Mit 31 Jahren in die Politik? Das könnte klappen, wenn Constanze Kaiser bei der Kommunalwahl in Villingen-Schwenningen in den Gemeinderat gewählt wird. Sie hat sich auf der Liste der Bündnisgrünen aufstellen lassen, Mitglied dieser Partei ist die Lehrerin an einer Villinger Gemeinschaftsschule nicht. Doch immer mehr Parteien öffnen inzwischen ihre Listen, gerade um auch jüngere Leute für sich zu begeistern. Und enthusiastisch ist Constanze Kaiser.

Möchte das erste Mal den Sprung in ein Kommunalparlament schaffen: Constanze Kaiser auf der Liste der Bündnisgrünen.
Möchte das erste Mal den Sprung in ein Kommunalparlament schaffen: Constanze Kaiser auf der Liste der Bündnisgrünen. | Bild: Fröhlich, Jens

Vor allem in der Stadtpolitik lässt sich viel bewegen, findet sie, so viel, dass sie sich nicht abschrecken lässt – nicht von den miserablen Wahlbeteiligungen (38,3 Prozent bei der Gemeinderatswahl 2014), aber auch nicht vom über die Parteigrenzen hinweg konservativen Wahlverhalten, das häufig die Gemeinderäte, die im Gremium bereits aktiv waren, wieder dorthin katapultiert. Dabei interessiert sich Constanze Kaiser schon lange für Politik, genauer gesagt seit ihrer Schulzeit, die Diskussionen im Gemeinschaftskundeunterricht blieben ihr in guter Erinnerung. Oft stritt sie sich mit ihren Schulkameraden, die eher Positionen der Jungen Union vertraten. Schon damals war sie links und alternativ – das blieb sie bis heute.

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Doch die Vorzeichen sind inzwischen andere, die Demokratie verändert sich und damit auch die Diskussionskultur. Das bemerkte Kaiser erstmals, als sie sich der Politik ganz praktisch annäherte. 2014. Damals ging es in Villingen-Schwenningen hoch her. Der Gemeinderat hatte gerade zum zweiten Mal die Stolpersteine abgelehnt, mit denen an ermordete Juden erinnert werden sollte. Constanze Kaiser stritt dafür, sie wurde zum Gründungsmitglied des Vereins Pro Stolpersteine. Vier Jahre später beim Oberbürgermeister-Wahlkampf setzte sie sich für den letztlich unterlegenen Kandidaten Jörg Röber ein. Immer wieder fiel ihr auf, wie wenig sich die Menschen einander zuhören. Ein AfD-Anhänger war völlig erstaunt, als sie sich eine halbe Stunde für ihn Zeit nahm. Doch debattieren, diskutieren – auch mit den Anderen, darin liegt für die Pädagogin die eigentliche Nagelprobe der Demokratie. „Das müssen wir wieder tun und wenn wir es nicht können, müssen wir es wieder lernen.“

Rückte für die SPD in den Bad Dürrheimer Gemeinderat nach, jetzt will sie auf Anhieb gewählt werden: Derya Türk-Nachbaur.
Rückte für die SPD in den Bad Dürrheimer Gemeinderat nach, jetzt will sie auf Anhieb gewählt werden: Derya Türk-Nachbaur. | Bild: privat

Derya Türk-Nachbaur rückte in den Bad Dürrheimer Gemeinderat nach, jetzt will sie Auf Anhieb gewählt werden. Die 45-Jährige ist eine von zwei Frauen der damit recht kleinen SPD-Fraktion im Bad Dürrheimer Gemeinderat. In dem idyllischen Kurort auf der Baar vereinigt die AfD bei Land- oder Bundestagswahlen in manchen Straßenzügen weit über 30 Prozent der Stimmen auf sich. Auch sie fordert die offene Debatte, es sei besser, sich klar mit den Positionen auseinanderzusetzen, betont Türk-Nachbaur. Sie hat bereits ihre Erfahrungen mit anonymen Angriffen gemacht, vor einiger Zeit schmierte ein Unbekannter mit Schlamm ein Hakenkreuz auf ihr Auto, auch in früheren Wahlkämpfen seien speziell ihre Wahlkampfplakate mit Nazi-Symbolen verunstaltet worden. Das sei „extrem feige“, sagt sie. Es handele sich um Anfeindungen, mit denen sie nichts anfangen könne, auch weil sich der politische Gegner nicht zeige.

