Es ist das Revival einer großartigen Erinnerung, eines Stücks Kulturgeschichte wie auch Architekturhistorie Villingens. Der Jugendball in der Tonhalle war ab 1970 immer wieder sonntags Standardprogramm für alle Mofa- und Mopedfahrer. Überwiegend zu Live-Musik wurden auf der Tanzfläche unter der Tonhallengalerie die ersten Tanzschritte gewagt, heimlich herbeigesehnt wurde Schwofmusikmusik, um enger tanzen zu können. Heute hätte der Jugendball von einst vielleicht sogar die Bezeichnung Dating-Treff. Es ging ums vordergründig ums Kennenlernen der Jugendlichen untereinander. Dass hinter der Veranstaltung auch ein Stück Sozialarbeit steckte, ahnte damals auf der Tanzfläche schlicht gar niemand.

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Der Jugendball aus den Siebzigern erfuhr vor genau zehn Jahren seine Wiederauferstehung. Der Kriminaloberkommissar Jörg Biermann wollte die Veranstaltung von einst nicht einfach dem Vergessenwerden überlassen. So startete er eine Neuauflage, die bis heute einmal im Jahr stattfindet – und für einen guten Zweck über die Bühne geht.

Am Samstag, 20. Oktober, 20.15 Uhr, ist es soweit. Der zehnte, neue Jugendball findet in Villingen statt. Längst hat sich um Biermann ein Helfergrüppchen formiert, das still und emsig die Veranstaltung realisiert. Eines von zwei großen Hindernissen: Der Veranstaltungsraum. Liebend gerne würden alle in der alten Tonhalle noch einmal in Jeansjacke und Cowboy-Stiefeln, der damaligen Mode für junge Leute entsprechend, loslegen. Notgedrungen aber auch dankbar weicht man auf Münsterzentrum aus. Der mittelgroße Veranstaltungsraum ist für 300 Leute bei Abenden wie diesen ausgelegt. Das zweite Problem beim möglichst stilechten Wiederholen der Abende von einst: Die Livemusik. „Wir finden eigentlich keine Bands von hier mehr, die kostenlos aufspielen“, sagt Biermann heute.

Der Motor des Jugendballs trägt in seiner Freizeit immer noch Jeansjacke, fährt eine fette Harley und trägt ein Kinnbärtchen. Beruflich eingespannt bei der Kripo, kennt der 59-Jährige die Gefahren solcher Abende aus dem Eff-Eff. Klar ist, dass sich die Veranstaltungszeiten von einst dem neuen Lebensrhythmus angepasst haben. Bis 3 Uhr nachts darf beim neuen Jugendball gehottet werden, früher, in der ehrwürdigen Tonhalle, standen die Mama-Taxis kurz vor 20 Uhr am Tonhallenvordach Schlange, um überwiegend Töchter und deren Freundinnen nach Hause zu kutschieren. Jungs stiegen damals nach Möglichkeit nie in ein Mama-Taxi. Das wäre die Unterstreichung des nicht Vorhandenseins eines eigenen, motorisierten Untersatzes gewesen. Uncool, würde man heute sagen.

In zehn Jahren nach der Neuauflage des alten Jugendballs hat sich die Veranstaltung auch zu einem engagierten Spendenmotor entwickelt. Rund 15 000 Euro sind aus der Veranstalterkasse in alle VS-Richtungen für möglichst sinnvolle Zwecke gespendet worden. Von der kinderreichen Familie, die den Tod der Mutter zu verkraften hatte, bis hin zu Warenbergschule und Brennpunkttheater reichen die Zieladressen für die Spenden. Jeder Besucher des neuen Jugendballs unterstützt solche Zwecke mit einem Ticket für fünf Euro. Bis etwas in der Kasse übrig bleibt, müssen reichlich Getränke verkauft werden. „Knapp über 1000 Euro Kosten gehen mit jeder Veranstaltung heutzutage einher – Versicherung, Gema“, nennt Biermann als die dicksten Brocken.

Das Ziel der Veranstaltung soll aber eisern beibehalten werden. „Der Ertrag ist für die Kinder und Jugendlichen der Stadt gedacht“, sagt der Veranstalter-Chef, der heute Vorsitzender des Vereins Jugendball e.V. ist.

Gefeiert wird im Münsterzentrum möglichst stilecht – so wie damals. Es wird auch die Musik der Siebziger gespielt – unter anderem: Heißt: Santana, Genesis, ELO und anderes. Die Zeitreise zurück in die eigene Jugendzeit soll für die Besucher möglichst perfekt sein.

Mann der ersten Stunde des Villinger Jugendballs war der damalige Stadtjugendpfleger Dieter Sirringhaus. Die Idee zur Veranstaltung sei aus der Beobachtung entstanden, dass vor allem im Königsfelder Engel seinerzeit viel los gewesen sei- und in Villingen weniger. Das wurde geändert. Die ersten Live-Bands hießen Dust, Mammut, Crusade. Später dann die Jahre der Disco-Ära. In Villingen legte dazu Charlys Eurothek auf. Der Nachwuchs der Stadt tanzte zu den Rhythmen der Bay City Rollers und Suzi Quatro.

Der neue Jugendball ist in Villingen im Jahr 2018 ein überaus gefragtes Angebot. „Ich werde immer wieder angesprochen – macht das doch drei- oder viermal im Jahr“, schildert Initiator Jörg Biermann die Begehrlichkeiten. Aus zwei Gründen will er sich darauf aber nicht einlassen. Einmal im Jahr macht den Abend exklusiv und: Die Helfer schultern können schlicht nicht mehr schultern. Wochenlange Vorbereitungen gehen einem solchen Abend heute voraus.