Herr Lauinger, am 4. und 5. November ist es so weit – die vierte Auflage der Whiskymesse steigt. Man spricht mittlerweile von einem Ereignis mit überregionaler Strahlkraft. Was für ein Publikum empfangen Sie hier erfahrungsgemäß?

Unsere Gäste kommen inzwischen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz und gehören fast allen Altersgruppen an. Wir begrüßen hier Menschen, die auf den Genuss achten. Gesucht wird das Besondere, das Traditionelle und gefunden werden bei uns auch vielfältige Gesprächsmöglichkeiten mit Gleichgesinnten zu diesem schier unendlichen Thema. Wir haben ein bunt gemischtes Publikum, bei dem weder die Berufswahl noch das Alter eine Rolle spielen. Das Thema ist auf jeden Fall spannend. Whisky hat eine Geschichte und ist nicht nur eine schnell gemachte Spirituose. Wir sehen hier von der enorm großen Nachfrage den Trend bestätigt: Handwerklich produziert, nach alt überlieferter Weisheit. Bei uns werden an den Ausstellungsständen Erfahrungen berichtet und Geschichten aus den Destillen werden zum Besten gegeben.

Wie sind Sie eigentlich als Geschäftsführer des seit 1880 in Villingen in der fünften Generation bestehenden Weinhauses ausgerechnet auf Whisky gekommen?

Ich wurde bei einer Reise durch Schottland davon inspiriert. Meine Frau Selma und ich waren eigentlich auf Erholung aus, dabei bot sich uns natürlich auch die Möglichkeit, in einer Destille Whisky zu probieren. Wir kamen mit dem Master Distiller ins Gespräch und waren sofort von dieser Materie fasziniert. Die Schotten brennen ihren Gerstenbrand mit Leidenschaft und Stolz. Ein Jahr später, im Januar 2007, waren wir wieder dort, mit DER Geschäftsidee im Gepäck. Dabei hat unsere Firmenhistorie als Küferei in Villingen eine wesentliche Rolle gespielt. Denn zwei Generationen lang war Riegger in Villingen neben der Brennerei und Mosterei auch eine Küferei. In Schottland konnten wir uns dann eigene Fässer mit besonderen Destillaten aussuchen. Was war das für eine Freude! Noch heute erinnern wir uns gerne an diese Chance, die wir genutzt haben und die für unseren Familienbetrieb die ganz besondere Geschichte ist, hinter der unsere Whiskymesse steht.

Wie ging es weiter?

Wir gingen dann mit unseren ersten eigenen Abfüllungen als unabhängiger Abfüller, man spricht vom Independent Bottler, auf Whiskymessen in Deutschland. So kamen wir beispielsweise nach Limburg. Dort haben wir festgestellt: Es gibt hier echte Freaks unter den Besuchern. Leute, die alles wissen und auf der Suche nach speziellen Angeboten aus sind. Whiskyliebhaber, die einen guten Schluck zuhause zum Abschalten genießen und auch zelebrieren. Es gibt hierzu eine regelrechte Szene mit Whiskyclubs und geselligen Runden, die in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis hier bei uns in der Region entstanden sind.

Was ist das Besondere an der Villinger Whiskymesse?

Es ist die einzige Whiskymesse in Süddeutschland. Wir waren ein großer, weißer Fleck auf der Landkarte zwischen München, Frankfurt und Zürich. Das hat sich geändert. Zuletzt hatten wir 3500 Gäste. Ursprünglich sollte es eigentlich eine Art ausgedehnter Hausmesse werden. Zuletzt hatten wir 40 Aussteller. Das wird auch dieses Jahr so sein. Für mehr reicht der Platz nicht aus.

Was verändert sich bei der Messe 2017? Ich höre, das zusätzliche Verköstigungszelt an der Tonhalle wird nicht aufgebaut. Was hat es damit auf sich?

Wir wollen dieses Jahr gezielt erreichen, dass unsere Gäste in die historische Altstadt gehen, die ja an die Neue Tonhalle angrenzt. Vor Ort gibt es ein kleines Angebot mit typisch schottischen Spezialitäten: U. a. lang gegartes Fleisch, der Schotte spricht von „Pulled Pork“. Das Irish Pub und das Restaurant am Pulvertürmle bieten themengerecht irisch-schottische Gerichte an. Zudem ist in der Stadt ja auch der verkaufsoffene Sonntag. Eine schöne Möglichkeit, gerade für die vielen auswärtigen Whiskyfreunde, zwischen dem Messerummel unsere Geschäfte und Cafés kennenzulernen. Das Zusammenlegen unseres Termins mit dem Einkaufssonntag war übrigens eine Idee von Katja Hall vom Tonhallen-Management.

Die Firma Wein-Riegger hat ja heute ihren eigenen Rum. Wie kam es dazu?

Das ist ein Projekt unserer fünften Generation: Das sind die beiden Söhne von Olaf Lauinger – Sebastian und Christopher und neuerdings auch unsere Tochter Lisa Lauinger.Sebastian Lauinger kommt hinzu.Sebastian Lauinger: Wir hatten bei uns in Villingen erste Verkostungen von Rum vor fünf Jahren. Rum hat mich interessiert. Was man aus Zucker alles machen kann, das Zuckerrohr wächst in anderen Klimazonen, was da alles passiert, das war das Spannende. Ich habe mich dann mal beim Aufräumen bei uns gewundert, wieso die Rumgläser am Tisch kleben. Negative Faszination irgendwie. Ich geriet ins Grübeln, was bei diesem Produkt alles beim Reifeprozess geschieht. Ich habe dann mit Herstellern telefoniert. Ich wollte Rohware haben: Was ist da drin, wie schmeckt das? Daraufhin bekam ich einige Proben zugeschickt. Ich wollte dann alles wissen und flog nach Panama. Ich war auf den Zuckerrohrfeldern, in den Brennereien und bei den Zuckerherstellern. Ich habe daraufhin erstmals 120 Fässer zu je 200 Liter bestellt. Ein Riesen-Investment! Aber klar war, das mache ich jetzt!Uwe Lauinger: Dieser Großeinkauf war eigentlich nur möglich, weil wir in Villingen gerade unser eigenes Warehouse für den Whisky gebaut hatten. Denn so viele Fässer benötigen auch einen geeigneten Platz. Das Warehouse als so genanntes Steuerlager ist zollfreies Gebiet. Alles was aus diesem Lager entnommen wird, muss zuerst verzollt werden.

