Das Lehramtsstudium mit zweitem Staatsexamen hatte Christian Bruttel vor fünf Jahren schon in der Tasche. Doch eine Verbeamtung auf Lebenszeit konnte sich der damals 28-Jährige nicht vorstellen. So tauschte er eine sichere Anstellung als Realschullehrer gegen das Abenteuer. Im arktischen Nordmeer, auf Spitzbergen, hat er seinen Traumberuf gefunden: Als ausgebildeter Tourenführer in der arktischen Natur.

Tourenführer Christian Bruttel.
Tourenführer Christian Bruttel.
  • Aus Villingen: Aufgewachsen ist Christian Bruttel in Villingen, den Vater Alfred Bruttel kennen viele als ehemaligen Kommunalpolitiker und langjährigen Stadtrat der Grünen. Waldorfschule Schwenningen, Jugendsinfonieorchester St. Georgen (Cello), Jugendarbeit in der Kirchengemeinde St. Konrad, schließlich Lehramtsstudium (Sport, Mathe, Technik) in Ludwigsburg: Der Weg in eine bürgerliche Existenz schien vorgezeichnet.
  • Reiselust: Doch schon während seines Studiums erwachten bei dem jungen Villinger die Reise- und Abenteuerlust. So kam es, dass er nach dem Studium noch einmal hinaus wollte in die Welt. „Das kann es noch nicht gewesen sein“, dachte er damals. Daher folgte er nach dem zweiten Staatsexamen seiner gewachsenen Faszination für die Arktis. Das Ziel: Spitzbergen.
  • Ausbildung zum Tourenführer: Auf diesem von Norwegen verwalteten Inselarchipel in der Barentssee nördlich des Polarkreises, absolvierte Christian ein einjähriges Studium zum „Artic Nature Guide“. Gelernt hat er das sichere Tourenführen in der arktischen Natur. Denn Gefahren gibt es hier einige: extreme Kälte, Schneestürme, Lawinen, Gletscherspalten und Eisbären. Überleben in Schnee und Eis, sicheres Navigieren und richtiges Verhalten bei Begegnungen mit Eisbären sind essentielle Bestandteile der Ausbildung, die er nach einem Jahr erfolgreich abschloss.
    Die Tourenführer bringen Touristen auch in große Gletscherhöhlen auf Spitzbergen.
    Die Tourenführer bringen Touristen auch in große Gletscherhöhlen auf Spitzbergen.
  • So viel Eisbären wie Einwohner: Die Inselgrupe Spitzbergen im arktischen Meer ist anderthalbmal so groß wie die Schweiz, hat aber nur 3000 Einwohner. Das sind ungefähr genauso viele wie es es Eisbären gibt auf Spitzbergen. Seit fünf Jahren lebt der 33-Jährige mittlerweile als Touristen-Guide dort, und zwar in Longyearbyen, dem Verwaltungszentrum des Archipels. Es ist die nördlichste Stadt der Welt, die zwar nur 2500 Einwohner, dafür aber einen Flughafen, eine Universität und einen Seehafen hat. Dort führt er ein Leben, „das ich mir nie hätte erträumen lassen“, schwärmt Christan Bruttel.
    Christian Bruttels Lieblingsbild: Eine Eisbären-Mutter mit ihrem Kleinen.
    Christian Bruttels Lieblingsbild: Eine Eisbären-Mutter mit ihrem Kleinen.
  • Faszinierende Welt: Sommers wie winters führt er Touristen zu den Sehenswürdigkeiten des Inselarchipels, die sowohl landschaftlich wie auch historisch – etwa als Ausgangspunkt zahlloser arktischer Expeditionen – viel zu erzählen hat. Im Sommer gibt es viele kombinierte Touren mit Schiffen und Landgängen. Im Winter zeigt Christian Bruttel den Touristen mit Hunde- oder Motorschlitten, auf Schneeschuhen oder Tourenskiern die Schönheiten der arktischen Inselwelt, auf denen Berge bis zu 1700 Metern Höhe aufragen. Auf den Gletschern führen die Arctic Guides die Besucher auch in die faszinierende Welt riesiger unterirdischer Gletscherhöhlen, die das Schmelzwasser ausgespült hat.
    Mit dem Motorschlitten ins Abenteuer der arktischen Wildnis auf Spitzbergen.
    Mit dem Motorschlitten ins Abenteuer der arktischen Wildnis auf Spitzbergen.
