VS-Villingen - Über lange Zeit habe man die Auseinandersetzung und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit auf kommunaler Ebene gescheut, habe geschwiegen über das geschehene Unrecht, um zu verdrängen: Für Wolfgang Heitner, ehemals Geschichtslehrer am Gymnasium am Romäusring, ein Anlass, die nationalsozialistische Vergangenheit Villingens mittels vierjähriger Recherche in Stadtarchiv und Staatsarchiv Freiburg zu ergründen und örtliche Nazi-Akteure herauszufinden. Die Ergebnisse der Recherche präsentierte Heitner jetzt im Rahmen des Vortrags „Villingen in der Zeit des Nationalsozialismus“ den etwa 100 Zuhörern im Franziskanermuseum.

Die zwölf Jahre dauernde Herrschaft des Nationalsozialismus hinterließ deutliche Spuren in Villingen. Die Beteiligung an der Reichtagswahl am 5. März sei in Villingen sehr hoch gewesen, 90 Prozent der Wahlberechtigten Bürger gaben ihre Stimme ab. Während die NSDAP in Villingen im Jahr 1928 nur 0,3 Prozent der Stimmen erhielt, strich sie im Jahr 1933 satte 37 Prozent der Stimmen ein. Gewichtige Gründe nennt das Villinger Volksblatt: Die bisherigen Nichtwähler hätten von der NSDAP aktiviert werden können. Zudem seien katholische Landwirte den Nationalsozialisten zugeströmt.

Erste sichtbare Zeichen: Hakenkreuze, Baumpflanzungen und Bücherverbrennung

Mit dieser Wahl beginnt laut Wolfgang Heitners ein Prozess der Gleichschaltung, wobei die Selbstbestimmungsrechte der Länder und Kommunen schrittweise beseitigt werden. Erstes sichtbares Zeichen in Villingen war das Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus am Dienstag nach den Reichtagswahlen. Am Abend des 15. März habe eine „Feier der nationalen Erhebung“ mit allen Formationen der NSDAP und städtischen Vereinen stattgefunden, eine Woche später sei der sogenannte „Tag von Potsdam“ mit großem Programm in Villingen zelebriert worden: Aufmarsch der Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS), Hitlerjugend (HJ) sowie der städtischen Vereine, Beflaggung öffentlicher Gebäude und ein Fackelzug mit Beleuchtung der Türme sowie Tore.

Bereits zum 1. April habe die NSDAP den Boykott jüdischer Läden, Arzt- und Anwaltspraxen organisiert. Zu Hitlers Geburtstag habe man in den Anlagen vor dem Amtsgericht eine Hitler-Eiche gepflanzt. Die letzte öffentlichkeitswirksame Veranstaltung in diesem Zeitraum war, laut Heitners Nachforschungen, die „Aktion wider des undeutschen Geistes“, die die „Säuberung“ öffentlicher Büchereien von Werken jüdischer, marxistischer, pazifistischer und politisch unliebsamer Schriftsteller zum Ziel hatte.

In Villingen sei von der Ortsgruppenleitung vom 12. bis 17. Juni eine „Kampfwoche gegen Schund und Schmutz“ ausgerufen und die Hitlerjugend mit dem Einsammeln der Werke beauftragt worden. Auf dem Schulplatz der Bubenschule in der Schulgasse seien die Bücher abends dann verbrannt worden.

Auf kommunaler Ebene werden Bürgerausschuss und Stadtrat umgestaltet. Mit Hilfe des „Gesetzes zur Durchführung der Gleichschaltung“ sei die Anzahl der ehrenamtlichen Stadträte von zwölf auf nun acht, die der Stadtverordneten von ehemals 72 auf nunmehr 20 verringert worden. Über die erste Sitzung des neuen Stadtrats berichtet die nationalsozialistische Zeitung „Romäus“: „Wir Nationalsozialisten haben die absolute Mehrheit“. Die letzten noch verbliebenen demokratischen Kräfte drängt die NSDAP nach und nach aus den Organen. So habe der damalige Bürgermeister Gremmelspacher (parteilos) um Beurlaubung gebeten, nachdem ihm dies von fünf Männern der SA drohend nahegelegt worden sei. Auch Sozialdemokraten und Vertreter der Zentrumspartei werden zur Aufgabe ihrer Ämter bewegt.

