Eine Reise ins Weltall ist etwas ganz Besonderes, auch heute noch. Nur wenige Menschen hatten bislang das Glück, unseren Heimatplaneten einmal aus der Ferne zu bewundern. Einer davon ist Alexander Gerst. Der deutsche Astronaut sorgte vor wenigen Wochen mit seiner Ansprache von der Internationalen Raumstation ISS medienwirksam für großes Aufsehen. Millionen Menschen lauschten seinen Worten. Nicht ganz so viel Aufmerksamkeit bekam 1997 Astronaut Reinhold Ewald aus Mönchengladbach. Die Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet waren einfach noch nicht so weit. Auch die Entwicklung von digitalen Kameras steckte noch in den Kinderschuhen. Ewald reiste damals mit einer russischen Sojus-Rakete zur Raumstation Mir, wo er knapp 20 Tage verbrachte und alle 90 Minuten einmal die Erde umrundete. Was viele nicht wissen, in seinem Handgepäck hatte Ewald ein Stück Villingen-Schwenningen dabei.

Der deutsche Astronaut Reinhold Ewald (l) und sein russischer Kollege Waleri Korsun (r) freuen sich nach geglückter Landung am Sonntag ...
Der deutsche Astronaut Reinhold Ewald (l) und sein russischer Kollege Waleri Korsun (r) freuen sich nach geglückter Landung am Sonntag (2.3.97) in der Steppe von Kasachstan. Ewald hatte 20 Tage auf der russischen Raumstation Mir verbracht. Zu seinem Arbeitsprogramm an Bord gehörten vor allem medizinische Experimente. dpa | | Bild: Sergei_Chirikov

Astronaut und Fußball-Fan

Der Astronaut aus Mönchengladbach hatte sich damals dafür entschieden, eine Tipp-Kick-Figur im Borussia-Trikot von der Firma Mieg aus Villingen-Schwenningen als persönlichen Gegenstand mit zur russischen Raumstation mitzunehmen. Das Privatgepäck war streng auf rund eineinhalb Kilogramm limitiert. Umso erstaunlicher, dass er sich für eine Spielfigur aus der Doppelstadt entschieden hatte.

Ewald erklärt es so: Er sei in einer spielebegeisterten Familie großgeworden. Tipp-Kick gehörte zum Spielenachmittag ebenso dazu wie Doppelkopp, Skat und Monopoly. "Es ist allemal kommunikativer als Netflix", fügt er hinzu. Zudem ist der heute 62-Jährige großer Fan der Bundesligamannschaft Borussia Mönchengladbach. Mit der Tipp-Kick-Figur konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Gewicht sparen. Auf die Frage, warum er kein gängiges Fan-Utensil mitgenommen hatte, sagt er: "Heute wundere ich mich auch. Aber wegen der physikalischen Anschnittmöglichkeiten eines Tipp-Kick Schusses war ich wohl mehr experimentell als symbolisch interessiert", sagt er gegenüber dem SÜDKURIER. Immerhin habe er so auch eine "Erstmals-im-Weltall-Marke" gesetzt. Fußball-, Football- und Baseballwimpel seien schon genug ins All geflogen.

Astronaut Reinhold Ewald winkt 1997 den Fotografen zu. Kurz darauf reist er an Bord einer Sojus-Rakete zur russischen Raumstation Mir.
Astronaut Reinhold Ewald winkt 1997 den Fotografen zu. Kurz darauf reist er an Bord einer Sojus-Rakete zur russischen Raumstation Mir. | Bild: Frm/dpa

Tipps für eine Astro-Edition

Der Astronaut hat auch eine Idee, wie Tipp-Kick in der Schwerelosigkeit funktionieren könnte. Denn irdische Schusstechniken, wie zum Beispiel Anschneiden und Heber, funktionieren im All nicht. Einmal angetippt fliegt der Ball schnurgerade in Verlängerung der wirkenden Kraft weiter gerade weiter, bis ein Hindernis die Flugbahn umlenkt. "Es müsste ein Spielfeld sein, das so ähnlich wie ein Lufttisch funktioniert, nur umgekehrt" erklärt Ewald. Anstatt den Ball per Luftstrom nach oben zu pusten könnte man ihn ansaugen. Die entgegengesetzte Kraft wäre durch eine magnetische Abstoßung realisierbar. "Sie sehen, es ist kompliziert, aber nicht unmöglich." Ewald hatte einen Spielversuch im all mit einer der ersten verfügbaren Digitalkameras gefilmt. Die Qualität der Bilder ist dementsprechend. "Ich konnte damals auch nicht ahnen, dass die Figur jemals von Interesse sein wird", blickt Ewald zurück.

 

Der Wissenschaftler würde bei einer weiteren Mission erneut eine Tipp-Kick-Figur mitnehmen. "Meine Liebe zur Borussia ist ungebrochen, trotz der unnötigen 0:3-Niederlage gegen Hertha Anfang Februar", so der Physiker und fügt hinzu: "Ich finde auch das Traditions-Trikot in weiß-grün noch sehr ansprechend. Es war damals unter anderem die große Zeit von Günter Netzer." Auf das Treppchen seiner Lieblingsgegenstände an Bord der Mir schaffte es die Spielfigur aus dem Schwarzwald aber nicht. Dort teilen sich das Fenster mit Blick auf die Erde, eine Hein Blöd Plüschfigur, der Feuerlöscher und die Atemschutzmaske die vordersten Plätze. Die zuletzt genannten Gegenstände hatten den Raumfahrern auf der Mir sogar das Leben gerettet, als eine Patrone zur Sauerstofferzeugung in Brand geriet.