Was ist der Vorteil eines zollfreien Lagers?

Die Spirituose hat in den Fässern eine Ausdünstung. Im Klartext: Während des Reifeprozesses verlieren die Fässer bis zu vier Prozent an Füllung im Jahr. Würde dies schon versteuert sein, wäre das ein enormer Verlust, der sich preislich nicht mehr erwirtschaften ließe. Dieser Verdunstungsverlust heißt in der Branche „Angels‘ Share“ – frei übersetzt: Ein Teil für die Engel. So entstand auch unser Name der Messe und unseres Warehous: „Hall of Angels‘ Share“.

Was wird in diesem Warehouse alles gelagert?

Ausschließlich Whisky und Rum. Wir lagern hier unsere Destillate in speziellen Fass-Typen ein. Das sind u. a. Port-, Sherry- und diverse Wein-Fässer. Wir typisieren unsere Destillate über die verschiedenen Fässer. Italienische Amaronefässer beispielsweise geben dem Destillat seinen besonderen Charakter.Das ist eine spannende Herausforderung, zu erleben und regelmäßig zu prüfen, inwieweit das Fass Einfluss auf das Destillat nimmt.

Gibt es den Rum auch auf der Whiskymesse?

Ja. In der Tonhalle haben wir eine spezielle Lounge im Obergeschoss eingerichtet.Hier findet man verschiedene Rumsorten aus der ganzen Welt und darunter insbesondere „El Ron del Artesano“ aus Panama – auf Deutsch „Der Rum des Handwerkers“, unser direkt importierter und in Villingen nachgereifter Panama-Rum.

Was kostet so eine Flasche Villinger Rum?

Ca. 50 Euro, also nichts zum in die Cola kippen, sondern genau das Richtige für einen Genießerabend.Die Damenwelt probiert übrigens eher einen Rum als einen Whisky, da der Rum mehr Süße mit sich bringt und i. d. R. nicht so hochprozentig ist.

Das teuerste Produkt auf der Villinger Messe ist?

Das geht von 20 Euro bis 2500 Euro pro Flasche und kann gegen einen entsprechenden Obolus verkostet werden.

Wie aber kommen solche Preise zustande – 2500 Euro?

Dadurch, dass viele Destillen nicht mehr existieren und die Whiskys oftmals sehr alt sind, werden diese zu Raritäten, von denen es weltweit nur noch wenige Flaschen gibt.

Ein Messebesuch dauert wie lange?

Drei Stunden braucht es schon, mindestens, um entspannt die Atmosphäre einatmen zu können, sich einlassen zu können auf die Vielfalt. Im Klartext: Wir haben über 1000 offene Whiskys zur Verkostung bereit. Mal eben schnell über die Whiskymesse promenieren, das geht gar nicht. Viele laufen erst einmal eine trockene Runde, schauen, selektieren. Erst dann wird gezielt versucht probiert. Getrunken werden 1 cl oder 2 cl. Mehr nicht. Und natürlich wird gefachsimpelt. Der Kunde bezahlt jeden Dram (so bezeichnet man in der Whiskyszene einen etwas größeren Schluck).

Der Samstagsvorverkauf ist mittlerweile beendet. Was bedeutet das für Interessierte denn genau?

Es gibt noch eine Tageskasse ab 11 Uhr. Man muss hier eben mit einer entsprechenden Wartezeit rechnen. Der Kaffeestand ist aber direkt nebenan. Das Warten fällt also leicht. Und, noch ein Tipp: Der Messe-Sonntag ist nicht so überfüllt und daher der entspanntere Messetag. Auch, weil viele Gäste einfach mehr Zeit haben und sich ein wenig treiben lassen wollen.

Fragen: Norbert Trippl

Daten und Fakten

  • Uwe Lauinger: 54 Jahre, Geschäftsführer der Viktor Riegger GmbH mit seinem Bruder Olaf Lauinger. Er ist Brand Ambassador für die eigene Whiskyserie „Riegger’s Selection“. Verheiratet mit Selma Lauinger, die im Betrieb mitarbeitet. Eine Tochter, Lisa, die nach ihrem Masterstudium mit ihren beiden Cousins Sebastian und Christopher in der fünften Generation in den Betrieb einsteigen wird.
  • Sebastian Lauinger: 30 Jahre. Nach dem Studium der Internationalen Weinwirtschaft seit 2012 im Familienbetrieb tätig. Er spricht perfekt Italienisch, Spanisch und Englisch und fungiert als Brand Ambassador für die eigene Rumserie „El Ron del Artesano“. Da er sein Hobby zum Beruf gemacht hat, besucht er im Urlaub gerne die einzelnen Weingüter und Destillen.
  • Messe-Fakten: Die vierte Whiskymesse in der Villinger Tonhalle findet am 4. und 5. November statt. Ein Ticket kostet 11 Euro Eintritt. Die einzelnen „Drams“ müssen extra bezahlt werden. Geöffnet ist am Samstag von 11 bis 21 Uhr und am Sonntag von 11 bis 19 Uhr.