„Ich dachte, das ist ein Witz“, beschreibt sie ihr Erlebnis bei der morgendlichen Bahnfahrt nach Donaueschingen. Täglich nimmt sie den Zug vom Bahnhof St. Georgen zur Arbeit nach Donaueschingen. Um 6.55 Uhr fährt der alte Dieseltriebwagen der Baureihe 611 mit den zwei Waggons, und wie jeden Morgen sind die Waggons übervoll mit Menschen: „Das ist ein altes, ausrangiertes Modell und meistens sehr voll“, sagt sie. Wie immer, wenn kein Platz ist, weichen die Fahrgäste in den anderen Waggon aus, so auch die Bahnkundin. In Villingen steigt schließlich ein Schaffner dazu und überprüft die Fahrscheine der Reisenden. „Er kontrollierte meine Karte, wollte ein altes Ticket sehen und schließlich meinen Personalausweis. Ich wunderte mich und dachte mir eben, dass das wohl eine größere Kontrolle sei. Als er jedoch begann in sein Gerät zu tippen, da habe ich nachgefragt“, berichtet sie. „Sie reisen hier in der ersten Klasse“, antwortete der Schaffner. Für die Frau  habe der Waggon nie wie ein Erste-Klasse-Abteil gewirkt. „Ich meinte dann, das sei in Ordnung und ich würde aufstehen, damit war der Schaffner aber nicht einverstanden.“

Eine Nachberechnung wird ausgedruckt und die Frau versteht die Welt nicht mehr: „Ich dachte, ich müsste jetzt den Differenzbetrag bezahlen, aber das kostete 60 Euro.“

Darauf angesprochen, wo denn all die Leute hier unterkommen sollen, habe der Schaffner ihr geantwortet: „Ist mir egal, die müssen selbst ihren Platz finden.“

Sie ärgert sich: „Man ist ja quasi gezwungen in die erste Klasse auszuweichen. Wenn man da nicht rein darf, weiß ich nicht, wo die Leute alle hin sollen. Und dass da Passagiere extra in der ersten Klasse mitfahren, das glaube ich nicht. Das Ganze quietscht, schüttelt und fällt fast auseinander.“

Die 60 Euro hat sie bezahlt, aber mit einem Vermerk, dass die Zahlung unter ausdrücklichem Rechtsvorbehalt erfolgt: „Ich bin nicht die einzige Betroffene. Die Möglichkeit, etwas zu tun, hatte ich nicht. Ich wurde wie ein Verbrecher behandelt und hab mir 1000 Gedanken gemacht“, sagt sie.

„Es steht in den Tarifbestimmungen, dass man das Ticket nicht mehr nachlösen kann. Wer mit einem Ticket für die zweite Klasse in der ersten sitzt, ist dort quasi ohne Fahrschein unterwegs und bezahlt daher den doppelten Fahrpreis von 60 Euro“, erklärt Werner Graf, Sprecher der Deutschen Bahn, und ergänzt: „Aus Trotz in die erste Klasse zu gehen, nur weil es woanders zu voll ist – das geht halt nicht.“

Der Zug fahre schon seit Jahren in dieser Konstellation und es habe bisher noch nie Probleme oder Beschwerden gegeben, erläutert Graf. Normalerweise erfolge das Fahrbahnkonzept auf der Strecke nach aktuellen Zählungen und sei mit doppelstöckigen Abteils auch den Bedürfnissen der Passagiere angepasst: „Dieser Zug ist jedoch ein bedarfsgerechter Schülerverkehr und daher eine Ausnahme. Mehr Platz gibt es in den Zügen die eine halbe Stunde eher oder eine Stunde später fahren“, erklärt der Bahnsprecher.

Die Bahnkundin fühlt sich ungerecht behandelt, die Bahn sieht das jedoch anders: „Das ist keine Behandlung wie die eines Verbrechers. Der Kunde hat die Möglichkeit, gegen die Fahrgeldnachforderung einen Widerspruch einzulegen“, so Graf. Er versteht zwar die Kunden, die sich darüber beschweren, dass der Zug so voll sei, jedoch: „Es fahren ja auch noch andere.“