Außer der Spielfigur verbindet den Wissenschaftler nur wenig mit dem Schwarzwald. Die Stimmfärbung sei Ewald dennoch vertraut, aufgrund von regelmäßigen Besuchen der Raumfahrt Universität in Straßburg mit Abstechern nach Offenburg und Umgebung. Ewalds Doktorvater stammte aus der Freiburger Gegend. Bis nach Villingen-Schwenningen habe er es aber nie geschafft. "Das muss ich wohl nachholen", sagt er, um zum Beispiel die Firma Mieg zu besuchen. Heute steht der Tipp-Kick-Astronaut im Vereinsmuseum von Borussia Mönchengladbach. Ein weiteres lohnendes Ausflugsziel: Die 14. Astronomie-Messe, die im September in VS-Schwenningen stattfindet.

22 Jahre später

Die Herstellerfirma Mieg hatte von alledem nichts mitbekommen. Erst vor wenigen Tagen, als das Fußballmagazin 11Freunde ein Interview mit dem Astronauten auf seiner Internetseite veröffentlichte, erfuhr auch Geschäftsführer Mathias Mieg von der abenteuerlichen Reise einer seiner Spielfiguren. Das Unternehmen teilte den Beitrag auf seiner Facebook-Seite. "Das ist eine schöne Sache", freut sich Mieg auch 22 Jahre nach dem Ereignis. Auch die Idee einer Tipp-Kick-Weltraum-Edition findet Mathias Mieg interessant. Aufgrund einer verschwindend geringen Zielgruppe wird es diese aber wohl nie zu kaufen geben.

 

Prominente Tipp-Kicker

Im Jahr 2024 findet die Fußball-Europameisterschaft statt. Dann feiert das Schwenninger Unternehmen seinen 100. Geburtstag. Tipp-Kick blickt auf eine Tradition zurück. Es gibt sogar eine Meisterschaft und zahlreiche Sportvereine, die sich dem Spiel verschieben haben, sogar in der Schweiz. Auch zahlreiche Promis lieben den Spiele-Klassiker. Wer im Internet nach den Schlagworten sucht, bekommt Bilder von Promis angezeigt, die sich schon mit dem Spiel haben fotografieren lassen, vor allem Fußballspieler. Es gibt aber auch Fotos von Politikern wie Angela Merkel und Günther Oettinger.

Eine großer Tipp-Kick-Fan, der zudem auf hohem Niveau spielt, ist Campino, Frontmann der Band Die Toten Hosen (DTH). Seit vielen Jahren pflegt die Firma Mieg freundschaftlichen Kontakt zu den erfolgreichen Musikern. Auf dem Cover der Single "Bayern" ist eine groß eine alte Tipp-Kick-Figur abgebildet. Später gab es sogar eine auf 1000 Stück limitierte Tipp-Kick-Sonderedition zu der Band. Auf der Webseite der Band ist ein langes Interview mit Geschäftsführer Jochen Mieg zu lesen.

Eine abgenutzte Tipp-Kick-Figur ziert das Cover der Single Bayern.
Eine abgenutzte Tipp-Kick-Figur ziert das Cover der Single Bayern. | Bild: Die Toten Hosen

An ein Aufeinandertreffen mit den Musikern erinnert sich Mathias Mieg ganz besonders. Es war ein normaler Arbeitstag kurz vor Weihnachten 2004. Die Toten Hosen hatten am Vortag in Friedrichshafen gespielt. Am nächsten Morgen erreichte Mieg ein Anruf, dass die Band der Firma ein Besuch abstatten möchte. Wenig später fuhr der Tourbus vor. Zufällig war an diesem Tag auch ein Fernsehteam da, das einen Beitrag über Tipp-Kick drehte. Den Film auf Englisch können Sie hier anschauen:

 

"Viele Mitarbeiter sind schnell nach Hause geeilt, um T-Shirts für Unterschriften zu holen", erinnert sich Mieg.

Im Jahr 2004 besucht die Band Die Toten Hosen nach einem Konzert in Friedrichshafen die Firma Mieg in Schwenningen. Auch ein Fernsehteam ...
Im Jahr 2004 besucht die Band Die Toten Hosen nach einem Konzert in Friedrichshafen die Firma Mieg in Schwenningen. Auch ein Fernsehteam war an diesem Tag zufällig da. | Bild: Mathias Mieg

"Für meinen damals 8-jährigen Sohn hatten wir eine E-Gitarre als Weihnachtsgeschenk gekauft. Die hat jetzt auch Unterschriften der Band."

Campino (rechts) bastelt in der Werkstatt der Firma Mieg an einer Tipp-Kick-Figur.
Campino (rechts) bastelt in der Werkstatt der Firma Mieg an einer Tipp-Kick-Figur. | Bild: Mathias Mieg