Wie ist Machtergreifung der NSDAP im Dritten Reich in Städten und Dörfern vonstatten gegangen? Wie haben sich die kommunalen Verwaltungen und Eliten ab 1933 und auch schon zuvor an der Machtergreifung beteiligt?

Eine wissenschaftliche Untersuchung in Form eines gut lesbaren Buches mit dem Blick auf größere und kleinere Kommunen im Südwesten (Baden, Württemberg, Pfalz), darunter mehrere Beiträge bezogen auf Villingen und Schwenningen, wurde nun im Stadtarchiv in Villingen vorgestellt.

Kommunale Eigenssinn sehr ausgeprägt

Als zentrale wissenschaftliche Erkenntnis könne man festhalten, dass der „kommunale Eigensinn“, wie es Robert Neisen wörtlich ausdrückte, eine ungeheure Bandbreite aufwies. Neisen hat das Buch mit Heinrich Maulhardt und Konrad Krimm herausgegeben.

In Konstanz beispielsweise konnten die Nazis sofort die Herrschaft übernehmen, da die Strukturen der Stadtverwaltung dies reibungslos ermöglichten. Dies ist eindrucksvoll dargelegt in dem Beitrag von Jürgen Klöckler, der die Gau- und Landeshauptstadt Konstanz zwischen 1933 und 1945 porträtiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Andererseits, so Neisen, habe es das Dorf Hagenbach in der Pfalz gegeben, wo es erhebliche Widerstände gegen die Nazis gegeben habe. „Das liest sich fast wie bei Asterix“, wie Neisen verdeutlichte.

Nazi-Vetternwirtschaft im Villinger Rathaus

In Villingen, zu dem unter anderem von Wolfgang Heitner einen Beitrag zur Durchsetzung nationalsozialistischer Herrschaft ab 1933 zu lesen ist, gab es einerseits großen Unmut über die nationalsozialistische Vetternwirtschaft in der Verwaltung. Andererseits sorgte ein enormer Bedeutungszuwachs von Kienzle und Saba, die von den Nationalsozialisten protegiert wurden, sowie ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung der Stadt bedingt durch die Aufrüstung für Zufriedenheit.

NS-Eliten, die sich in den frühen 1920-er Jahren bildeten und in Sport- und Schützenvereinen fest verankert waren, sorgten ebenfalls in vielen Kommunen für eine Stabilisierung der Naziherrschaft.

Aufklärungsarbeit weiter nötig

Allerdings ist das Bild, was durch das Buch entsteht, ausgesprochen differenziert. Geschwächt wurde die NS-Herrschaft unter anderem durch ihre Korruptheit, die vielen Bürgern wiederstrebte. Andererseits profitierten viele Mitläufer vom Ausschluss der „Volksfeinde“, wie Juden und andere Minderheiten genannt wurde. Kommunen und Bürgern konnten so Grundstücke und Häuser von diesen leicht übernehmen. Jenseits von einseitigen Erklärungen, so Robert Neisen, sei es gelungen, einen vielfältigen Band zu gestalten, der Antworten auf nicht einfache Fragen liefert.

Heinrich Maulhardt selbst hat, wie er bei der Vorstellung einflicht, den gesamten Winter damit zugebracht, an dem Werk mitzuarbeiten. Sein Fazit als ehemaliger Stadtarchivar was die Aufarbeitung der Geschichte in der Stadt Villingen-Schwenningen angeht, ist immer noch deutlich. „Hier in der Stadt ist die Aufklärungsarbeit noch längst nicht abgeschlossen“. (us)