  • Die Bären-Problematik: Mit dabei bei allen Expeditionen ist stets das Jagdgewehr und eine Signalpistole zur Abwehr von Eisbären. Eine Begegnung ist jederzeit möglich und kann unter Umständen gefährlich werden. Auf der Hut sein ist Daueraufgabe. Doch bei richtigem Verhalten ist die Gefahr eingrenzbar. „In den fünf Jahren hatte ich bisher rund 500 Bären-Begegnungen, also hundert pro Saison“, berichtet Christian Bruttel. Nur eine davon war kritisch, als ein neugieriger Eisbär direkt auf eine Touristengruppe zusteuerte. Die Tourenführer schossen eine Signalpistole ab und hielten das Tier mit Lärm auf Distanz. Dann zog sich die Gruppe auf ihre Boote zurück.
    Ein Eisbär auf einer Eisscholle vor der grandiosen Landschaft des Insel-Archipels.
    Ein Eisbär auf einer Eisscholle vor der grandiosen Landschaft des Insel-Archipels.
  • Zwischen Nord- und Südpol: Seine Aufträge bringen Christian Bruttel inzwischen auch nach Grönland und bis in die Antarktis auf der Südhalbkugel. Vor wenigen Tagen kehrte er von einer zweieinhalbmonatigen Antarktis-Tour zurück, wo er als Führer bei einem Reiseveranstalter angeheuert hatte. Denn gerade in der Zeit von November bis Februar haben die Artikführer im Norden wenig zu tun. Dann ist es auf Spitzbergen über drei Monate stockdunkel, in den Sommermonaten indes herrscht „Mitternachtssonne“, das heißt, die Sonne geht wochenlang nie unter. Die dunkle Winterzeit nutzt Christian Bruttel meist, um Urlaub in wärmeren Gefilden zu machen und drei Monate mit Rucksack auf Tour zu gehen, etwa nach Südostasien, Nepal oder Australien.
  • Grandiose Natur: Seine größte Freude ist es, Menschen die grandiose arktische Natur zugänglich zu machen. Er bringt ihnen die Schönheit und Zerbrechlichkeit des Ökosystems „Arktis“ näher und freut sich, die Erlebnisse und Erfahrungen mit begeisterten Gästen zu teilen. Beruflich hat er sich inzwischen weiterentwickelt und mit einem Schweizer Kompagnon eine gemeinsame Firma gegründet. Ihre Zielgruppe: Touristen aus dem deutschsprachigen Raum. Als besonderes Profil wollen Bruttel und sein Kompagnon ihrer Zielgruppe Touren in Kleingruppen anbieten. Damit können sie den Gästen intensivere und individuellere Erlebnisse ermöglichen.
  • Die Erfüllung: Christian Bruttel hat mit solchen Naturerlebnissen seine Berufung gefunden. „Ich habe da was gefunden, was mich total ausfüllt“, strahlt er. Im Moment, sagt er, kann er sich nicht vorstellen, dauerhaft nach Deutschland zurückzukehren. Vielleicht ist das eine Option für später. Seine Familie in Villingen kann er aber jederzeit und schnell besuchen. Vom Flughafen Stuttgart ist es für ihn nicht mehr als ein halber Tag, um wieder in die Wildnis der Arktis zurückzukehren. Und umgekehrt. Für „Arctic Nature Guide“ einfach genial.
    Ski-Kiting mit dem Drachen ist auf diesen riesigen Gletscherflächen ein besonderes Vergnügen.<em>Bild: Bruttel</em>
    Ski-Kiting mit dem Drachen ist auf diesen riesigen Gletscherflächen ein besonderes Vergnügen.Bild: Bruttel

Das Unternehmen

„Spitzbergen-Reisen“ heißt das Reiseveranstaltungsunternehmen, das Christian Bruttel seit kurzem gemeinsam mit dem Schweizer Tourenführer Marcel Schütz betreibt. Es bietet für Kleingruppen ein breites Sommer- und Wintertourenprogramm an: Von eintägigen Unternehmungen bis zu einwöchigen Exkursionen. Darunter beispielsweise ein „Snow-Kite-Camp“ auf den Gletscherhöhen der Westküste von Spitzbergen. Dort werden Zelte aufgeschlagen, Guides und Gäste verbringen in arktischer Landschaft eine Woche im Schnee: Mit Skitouren, Snow-Kiten, Iglus bauen oder nur Entspannen. Das Paket gibt es dann für 1500 Euro, ohne Flug. Mehr Infos unter: http://www.spitzbergen-reisen.de/