Das Gefühl für die Zeit ist Erich Bärenbold irgendwann abhandengekommen. Vor vier Monaten, gleich nach dem Brand in seiner Metzgerei in der Gerberstraße, dachte er noch, in einem Monat könne er wieder aufmachen. Dann vor Weihnachten.

Jetzt hat er aufgehört in Daten zu denken. "Es zermürbt", sagt er. "Man kommt nicht voran." Zwei Versicherungen – seine eigene und die des Hauseigentümers – müssen sich über die Kosten einigen. Wie lange das dauert, weiß er nicht. Was er am Ende bekommt, weiß er auch nicht. Der Gesamtschaden liegt wohl zwischen 300 000 und 400 000 Euro, sagt er.

Bärenbold ist keiner, der schnell aus der Ruhe zu bringen ist. Er sagt oft: "Das kriegen wir hin", oder: "Ich bin zuversichtlich." Manchmal sagt er auch: "Es ist schlimm."

Video: Anja Greiner

Erich Bärenbold, 48 Jahre alt, schmal gebaut, warme Augen und ein offenes Lachen, sitzt an einem kalten Mittwochnachmittag auf einem der Theken-Stühle in seinem Verkaufsraum – hinter ihm hängt die Tafel mit dem Tagesangebot: 100 Gramm Villinger Krautsalat für 1,29 Euro. Daran hat sich seit dem 2. August dieses Jahres nichts geändert. Das war ein Mittwoch.

Das könnte Sie auch interessieren

Bärenbold kommt um kurz nach sechs Uhr morgens mit dem Auto, sieht den Rauch aus der Garage, öffnet die Tür zur Wurstküche und sieht das Feuer.

Bild: Erich Bärenbold
Erich Bärenbold hat den Brand in seiner Metzgerei am 2. August selbst entdeckt. Bild: Bärenbold
Erich Bärenbold hat den Brand in seiner Metzgerei am 2. August selbst entdeckt. Bild: Bärenbold | Bild: Erich Bärenbold

Er ruft die Feuerwehr, danach klingelt er die Menschen in den Wohnungen über der Metzgerei aus dem Bett. Zehn Minuten später und keiner wäre mehr über das Treppenhaus herausgekommen. Ob er noch oft an den Tag denkt? "Jeden Tag", sagt er. "Das ist mein Leben."

Video: Anja Greiner

In den Wochen nach dem Brand war Bärenbold vor allem eines: Wach. Hier der Termin mit der Kripo, da die Versicherung, da der Elektriker, wieder die Kripo, wieder die Versicherung, vier Angestellte, die versorgt werden und ein Leben, das neu geordnet werden musste.

Drei Wochen nach dem Brand hat er angefangen, bei Metzger Kollegen auszuhelfen, hat ausgebeint, abgezogen, was eben anfiel. Seit ein paar Wochen tourt er als Außendienstmitarbeiter einer Firma für Outdoor-Kühlschränke durch ganz Deutschland. Mittwochs zerlegt er im Ackerloch in Unterkirnach ein Spanferkel.

Er hat einen mobilen Verkaufswagen beantragt, die Stadt hat ihn bereits genehmigt. Damit könnte er sich vor seinen Laden stellen. Noch mal ein paar Monate überbrücken. Die Kosten würde die Versicherung übernehmen. Bärenbold holt gerade die entsprechenden Angebote ein. "Aber das zieht sich. Ich warte eigentlich jeden Tag auf eine Antwort."

Auch die Ermittlungen ziehen sich. Randermittlungen, sagt er, führe die Kripo derzeit noch durch. Was genau das heißt, weiß er nicht. Was er weiß, ist, dass gegen Unbekannt wegen vorsätzlicher Brandstiftung ermittelt wird. An der Tür wurden Einbruchspuren gefunden. Bärenbold wurde auch befragt. "Einmal", sagt er. "Und das richtig."

Man riecht die Folgen des Brandes, bevor man sie sieht. Die Tür hinter der Wursttheke im Verkaufsraum führt in eine andere Welt.

Bild: Greiner, Anja

"Ruine", nennt Bärenbold das, was einst ein Materiallager, ein kleines Büro, eine Toilette und eine Wurstküche war.

Bild: Greiner, Anja
Die komplette Einrichtung in der Wurstküche muss erneuert werden, inklusive der elektrischen Leitungen. Der Schaden beläuft sich auf rund 400 000 Euro.
Die komplette Einrichtung in der Wurstküche muss erneuert werden, inklusive der elektrischen Leitungen. Der Schaden beläuft sich auf rund 400 000 Euro. | Bild: Greiner, Anja

Und wo jetzt die geschmolzenen Neonröhren in langen dicken Fäden von der Decke hängen und die Wände schwarz vor Ruß sind.

Bild: Greiner, Anja

Irgendwo tickt eine Uhr. Ihr graues rundes Gehäuse ist an einer Seite ein wenig eingeschmolzen und sie zeigt noch die Sommerzeit. Ansonsten funktioniert sie tadellos. Sie hängt noch nicht mal schief an der verrußten Wand. Die Uhr ist das Einzige, das überlebt hat.

Bild: Greiner, Anja

Im Gang liegen zentimeterhoch auf dem Boden Papierreste – Bestellungen von früher – Deckenreste, verkohlte Holzregale. Jeder Schritt ein Schritt über sein Leben.

Bild: Greiner, Anja

Wegen der angeschmorten Stromleitungen musste die Feuerwehr die Sicherungen rausdrehen. Mit einem Schlag fiel auch die Kühlung aus. Zwei Tonnen Fleisch und Wurst hat Bärenbold am nächsten Tag entsorgt. Warenwert: 15 000 Euro. "Das Schlimmste", sagt er, "war das Reh". Das hatte er am Mittwoch noch von einem Jäger bekommen und abgezogen. Es hing noch in der Kühlkammer.

Video: Anja Greiner

Wenn er heute das Geld von der Versicherung bekäme, zwei bis drei Monate würde es mindestens dauern, bis er den Laden wieder eröffnen könnte. Er braucht Handwerker, er braucht Angebote von Firmen für die Ausstattung. Er braucht Elektriker. "Am liebsten hätte ich einen Bauleiter, der mir was abnimmt", sagt er. "Manchmal wird mit das zu viel."

Er könnte noch heute bei einem anderen Metzger anfangen. Er bekommt Angebote aus ganz Deutschland. Er lehnt sie alle ab. "Ich bin hier mit Herzblut." Das hier, Villingen, die Metzgerei, das ist sein Lebenstraum. Dafür kämpft er.

Video: Anja Greiner

Einer der schönsten Momente im Jahr ist für Bärenbold immer der Fasnetsmentig. Wenn um acht Uhr morgens die ersten Butzeselgruppen in den Verkaufsraum kommen, um sich ihren Wurstring für den Umzug abzuholen. Ein Lied für eine Wurst. Das war der Deal. "Da war Stimmung in der Bude", sagt Bärenbold. Wenn er bis dahin wieder eröffnen könnte, er würde es sich "brutal wünschen". Der Fasnetsmentig ist dieses Jahr am 4. März.