Es ist 5 Uhr morgens, der Wasserkocher in der Küche von Familie Pistone Nascone rauscht zum ersten Mal an diesem Tag – doch dabei wird es nicht bleiben. Das Geräusch des Geräts hat sich in den Tagesablauf der fünfköpfigen Familie eingenistet und gehört dazu, seit die Stadtwerke Villingen-Schwenningen vor acht Tagen das Abkoch-Gebot für Leitungswasser in Teilen der Doppelstadt, darunter auch Weilersbach, ausgesprochen haben.

„Der Wasserkocher läuft bei uns den ganzen Tag“, sagt Kornelija Pistone Nascone. Das beginnt schon, wenn sich ihre beiden Töchter vor Beginn ihres Ferienjobs den morgendlichen Espresso zubereiten. „Wenn ich dann gegen Mittag von der Arbeit heimkomme, koche ich außerdem noch Leitungswasser auf dem Herd ab“, sagt die dreifache Mutter. Das verwendet sie vor allem zum Geschirrspülen. Je nach Verbrauch komme gegen Abend noch mal eine Ladung dazu. Neun Liter fasst der große Topf, der seinen neuen Stammplatz auf dem Herd der Familie erhalten hat – bis zu 20 Liter Wasser werden so jeden Tag abgekocht. Das kostet seine Zeit.

„Ich glaube schon, dass wir mehr Strom verbrauchen“, sagt die 49-Jährige. Und auch mehr stilles Wasser müsse sie nun kaufen. Das braucht sie beispielsweise, um Salat zu waschen. „Ich benutze das stille Wasser aber auch zum Zähne putzen und zur Körperpflege“, sagt Tabea, die älteste Tochter der Familie. Die 21-Jährige studiert Grundschullehramt in Weingarten, wohnt in den Semesterferien jedoch bei ihrer Familie.

„Je mehr Personen, desto mehr Wasser braucht man und desto größer ist auch der Aufwand“, sagt ihre Mutter. Das Angebot der Stadtwerke, sich kostenlos neun Liter Wasser am Tag zu holen, findet sie lächerlich: „Ein Sixpack am Tag für fünf Personen – das ist ja gar nichts“. Unverschämt sei außerdem, dass man dafür anfangs nach Villingen habe fahren müssen: Eine Abholungsstelle in jeder der betroffenen Gemeinden wäre eine bessere Lösung. „Wie sollen sich denn alleinstehende, ältere Leute das Wasser sonst abholen?“

Massimiliano und Kornelija Pistone Nascone und ihre drei Töchter sind als Weilersbacher von den Keimen im Leitungswasser der Stadt Villingen-Schwenningen betroffen. Wegen der Verunreinigung weicht die Familie auf gekauftes Wasser aus, um Speisen zuzubereiten, sich die Zähne zu putzen oder das Gesicht zu waschen. Innerhalb von zwei Tagen sammelt sich so eine große Tasche voll Leergut an – dafür braucht die fünfköpfige Familie sonst eine knappe Woche. Dazu kommen die Mehrkosten durch das Abkochen des Wassers mittels Wasserkocher und Herd. <em>Bilder: Julia Horn</em>
Massimiliano und Kornelija Pistone Nascone und ihre drei Töchter sind als Weilersbacher von den Keimen im Leitungswasser der Stadt Villingen-Schwenningen betroffen. Wegen der Verunreinigung weicht die Familie auf gekauftes Wasser aus, um Speisen zuzubereiten, sich die Zähne zu putzen oder das Gesicht zu waschen. Innerhalb von zwei Tagen sammelt sich so eine große Tasche voll Leergut an – dafür braucht die fünfköpfige Familie sonst eine knappe Woche. Dazu kommen die Mehrkosten durch das Abkochen des Wassers mittels Wasserkocher und Herd. Bilder: Julia Horn

Gerade für diese Menschen sei es auch schwierig gewesen, überhaupt von dem verunreinigten Wasser zu erfahren. Eine ältere Nachbarin ohne Internetanschluss, so berichtet Kornelija Pistone Nascone, habe davon überhaupt nichts gewusst, wurde erst von ihr informiert. „Das Ganze ist ärgerlich“, findet die dreifache Mutter. Dass keine Details zu den Keimen herausgegeben werde, verunsichere die Menschen. Auch sie selbst sei sich nicht ganz sicher, ob das verunreinigte Wasser tatsächlich so ungefährlich für gesunde Menschen sei, wie behauptet werde.

Ihr Mann Massimiliano Pistone Nascone nickt zustimmend. Er kenne einige Leute, die in letzter Zeit über Magenbeschwerden klagen. Auch den Pistone Nascones ist nicht ganz wohl dabei, mit dem nicht abgekochten Wasser in Berührung zu kommen. "Das Duschen kann ich nicht mehr so genießen", sagt Tochter Tabea. Erst jetzt werde ihr bewusst, dass sauberes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist: "Ich lerne das nun zu schätzen".

Weitere Fragen zum Abkoch-Gebot

  1. Was ist dran an den Gerüchten, dass das Trinkwasser durch Gülle verunreinigt worden sei? Ein Bürger aus Dauchinger vermutete öffentlich, dass die Belastung des Trinkwassers durch Gülle verursacht wurde. Das Gesundheitsamt weist diesen Verdacht zurück: Es stehe fest, dass gefährliche tierische Darmbakterien wie Echecheri Coli im aktuellen Fall nicht nachgewiesen wurden. Die Pressestelle des zuständigen Landratamts teilte mit, dass ein Gülleeintrag damit ausgeschlossen sei.
  2. Bis wann liegt ein endgültiges Ergebnis vor, ob das Trinkwasser in Villingen-Schwenningen wieder frei von coliformen Keimen ist? Susanna Kurz, Pressesprecherin der Stadtwerke Villingen-Schwenningen, teilte mit, dass erst nach der dritten und damit letzten Auswertung der drei Wasserproben das Endergebnis bekannt gegeben werde. So solle gewährleistet werden, dass das Abkoch-Gebot auch bis zur offiziellen Aufhebung durch das Gesundheitsamt von den Bürgern befolgt wird. Nur wenn alle drei Proben ohne Befund sind, wird das Abkoch-Gebot aufgehoben. Ein endgültiges Ergebnis wird nach Aussage von Tatjana Ritter, Ärztin des Gesundheitsamtes, für den 4. September erwartet.
  3. Gibt es weitere Fälle von verunreinigtem Wasser in der Umgebung? Auch im Landkreis Konstanz wurde verunreinigtes Trinkwasser festgestellt: Seit Anfang der Woche gilt auch für Haushalte in der Gemeinde Moos bei Radolfzell ein Abkoch-Gebot. Die dortige Verunreinigung des Wassers wurde bei einer Routinekontrolle in einem Hochbehälter festgestellt. Dieser wurde nach der Entdeckung entleert und mit Chlor gereinigt. Kommenden Montag soll das Ergebnis einer zweiten Probe zeigen, ob für die Haushalte in Moos Entwarnung gegeben werden kann. (juh)