Kaum zu glauben: Auch er fing als Youngster im Bad Säckinger Gemeinderat an, jetzt ist Thorsten Frei der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Kaum zu glauben: Auch er fing als Youngster im Bad Säckinger Gemeinderat an, jetzt ist Thorsten Frei der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. | Bild: Fröhlich, Jens

Einer, der das Debattieren von Anfang an mit Leidenschaft praktiziert hat, ist der CDU-Bundestagsabgeordnete für den Schwarzwald-Baar-Kreis, Thorsten Frei. Der gebürtige Bad Säckinger hat die Kommunalpolitik von der Pike auf gelernt. 1999, nachdem er zunächst seit 1990 für die Junge aktiv war, sollte er sich mit 26 Jahren für den Gemeinderat aufstellen lassen. Zunächst tat er es nur „widerwillig“, wie er bekennt, er hielt die Arbeit nicht wirklich für interessant. Wie sollte er sich irren. Heute möchte er die Erfahrung in der Kommunalpolitik nicht mehr missen.

„Ich habe sofort Blut geleckt.“ Von den Newcomern wurde er mit der höchsten Stimmenzahl gewählt und die Christdemokraten machten ihn in Bad Säckingen sofort zum Fraktionsvorsitzenden. Was zu seinem Gesinnungswandel geführt hat? In der Kommunalpolitik kann man „sehr schnell enorm viel erreichen“. Die Gemeinderäte sehen, was sie entscheiden. Das wiege aus Freis Sicht, der es inzwischen zum stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gebracht hat, sehr viel auf – zum Beispiel die hohe Belastung neben Beruf oder Familie.

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Das ist auch Constanze Kaiser klar. Sollte sie gewählt werden, müsste sie vielleicht bei dem einen oder anderen Hobby Abstriche machen. Doch das entscheide sie, wenn es so weit ist. Die 31-jährige Kaiser möchte jedenfalls dabeibleiben. Zwischen acht und zehn Stunden zusätzlichem Arbeitsaufwand pro Woche rechnet Ulrike Heggen, eine berufstätige Freie Wähler-Gemeinderätin in Villingen-Schwenningen. Das ist viel, vor allem für Frauen, die mit dem Gedanken spielen, in die Kommunalpolitik einzusteigen. Wenn sie Kinder haben, einem Teilzeitjob nachgehen, dann bleibe einfach kaum noch Zeit, sich politisch zu engagieren.

Das sei schade, denn Frauen hätten auf viele Dinge einen andern Blick. Heggens Töchter seien inzwischen aus dem Haus, daher nehme sie den Aufwand gerne in Kauf. Dabei war der in Villingen-Schwenningen schon einmal wesentlich höher, in den neunziger Jahren zu Zeiten der unechten Teilortswahl. Damals saßen im VS-Gemeinderat an die 70 Stadträte – so viel wie in manchem Länderparlament. Damals erhielten die kleineren Ortschaften eine feste Sitzgarantie (so wie es zum Beispiel heute noch in Bad Dürrheim üblich ist). Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht. Doch in Villingen-Schwenningen wurde schnell klar, dass man an die Grenzen eines leistungsfähigen Kommunalparlaments stieß, auch wegen der vielen Beiräte und Ausschüsse. Die unechte Teilortswahl wurde abgeschafft, Beiräte zusammengelegt, die Arbeit wurde effizienter gestaltet.

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Die Rahmenbedingungen müssen passen, gerade für Berufstätige. Daher ließ Thorsten Frei, als er 2004 Oberbürgermeister in Donaueschingen wurde, den Start der meisten Sitzungen auf 18 Uhr festzurren. Er konnte verstehen, wenn manche Gemeinderäte sich aus beruflichen Gründen das eine oder andere Mal entschuldigen ließen. Das gehöre bei einem Ehrenamt – und das ist ein Gemeinderatsmandat nun einmal – dazu. Gerade vor dem Hintergrund, dass Frei im Laufe seiner bald 30 Jahre dauernden politischen Karriere viele Ämter und Funktionen innehatte, bildet für ihn die Lokalpolitik „die fantastische Grundlage unserer Demokratie“.