Herr Kubon, der Villinger Heimat- und Geschichtsverein wird 50 Jahre alt. Am 24. Oktober findet um 19 Uhr in der Tonhalle der Festakt statt. Weshalb muss das gefeiert werden?

Ich in davon überzeugt, dass so ein Jubiläum eine gute Gelegenheit ist, um aufzuzeigen, dass die Beschäftigung mit der Geschichte der Heimat in Zeiten einer vielfältigen Orientierungssuche hilft, Globalisierung als Puzzle vieler Heimatgeschichten besser zu verstehen.

Der Verein möchte das Thema Heimat auf die Bühne bringen. Weshalb?

Man sollte die Feste feiern, wie sie fallen, und eigentlich ist dieses Jubiläum nur die Erinnerung an einen kleinen Teil der Geschichte des Vereins. Bereits Jahrzehnte zuvor gab es Bürger unserer Stadt, die sich sehr für das historische Erbe Villingens interessierten, nur dass eben die eigentliche Gründungsversammlung erst vor 50 Jahren erfolgte. Dass aber zu diesem Anlass damals bereits 200 Menschen teilnahmen zeigt, wie wichtig vielen die Beschäftigung mit der Geschichte ihrer Heimat war.

Sie sind in Friedrichshafen geboren, haben in Ostdeutschland gearbeitet bevor Sie in VS zweimal zum Oberbürgermeister gewählt wurden. Wo ist Ihre Heimat und weshalb ist das so?

Geprägt hat mich vor allem die Herkunft meiner Eltern, die beide als Jugendliche mit 15 Jahren ihre schlesische Heimat wahrhaft fluchtartig verlassen mussten. Die Erzählungen von damals, die Tatsache, dass die Heimat meiner Eltern zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, also vor 1989, nahezu unerreichbar war und ich eigentlich im Gegensatz zu meinen Schulfreunden nie so etwas wie eine Heimat mit einer durch Dialekt geprägten Sprache, mit alten Möbeln mit einem alten Haus der Großeltern vorzuweisen hatte, weckte in mir eine Sehnsucht nach so etwas wie Heimat. Vielleicht habe ich deshalb auch Geschichte studiert. In jedem Fall habe ich schließlich hier doch so etwas wie Heimat gefunden, und sicherlich war es dabei hilfreich, dass ich inzwischen die Heimat, besser die Herkunftsorte meiner Eltern einmal besuchen konnte.

Was braucht es – gerade heute – für echte Heimatgefühle?

Heimat ist kein statischer, sondern ein dynamischer Begriff, Heimat ist für Junge etwas anderes als für alte Menschen, aber jeder Mensch braucht andere Menschen, Beziehungen, ganz besondere Erfahrungen und Orte, an denen er andocken kann, auch wenn sich das im Laufe eines Lebens ändern kann, und die damit verbundenen Empfindungen sind echte Heimatgefühle.

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Weshalb werden Sie als langjähriger OB gerade hier Vereinsvorsitzender – spielen da auch die Heimatgefühle eine Rolle?

Es ist die Suche nach Heimat. Hier habe ich inzwischen Wurzeln geschlagen, Freunde und Nähe gefunden. Deshalb war und ist es mir wichtig, gerade hier dies zu vertiefen. Und schließlich denke ich durch meine persönlichen Erfahrungen und fachlichen Kenntnisse auch ein Stück dazu beitragen zu können, dass der Heimatbegriff aus einer von vielen doch so empfundenen Mottenkiste von falscher Heimattümelei herausgeholt werden kann.

Wenn Sie durch die Stadt streifen: Wo finden Sie ganz besondere Orte von Heimat?

Es sind einerseits die Orte, wo ich meine persönlichen freundschaftlichen Beziehungen erlebe. Es ist mein Haus, meine Nachbarschaft, und es ist auch all das, was mich mit der Tradition Vorderösterreichs in unserer Stadt verbindet. Sie wissen ja, ich habe 16 Jahre unter den Blicken Maria Theresias im Villinger Rathaus gearbeitet.

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Was raten Sie einer Familie, die hierher gezogen ist: Wie findet sie hier eine neue Heimat?

Suchen Sie Kontakte. Kinder sind da eine gute Anknüpfungsmöglichkeit, über die Schule, Vereine und nicht zuletzt auch über Informationen, die ich mir über meine neue Heimat beschaffe, nicht zuletzt auch durch eine Tageszeitung.

Sie haben selbst zwei Töchter im Alter von 27 und 24 Jahren. Weshalb sieht diese Generation den Heimatbegriff anders als unsere Generation?

Ich glaube gar nicht, dass sich das grundsätzliche Verständnis, die Sehnsucht nach Heimat von früheren Generationen unterscheidet. Lediglich die Weite der Räume und die zeitliche Dimension haben sich verändert. Aber weiterhin bleibt Heimat für jeden von uns, gleich wie alt, ein Sehnsuchtsort.

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Was erleben eigentlich Gäste beim Festakt des GHV und wie können Interessierte dabei sein?

Ich denke, spannend werden vor allem die verschiedenen und sehr unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen von Heimat sein, die die Frau Landtagspräsidentin, vor allem aber auch die Teilnehmer unserer Gesprächsrunde mitbringen. Das reicht vom bodenständig hier geborenen Sparkassenvorstand Florian Klausmann bis zur einst aus Bosnien-Herzegowina geflüchteten heutigen Ärztin am Klinikum Adisa Kursomovic.

Und – letzte Frage: Weshalb feiert eigentlich der Schwenninger geschichtsverein kein 50-jähriges Jubiläum?

Unser Schwesterverein in Schwenningen ist viel Älter, er wurde bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet, und ich denke, dass es zum Hundertjährigen 2021 auch ein großes Fest geben wird.

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Zur Person

Rupert Kubon, geboren 1957 in Friedrichshafen am Bodensee, aufgewachsen in Freiburg, Studium der Geschichte und Germanistik in Konstanz und Freiburg, Promotion nach einer Doktorarbeit über die badische Schulgeschichte, verheiratet mit der Kinder- und Jugendpsychiaterin Petra Brenneisen-Kubon, zwei erwachsene Töchter. Lebensstationen Freiburg, Bonn (wissenschaftlicher Mitarbeiter zweier Abgeordneter), Dessau (Abteilungsleiter Kultur bei der Stadtverwaltung) Oberbürgermeister Villingen-Schwenningen 2003 bis 2018. Er bezeichnet sich heute als Pazifist. Ehrenämter übt er in verschiedenen Vereinen, auch in der katholischen Kirche und beim Caritasverband aus.

So feiern Sie mit: Villingens Geschichts- und Heimatverein bittet am kommenden Donnerstag, 24. Oktober, zur großen Feier. Um 19 Uhr ist Start des Tonhallen-Abends, der in die Geschichtsbücher des Vereins eingehen soll. Es spricht Landtagspräsidentin Muhterem Aras, es findet mit Persönlichkeiten aus Villingen und der Region eine Podiumsdiskussion statt, bevor im Tonhallen-Foyer ein gutes Glas serviert wird. Der Verein bittet um eine formlose Anmeldung unter dieser Internetadresse: http://www.suedkurier.de/villingerghv oder einfach telefonisch unter der Rufnummer (von 9 bis 16 Uhr):
(07721) 80 04 73 42.(tri)