Die Biographien der Villinger Nationalsozialisten

Wolfgang Heitner recherchierte die Biografien der in Villingen maßgeblich agierenden Nationalsozialisten. Dies waren Hermann Schneider (SA-Truppführer), Wilhelm Gutmann (Ortsgruppenleiter der NSDAP), Hermann Riedel (unter anderem Mitglied mehrerer der NSDAP angeschlossenen Verbände und Fördermitglied der SS), Paul Riegger (mitunter Kreishauptstellenleiter in der NSDAP, Leiter des Kreissiedlungsreferats der Deutschen Arbeitsfront und Beisitzer des Kreisgerichts der NSDAP), Karl Reichert (mitunter Ortsgruppenleiter und stellvertretender Kreisleiter) und Karl Berckmüller (mitunter eines der ersten Parteimitglieder der NSDAP Badens und dem Aufbau von SA und SS in Baden vorstehend).

Nach der gewaltsamen Entfernung Gremmelspachers, so Heitner, habe Gauleiter und Reichsstatthalter Robert Wagner einen neuen Bürgermeister eingesetzt, den SA-Truppführer Hermann Schneider, der seinen Parteigenossen und den Ortgruppenleiter der NSDAP, Wilhelm Gutmann, als Übergangsbürgermeister ablöste. Gutmann trat im Januar 1935 eine Bürgermeisterstelle in Tiengen an, wo er sich mit einer judenfeindlichen Ortssatzung hervortat. Auch nach dem Krieg sei Gutmann seiner nationalsozialistischen Überzeugung treu geblieben: Er sei 1964 Mitgründer der NPD gewesen, deren stellvertretender Bundesvorsitzender und sei 1968 in den baden-württembergischen Landtag gewählt worden.

Fachkundige Unterstützung im Bereich Verwaltungsaufgaben habe Nazi-Bürgermeister Hermann Schneider in Hermann Riedel gefunden. Riedel, auch die „graue Eminenz“ genannt, sei der Mann im Hintergrund gewesen, durch dessen Hände alle Vorgänge gegangen seien, die den Stadtrat und die Stadtverwaltung betrafen. Die Stelle des stellvertretenden Bürgermeisters, die ehemals Gutmann inne gehabt habe, übernahm Parteigenosse Paul Riegger, der seit 1932 Mitglied der NSDAP und Konstruktionsleiter für den Taxameterbereich bei der Firma Kienzle Apparate GmbH gewesen sei. Paul Riegger habe durch seine ranghohen und einflussreichen Stellungen die Bereiche Politik und Wirtschaft in besonderem Maße verbunden. Nach dem Krieg war Riegger über lange Zeit Stadtrat der Freien Wähler in Villingen. Nach ihm wurde auch eine Tribüne im Fußballstadion am Friedengrund benannt. Bis heute ist er Ehrenbürger der Stadt Villingen.

Karl Reichert, der das Amt des Ortsgruppenleiters und später auch des stellvertretenden Kreisleiters der NSDAP ausübte, galt nach Recherchen Heitners als einer der „rücksichtslosesten und brutalsten Nazis Villingens." Er habe eine Reihe von Prozessen gegen Villinger Bürger angestrengt, die sich gegen Bedrohungen, Tätlichkeiten oder verbale Beleidigungen gewehrt hätten. Reichert habe ein sehr eigenwilliges Rechtsverständnis gehabt, so habe er die Auffassung vertreten: „Ich bin Ortsgruppenleiter und als solcher politischer Amtsträger. Die Privatklage ist überhaupt nicht zulässig. Ich unterstehe in meiner Eigenschaft als Ortsgruppenleiter nicht der zivilen Strafgerichtsbarkeit, sondern ausschließlich der Strafgerichtsbarkeit der Partei.“

Wolfgang Heitner zieht dergestalt Fazit, dass die Nationalsozialisten sich die Stadt Villingen schrittweise als Beute nahmen. Auch in Villingen habe man sich nach dem Krieg als Opfer in einer schweren Zeit gesehen – als Opfer der Nationalsozialisten mit „einem von denen da oben angezettelten Krieg". Viele hätten von ihrer eigenen Verantwortung nichts mehr wissen wollen, so Heitner. Und nach Kriegsende wollte man darüber nicht mehr reden. Weder über die ermordeten jüdischen Mitbürger, die verfolgten und öffentlich Gedemütigten, die hier verstorbenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, noch „über Marian Lewicki, einen jungen Polen, der aus rassischen Gründen an einem Baum aufgehängt worden war.“ Akribisch wurden Spuren entfernt: Seiten aus dem goldenen Buch der Stadt gerissen und Protokolle sowie Akten entsorgt.

Bild: Markus Renz

Fehlende Dokumente

Im März 1962 wird das frühere goldene Buch der Stadt Villingen wiedergefunden. Die während des Dritten Reiches beschriebenen Seiten wurden jedoch entfernt. Spuren, die die nazionalsozialistische Vergangenheit belegen, sollten beseitigt werden. Die fehlenden Buchseiten dokumentierten etwa den Besuch Goebbels in der Stadt oder auch den Ehrenbürgerbrief für Hitler. Auch Aktenmaterial fehlt. (mar)