Samstage sind für Alexander Höhler stets ein Höhepunkt der Woche. Dann fährt er mit seinem Vater Andreas zum örtlichen Wertstoffhof in Schnaitsee im Landkreis Traunstein. Zu Hause hat er schon die Tetrapacks vorsortiert, die sich die Woche über angesammelt haben. Ausgestattet mit seinen Orthesen und gestützt von seinem Vater, geht Alexander dann die Schritte vom Auto bis an die Container und wirft sie weg.

Für den 15-Jährigen ist das immer wieder aufs neue ein Erfolgserlebnis. Alex, wie ihn seine Familie nennt, ist an infantiler Cerebralparese erkrankt. Durch einen Sauerstoffmangel während seiner Geburt ist der Schüler mehrfach behindert. Er kann nicht alleine laufen, nicht sprechen, braucht beim Essen und Anziehen Hilfe – aber er versteht alles. "Er ist gerade mitten in der Pubertät", sagt seine zwölf Jahre alte Schwester Marina und grinst. Alexander droht ihr lachend.

Die Familie aus Bayern nimmt zum dritten Mal an einer Rehabilitationsmaßnahme in Tannheim teil. "Hier passt einfach alles", sagt Andreas Höhler. Dass längst nicht immer alles passt, wissen die Eltern. "Ich war einmal mit Alex bei einer Mutter-Kind-Kur", sagt Christine Höhler. "Das war mehr Stress, als wenn wir zu Hause geblieben wären." Am meisten traf es sie, als andere Mütter beim Essen anerkennend bemerkten, wie ruhig Alexander doch am Tisch sitzen würde. Dass seine Mutter vorher bereits im Zimmer eineinhalb Stunden damit verbracht hatte, ihm ein Babygläschen zu füttern und dass der Junge beim Essen fünf Mal spucken musste, konnten sie nicht wissen – für Christine Höhler war es dennoch ein Schlag ins Gesicht.

Die Reha in Tannheim bedeutet für die Familie dagegen tatsächlich Erholung – zumal die Höhlers noch nie gemeinsam im Urlaub waren. Es wäre viel zu aufwändig, denn zu Hause hat sich die Familie komplett auf Alexanders Behinderungen eingerichtet. Der Alltag läuft und hat sich eingespielt. Einfach ist es trotzdem nicht. "Ich würde so gerne mal ans Meer fahren", sagt die zwölfjährige Marina leise. Vermutlich werden sie eine Reise ans Meer einmal getrennt voneinander unternehmen, sagt ihre Mutter. Der eine Elternteil mit Alex, der andere mit Leonie und Marina. Christine Höhler weiß um die Nöte ihrer Töchter, die ihren Bruder zwar über alles lieben, aber im Alltag häufig zurückstecken müssen.

In Tannheim kommen auch Marina und Leonie auf ihre Kosten. Reiten, Tischfußball, Wandmalerei, Klettern – die Mädchen genießen das umfangreiche Angebot der Klinik und die Tatsache, ihre Eltern auch mal ganz für sich zu haben, während Alexander an seinen Therapiestunden teilnimmt.

Dass die Geburt ihres ersten Kindes mit gravierenden Folgen enden würde, konnten Christine und Andreas Höhler nicht ahnen, als sie im Januar 2002 ins Krankenhaus fuhren. Auf eine "Traumschwangerschaft" folgte eine komplizierte Geburt, die nicht voranging und an deren Ende Alex mit der Saugglocke auf die Welt geholt werden musste. Zu diesem Zeitpunkt hatte Sauerstoffmangel sein Gehirn bereits unwiderruflich geschädigt. Der Kleine wurde sofort intubiert und erhielt Nahrung zunächst über eine Magensonde, jahrelang plagten ihn epileptische Anfälle. Eine Computertomographie, die Alexanders Gehirnschäden zeigen sollte, lehnten die Eltern ab. "Wir wollten nicht schon mit drei Wochen hören, dass Alex nie würde laufen können", sagt Christine Höhler. "Dann gibt man ja gleich auf."

Dafür, dass Alexander so selbstständig wie nur möglich sein Leben meistern kann, sorgen neben seiner Familie auch seine Schule, ein über die Augen steuerbarer Sprachcomputer und diverse Therapien, an denen er fortlaufend teilnimmt. So etwa die konduktive Förderung, die der ungarische Arzt Andras Petö (1893-1967) speziell für cerebral- und bewegungsgeschädigte Kinder entwickelt hat. "In Bayern ist Petö anerkannt und wird auch vom Bezirk bezahlt", sagt Andreas Höhler. "Und das Petö-Turnen tut Alex sehr gut."

Überhaupt ist Bewegung für den Jugendlichen sehr wichtig. Auch wenn er nicht alleine laufen kann – auf seinem Kettcar ist Alexander unschlagbar. Und alles, was ein Lenkrad besitzt, hat ihn schon als Kleinkind begeistert. Deshalb fährt er samstags auch so gerne mit seinem Vater zum Wertstoffhof. Was wünschen sich seine Eltern für seine Zukunft? "Ich würde mir wünschen, dass Alex eine Stelle in einer Werkstatt bekommt", sagt seine Mutter. "Wo er eine ganz wichtige Aufgabe hat, die ihn glücklich macht."

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