Sie wechseln die Straßenseite, flüchten sich in unbeholfene Floskeln wie "Ihr habt ja zum Glück noch mehr Kinder" oder klammern das Thema gleich aus. "Ich bin auch nach all den Jahren immer noch entsetzt über die verletztenden Reaktionen aus dem Umfeld trauernder Familien", sagt Jochen Künzel. "Wer das Leid kleinredet, sollte lieber ruhig sein."

Der Tod, erst recht der Tod eines Kindes, ist auch im Jahr 2017 noch ein Tabuthema. Und doch gebe es vieles, was man im Umgang mit den Trauernden richtig machen könne, sagt der Diplom-Psychologe. "Darf ich euch ansprechen?" – diese Frage sei ein idealer Einstieg ins Gespräch und halte alle Optionen offen.

Jochen Künzel kennt sich aus mit Trauer, Wut, Fassungslosigkeit, Ohnmacht – der ganzen Bandbreite an Gefühlen, die eine Familie durchlebt, die ein Kind verloren hat. Seit 15 Jahren arbeitet der 49-Jährige an der Tannheimer Nachsorgeklinik, wo er den Psychosozialen Dienst und die Verwaisten Reha leitet, die seit dem Jahr 2001 angeboten wird. Der Bedarf ist immens. 80 Familien werden pro Jahr aufgenommen, immer acht gleichzeitig, dennoch muss die Klinik vielen absagen, weil die Kapazitäten stets ausgeschöpft sind.

Mit welcher Wucht Eltern und Geschwister nach dem Tod eines Kindes ins Bodenlose fallen, erlebt der Psychologe immer wieder. "Die Familien sind auf eine einsame Insel verbannt", beschreibt er die Gefühlswelt vieler Betroffener. Oft seien Beziehungs- oder Suchtprobleme die Folge. Wenn Menschen ihren Alltag nicht mehr bewältigen können, nicht mehr ins Leben zurückfinden, die zurückgebliebenen Geschwister nicht mehr normal erziehen können, sprechen Fachleute von komplizierter Trauer. "Dann braucht man Hilfe", sagt Jochen Künzel. Zwar sei Trauer an sich keine Krankheit, könne aber auf Dauer krank machen.

Hier setzt die Tannheimer Nachsorgeklinik an. Kernstück der Verwaisten Reha sind die Gesprächsrunden, begleitet durch verschiedene Angebote von Ritualen. "Sie geben Ausdrucksmöglichkeiten, wo Sprache ihre Grenzen hat und schaffen Kommunikation zwischen den Betroffenen und ihrem Umfeld ", erklärt der Psychologe. Für die Trauernden sei es extrem wichtig, in Handlung zu kommen, nachdem der Schmerz sie gelähmt zurückgelassen hat. "Trauer bedeutet auch immer Ohnmacht, was ganz schlimm auszuhalten ist. Viele setzen dann Angst, Neid, Schuldgefühle oder eine Depression oben drauf, um bloß diese Ohnmacht nicht spüren zu müssen."

Um diesen Kreis aus Sprachlosigkeit und Verzweiflung zu durchbrechen, wird jeder Verwaisten-Gruppe ein Ritual angeboten: Die Familien gestalten gemeinsam eine Kerze, auf der mit Wachssymbolen an die verstorbenen Kinder erinnert und die zu jeder Gruppensitzung entzündet wird. Eine dieser Kerzen ist seit mehr als sieben Jahren in Umlauf: Die Familien schicken sie seit ihrer gemeinsamen Zeit in Tannheim reihum durch ganz Deutschland. Immer mit dabei ist ein Notizbuch, in das die ehemaligen Reha-Teilnehmer den anderen schreiben, wie es ihnen geht.

Den Beginn jeder Reha markiert eine Kennenlernrunde, in der die Teilnehmer ihre Geschichte erzählen, ihren Verlust offenbaren. Vier Stunden sind dafür angesetzt. Viele Tränen fließen hier. Immer. "Heftig, aber wichtig", sagt der Psychologe über das Kennenlernen. Besonders schwer für die Hinterbliebenen sind Geburts- und Todestage, weiß er – und Weihnachten. "Es ist ein Erfolg, wenn man es schafft, etwas zu finden, um diese Tage zu ertragen." In Tannheim erhalten die Familien neben ganz praktischer Hilfe in Form der Therapieangebote auch Inspiration und Ideen für ihr Leben zu Hause.

Die Teilnehmer der Dezember-Rehas gestalten beispielsweise stets ein kleines Programm zum "Worldwide Candle Lightning (Weltweites Kerzenleuchten), einem Gedenktag zur Erinnerung an verstorbene Kinder. Immer am zweiten Sonntag im Dezember werden um 19 Uhr brennende Kerzen in die Fenster gestellt. Jede Stunde kommen Kerzen einer neuen Zeitzome dazu – ein Lichterband, das die Menschen um den ganzen Globus verbindet. "Das ist doch ein sehr schöner Gedanke", sagt Jochen Künzel.

Und immer möchten die Familien etwas in Tannheim hinterlassen: Deshalb endet auch jede Reha für verwaiste Eltern und Geschwister mit einem Ritual. Dabei wird ein selbst gestalteter Erinnerungsstein am "Denk-Mal" im Außenbereich der Klinik abgelegt, bevor zum Schluss bunte Luftballons in den Himmel aufsteigen.

So spenden Sie

Spenden unter Stichwort „Tannheim“ bei Sparkasse Schwarzwald-Baar, Konto: 10550011, Bankleitzahl 694 500 65, IBAN: DE17 6945 0065 0010 5500 11, SWIFT-BIC.: SOLADES1VSS. Eine Spendenbescheinigung wird von 100 Euro an ausgestellt. Unterhalb dieses Betrages reicht beim Finanzamt die Vorlage des Kontoauszuges.