Eigentlich sollten derzeit etwa 160 Mitarbeiter sowie knapp 60 Patienten und ihre etwa 100 Angehörigen in der Nachsorgeklinik in VS-Tannheim sein. In dieser werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene behandelt, die krebs-, herz- oder mukoviszidosekrank sind. Seit Dienstag ist die Klinik allerdings auf Anordnung des Gesundheitsamts geschlossen.

Die beiden Nachsorge-Klinikgeschäftsführer Thomas Müller (links) und Roland Wehrle sind ebenfalls in Quarantäne.
Die beiden Nachsorge-Klinikgeschäftsführer Thomas Müller (links) und Roland Wehrle sind ebenfalls in Quarantäne. | Bild: Trippl, Norbert

„Die Schließung war der vollkommen richtige Schritt“, sagen die beiden Klinik-Geschäftsführer Roland Wehrle und Thomas Müller im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Grund der Schließung war der Vater eines Patienten, der sich am Coronavirus infiziert hat.

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Dieser war vor einigen Tagen beruflich im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen unterwegs, in dem Kreis, in dem es besonders viele infizierte Coronavirus-Fälle gibt. Dass er dort war, hatte er allerdings gegenüber der Klinikleitung verschwiegen. Erst, als er die typischen Grippesymptome aufwies, rückte er mit der Sprache heraus.

Bild: Trippl, Norbert

„Der Vater war zutiefst betroffen“, sagt Müller. Ihn plage jetzt ein äußerst schlechtes Gewissen. „Wir wissen, dass er nicht in böser Absicht gehandelt hat. Außerdem ist er als Vater eines schwer kranken Kindes ohnehin schon stark belastet. Trotzdem verschwieg er seine Aufenthalt im Kreis Heinsberg wissentlich“, ergänzt Wehrle. Dennoch behalte sich die Nachsorgeklinik vor, Schadensersatz bei dem Mann geltend zu machen. Das sei aber das allerletzte Mittel, zu dem man greifen würde. Anzeige gegen den Vater wurde nicht erhoben. Die Kinder des Mannes wurden dagegen negativ getestet.

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Die Patienten und deren Angehörige befinden sich seit Dienstag in häuslicher Quarantäne. Auch den beiden Geschäftsführern ergeht es so. Sie sagen: „Die Patienten haben die Maßnahme zum Glück nachvollziehen können.“ Sie seien geordnet aus der Klinik gegangen und anschließend nach Hause gefahren. Das geschah mit dem eigenen Auto oder mit dem Taxi und Mundschutz.

„Hochrisikopatienten“

Wehrle und Müller hoffen nun, dass sie die Klinik am 6. April wieder öffnen können. Das passiert dann, wenn feststeht, dass sich niemand angesteckt hat. Solange dauert die Quarantäne. „Wir hoffen nun, dass keine Welle losgetreten wurde“, sagt Müller. Die Patienten der Nachsorgeklinik seien zum Teil „Hochrisikopatienten“. Eine Reha dauert in Tannheim immer vier Wochen, zwei davon waren am Dienstag vorüber. Ob bei einer Wiedereröffnung allerdings etwa Transplantationspatienten auch wirklich kommen würde, müsse noch geklärt werden.

Sollte die Klinik am 6. April wieder öffnen können, könne der finanzielle Schaden im Rahmen gehalten werden. Wegen der Schließung erleide die Klinik momentan einen Schaden von rund 300.000 Euro. Wenn die nächste Reha allerdings nicht stattfindet, sprechen die Klinikgeschäftsführer von einem Schaden in Höhe von einer Million Euro.

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Von der Versicherung sind Müller und Wehrle schwer enttäuscht: „Das ist richtig schlecht, was die machen.“ Es gebe zwar eine Betriebsunterbrechungsversicherung, mit der sei aber nicht das Coronavirus abgedeckt. „Die großen Versicherer übernehmen keinerlei Verantwortung“, sagt Wehrle spürbar sauer. Das bringe alle Betriebe in Schwierigkeiten.

Forderung an Politik

„Es ist daher immens wichtig, dass die Politik sich um die Kliniken und deren finanzielle Situation kümmert“, sagt Müller. Vor zwei Tagen haben er und Kollege Wehrle an einer Telefonkonferenz mit anderen Kliniken teilgenommen. „Wir alle sind verunsichert“, sagen die Geschäftsführer, „niemand weiß derzeit, was das Richtige ist.“

Bild: Fröhlich, Jens

Die Mitarbeiter der Klinik werden derzeit normal weiterbezahlt – „wie im Krankheitsfall“. Alle seien emotional sehr betroffen, hätten aber Verständnis für die Situation.

Die Vollreinigung der Klinik werde wahrscheinlich am Freitag vollzogen. „Vom Gesundheitsamt haben wir die Info, dass das Virus auf Oberflächen nach drei Tagen stirbt und auf der Kleidung nach 24 Stunden“, sagt Müller. Weil in der Nachsorgeklinik aber Hochrisikopatienten seien, habe man ohnehin einen sehr hohen hygienischen Standard.

Hoffnung

Die beiden Klinik-Geschäftsführer zeigen sich im Gespräch mit dem SÜDKURIER traurig, aber dennoch gefasst und hoffnungsvoll. Sie sagen: „Wir müssen nun alle mit großer Ruhe und Besonnenheit reagieren. Das ist etwas, was wir von unseren Patienten lernen können.“