Schwester etwas vortanzt. Schließlich können wir ja nicht bis Ostern „In der Weihnachtsbäckerei“ hören.

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