Die serbische-orthodoxe Kirche in Villingen umfasst 430 Mitglieder und die Zahl wächst stetig. Dies stellt bereits einen wesentlich Unterschied zu den westlichen Kirchen dar, die gerade bei der jüngeren Generation viele Austritte beklagen.

Auch ein Blick auf das Gemeindezentrum am Unteren Dammweg verrät, dass viel in Bewegung ist. Seitdem die Villinger Ortsgruppe 1994 gegründet wurde, wird permanent verschönert und erweitert. "Es kommt immer ein bisschen mehr mit dazu", sagt Nenad Nozinic nicht ohne Stolz. Dazu hat der Elektroingenieur auch allen Grund. Ehrenamtlich engagiert er sich nicht nur als Ministrant in der Gemeinde, sondern auch mit seiner Expertise beim aktuellen Ausbau. Um alle Besucher versorgen zu können, wird das Gemeindezentrum gerade vergrößert. Nach Feierabend oder während seines Urlaubs ist Nozinic regelmäßig auf der Baustelle, zieht Wände hoch, verputzt oder legt Stromleitungen. "Wir machen hier alles in Eigenleistung", betont er. Und weiter: "Es ist notwendig, dass wir uns vergrößern, weil wir beinahe nicht mehr alle Menschen unterbringen können."

Orthodoxe Priester dürfen heiraten

"Er ist sozusagen meine rechte Hand", würdigt Milenko Markovic das Engagement seines Helfers. Markovic ist seit zwölf Jahren Gemeindepfarrer der serbisch-orthodoxen Kirche in Villingen. So wie den 44-Jährigen stellt man sich einen Geistlichen vor: häufig am Lächeln, ruhige Stimme und sehr überlegt in all seinen Bewegungen. Der Glaube zieht sich wie ein roter Faden durch die Familie. Sein Vater war Priester und einer seiner Söhne lässt sich gerade zu einem ausbilden.

Wer der orthodoxen Kirche dienen möchte, hat dazu zwei Möglichkeiten, als Mönch oder als Priester. Im Gegensatz zum Mönch ist es einem Priester erlaubt, eine Familie zu gründen. "Dadurch habe ich eine gute Basis für Rat und Tat bei Fragen von den Gemeindemitgliedern", meint Markovic, der selbst vierfacher Familienvater ist.

Immer sonntags findet in Villingen der serbisch-orthodoxe Gottesdienst statt. In diesen mischen sich regelmäßig deutsche Gäste. "Die Leute sehen von außen, was wir hier machen und sind dann neugierig. Wir freuen uns über jeden Besucher", sagt Markovic. Ungeachtet dessen ist der gebürtige Bosnier sehr stolz auf seine Mitmenschen. Nach seiner Priesterweihe im österreichischen Kufstein, das er als "wunderschöne Stadt" empfand, kam er nach Villingen. "Ich habe hier nur nette Menschen kennengelernt", sagt Markovic, "und wir genießen hier Respekt von allen Personen". Über den zweimaligen Besuch des Oberbürgermeisters Rupert Kubon freute sich das Oberhaupt der Gemeinde besonders.

Seit 20 Jahren ist die Kirchengemeinde Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Der Zweck des Bündnisses ist die Förderung der Einheit der Kirchen. In diesem Zusammenhang fand Anfang Dezember im Gotteshaus am Unteren Dammweg eine vom ACK ausgerichtete ökumenische Nikolaus-Vesper statt.

Laut einer Schätzung leben 4000 orthodoxe Serben in VS und der Umgebung. Am 19. Januar steht eines der größten Feste der Orthodoxen an, die Wasserweihe. Mit dieser wird der Taufe Jesu gedacht. Im Rahmen eines Gottesdienstes spricht der Pfarrer ein ausführliches Gebet und taucht dreimal ein Kreuz in mehrere Wasserbehälter. Damit wird mittelbar die gesamte Menschheit gesegnet.

Die serbisch-orthodoxe Kirche orientiert sich am julianischen Kalender, der dem üblichen gregorianischen 13 Tage nachläuft. Dadurch kommt es zustande, dass Markovic mit seiner Gemeinde am 7. Januar Weihnachten feiert. Für Nozinic ist dies kein unglücklicher Umstand. Ganz im Gegenteil. "Wir bereiten unser eigenes Fest vor und sind selbst zu Gast bei Freunden und Bekannten." Auf diese Weise feiern viele einfach doppelt. Geschenke gibt es jedoch nur einmal.

Ein weiterer Unterschied existiert hinsichtlich der Essgewohnheiten. Eine Weihnachtsgans als klassische Festmahlzeit wäre nicht möglich, denn die Weihnachtsfastenzeit läuft seit 28. November und dauert bis zum 6. Januar an. Dies ist nur eine von vier mehrtägigen Fastenzeiten, die Orthodoxe jedes Jahr einhalten. Die große Fastenzeit beginnt dieses Jahr am 19. Februar und endet am 8. April. Vom 12. Mai bis 12. Juli dauert das Apostelfasten und das Muttergottesfasten schließlich vom 14. bis zum 28. August. Während dieser Zeiten nehmen die Gläubigen keine tierischen Produkte zu sich. So wie übrigens generell jeden Mittwoch und Freitag.

Serbisch-Orthodoxe in VS

  • Gründung: Gegründet wurde die Gemeinde in 1994 und tritt neben Villingen auch in Albstadt, Blumberg, Singen und Tuttlingen in Erscheinung. Mittlerweile zählt sie 430 Mitglieder. Gemeindepfarrer ist seit 2005 Milenko Markovic.
  • Kirche: 2002 wurde die Kirche in ihrer heutigen Form fertiggestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt traf man sich in der Kirche der evangelischen Paulus-Gemeinde. Sechs Jahre später entstand der Glockenturm. Vor drei Jahren wurden die Wände im Inneren der Kirche mit Ikonen-Bemalung versehen. Aktuell läuft die Erweiterung des Gemeindezentrums.
  • Gottesdienst: Jeden Sonntag findet in Villingen ein serbisch-orthodoxer Gottesdienst statt, Beginn der Liturgie ist jeweils um 10 Uhr. (che)