Villingen-Schwenningen – Für einen Normalmenschen kaum vorstellbar: Eineinhalb Stunden am Stück mit Vollgas Treppen hinauflaufen und 1700 Höhenmeter bei 70 Prozent Steigung überwinden. Vier Aktive des Skiclubs Villingen haben diese Schinderei am vergangenen Samstag gemeistert: Die Gebrüder Thomas und Jürgen Huber sowie Thomas Mick und Frank Nesensohn liefen beim längsten Treppenlauf der Welt mit.

  • Gnadenlos bergauf: Mit exakt 11 674 Stufen steht die längste Treppe der Welt am Niesen, einem Berg in der Nähe des Thuner Sees in der Schweiz. Dort fährt eine nostalgische Standseilbahn auf Schienen den Berg hinauf, von 693 Meter Meereshöhe bis auf 2362 Meter auf den Gipfel. Neben dem Bahngleis verläuft die besagte Treppe. Sie überwindet auf knapp vier Kilometer länge eine Höhendifferenz von 1669 Metern. Sie ist jährlich Schauplatz des wohl verrücktesten Rennens der Welt. Nach ein paar Metern werden bereits Maximalsteigungen von rund 70 Prozent erreicht, die sich bis zum Gipfel kaum verändern. Es geht gnadenlos berghoch.
  • Im Mittelfeld: Gut trainierte Wanderer benötigen auf normalen Wanderwegen für 1700 Höhenmeter fünf, sechs Stunden. Anders die Teilnehmer dieses Extremlaufs. Die schnellsten Läufer bewältigten diese Endlostreppe unter einer Stunde. Das sind stets die Fliegengewichte unter den Läufer. Auch die Villinger, die eher von athletischen Statur sind, waren richtig gut. Frank Nesensohn war der Schnellste in einer Stunde, 32 Minuten und 11 Sekunden.
    Dahinter folgte Thomas Mick (1:34,22), Jürgen Huber (1:35,29) und Thomas Huber (1:43,13). "Damit lagen wir gut im Mittelfeld", berichtet Thomas Mick. Die beiden Thomase, Huber und Mick, kennen die Strecke schon, da sie bereits im vergangenen Jahr am Start waren. Damals aber war das Wetter und die Sicht so schlecht, dass sie beschlossen haben, noch mal anzutreten und auf besseres Wetter zu hoffen. Gottseidank hat es bereits beim zweiten Mal geklappt.
    Im Ziel (von links) Frank Nesenohn, Jürgen Huber, Thomas Mick und Thomas Huber von Skiclub Villingen.<em> Bild: privat</em>
    Im Ziel (von links) Frank Nesenohn, Jürgen Huber, Thomas Mick und Thomas Huber von Skiclub Villingen. Bild: privat | Bild: Thomas Mick
  • Das Härteste: Bei den vier Hobbysportlern handelt es sich nicht im gewöhnliche Germanswald-Jogger, sondern um ziemlich ambitionierte "Konditionstiere", die im Winter zahlreiche Wettkämpfe auf Langlaufskiern bestreiten und im Sommer auf dem Rennrad oder Mountainbike lange Touren bolzen. Thomas Mick kam bereits vor rund fünf Jahren auf die Idee, an einem Treppenlauf mitzumachen, damals am Vermunt-Stausee im Montafon. Ein paar Läufe hat er seither in dieser Disziplin bestritten. Aber nichts von dem, was der 55-Jährige bisher sportlich und läuferisch erlebt hat, ist mit der Schinderei auf den Niesen vergleichbar. "Das ist das Härteste, was ich bisher gemacht habe. Und ich habe schon manchen Blödsinn gemacht", berichtet Mick.
  • Elendiglich: Die Starter, die im Dreierpack im 20-Sekunden-Abstand auf die Strecke geschickt werden, joggen nicht, sondern ziehen in schnellen Schritten die Stufen hinauf. Die Schrittfrequenz macht dann den Zeitunterschied. Von unten, sagt Mick, sieht die Strecke endlos aus.
    "Während des Rennens schaue ich gar nicht nach oben, es ist elendiglich." Der Treppenlauf bedeutet eineinhalb Stunden volle Konzentration, denn das Geläuf ist keineswegs gleichmäßig. Es gibt Gitterrost- und Steintreppen, mal sind die Stufen nass, mal trocken, mal gibt es Passagen mit Geländer, mal ohne, mal ist es gleisend hell, mal stockdunkel in den Tunneln.
  • Stress pur: Warum tut man sich so was an: "Wir haben gesagt, dass muss man mal gemacht haben", lautet die Erklärung von Thomas Mick. Vorbereitet haben sich die Villinger vor allem auf dem Mountainbike sowie einigen abendlichen Trainingseinheiten an der Skisprungsprungschanze von Titisee-Neustadt, wo der Hang annähernd so steil ist wie am Niesen. Ob er nächstes Jahr wieder antritt, versieht Thomas Mick mit einem großen Fragezeichen. Nachts um 2.30 Uhr von Villingen in die Schweiz fahren, früh morgens ins Rennen starten, mittags wieder nach Hause fahren: "Das ist purer Stress".