Zwei galten als starke Schnarcher, einer hatte Schwierigkeiten, durch die Nase zu atmen. Drei Patienten schilderten vor der Zweiten Zivilkammer des Landgerichts Konstanz, wie sie in den Jahren 2009 und 2010 wegen eines Problems im Hals- und Nasenbereich zum Arzt gegangen waren.

Zu Eingriffen überredet

Beim beklagten Facharzt aus Villingen-Schwenningen seien sie zu weiteren Eingriffen überredet worden. Sie hätten dem Arzt vertraut, der weitere Probleme erkannt und in Aussicht gestellt habe, diese durch leichte operative Eingriffe zu beheben. Alle drei gaben an, bis heute unter Problemen in Folge der Operationen zu leiden, etwa unter Einschränkungen beim Riechen oder unter Atembeschwerden.

Patient hatte volles Vertrauen

Ein Patient sagte vor Gericht, er sei „verstümmelt“ worden. Über die Risiken sei mit „keiner Silbe“ gesprochen worden. Es sei vielmehr der Eindruck vermittelt worden, es handle sich um eine unkomplizierte Standardbehandlung. Der Arzt habe vorher schon erfolgreich seine Kinder operiert und dieser sei auch an einem Sonntag mal für ihn da gewesen. Er habe volles Vertrauen in ihn gehabt.

„Schnell, schnell“

Auch die beiden anderen Patienten können sich an kein Gespräch über mögliche Risiken erinnern. Sie konnten sich an keine Inhalte auf teilweise von ihnen unterschriebenen Bögen erinnern. Es sei ihnen vorgekommen, als handle es sich bei der Unterschrift nur um eine Formalie. „Das ging alles schnell, schnell.“

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Die Zweite Zivilkammer des Landgerichts Konstanz geht davon aus, dass eine ausreichende Aufklärung der Patienten über die vorgenommenen Eingriffe in keinem der drei Fälle nachgewiesen sei. Sie empfiehlt Vergleiche, bei denen die Patienten zwischen 18 000 und 18 750 Euro bekommen sollen.

Gutachterschlacht noch immer möglich

Während die Klägerseite jeweils erklärte, den Vergleich annehmen zu wollen, ließen dies der Beklagte und sein Anwalt offen. Sollte der Vergleich scheitern, müsste eine Gutachterschlacht über die vorgenommenen Eingriffe geführt werden.

Ob die Patienten jemals Geld sehen, wird voraussichtlich auch davon abhängen, ob die Haftpflichtversicherung des Arztes einspringt. Bis 4. Juli müssen sich alle Parteien zum Vorschlag schriftlich geäußert haben. Wenn es zu keinem Vergleich kommen sollte, geht es am 18. Juli vor Gericht weiter.

Schlamperei mit Patientenakten

Das Verfahren offenbarte Schlampereien bei der Führung der Patientenakten durch den schon wegen mehrfacher Körperverletzung strafrechtlich zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilten Arztes. Dieser hatte dem Gericht erst keine Unterlagen vorgelegt, und dann solche, bei denen die Dokumentationen der Diagnose sowie die Narkose- und OP-Berichte fehlten. Zu den Gründen sagte der Beklagte: „Ich weiß es nicht. Mehr als das, was vorliegt, habe ich nicht.“

Termine decken sich nicht

Und dann sprach der Vorsitzende Richter Peter Jochem noch „komische Zufälle“ an. In einem Fall deckte sich der eingetragene OP-Termin überhaupt nicht mit den Terminen, die der Patient angab und für die dieser auch Krankmeldungen vorlegen konnte. Der erste Termin sei wegen eines Notfalls verschoben worden. Beim zweiten Termin habe der Arzt dann operiert. Keine dieser beiden Daten sei aber in der Akte festgehalten.

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In einem Fall tauchten in der Patientenakte auch zwei Seiten aus der Klageschrift auf, in der nach Angaben des Vorsitzenden Richters Peter Jochem Passagen farblich markiert worden waren. Diese seien dann inhaltlich in der Patientenakte wieder zu finden. Die Patientenakten nachträglich zu verändern, wäre strafbar. Dem Arzt könnte versuchter oder vollendeter Prozessbetrug zur Last gelegt werden. Würde ihm eine Straftat während der Bewährungszeit nachgewiesen und er deswegen verurteilt, würde er mit großer Sicherheit ins Gefängnis geschickt. In den Patientenakten finden sich auch unterschiedliche Handschriften, was der Arzt damit erklärte, dass abwechselnd mal er, mal seine Helferin darin schrieben.

Weiteres Strafverfahren ist möglich

Um Strafrechtliches ging es aber in diesem Zivilverfahren vor dem Konstanzer Landgericht nicht. Die Kammer oder auch die Klägerseite könnten aber der Staatsanwaltschaft einen Hinweis zu diesen Unstimmigkeiten geben und so möglicherweise ein weiteres Strafverfahren ins Rollen bringen. Der Vorsitzende Richter hatte in der Verhandlung umfangreich über mögliche Folgen falscher Angaben hingewiesen.

Vage Antworten

Der Beklagte wiederum blieb vielfach vage in seinen Antworten. Nur in einem zeigte er sich jeweils sicher: Bei allen drei klagenden Patienten will er sich genau daran erinnern, dass er diese angemessen über alle möglichen Risiken der Eingriffe aufgeklärt habe. Auf Nachfragen der Klägeranwältin erkannte der Arzt jedoch zunächst zwei der klagenden Patienten nicht, als diese auf der Zuhörerbank im Gerichtssaal saßen. Er sei sich nicht sicher, ob seine ehemaligen Patienten im Raum seien. Er sehe aber auch nicht mehr so gut, so der Mediziner.

Als ihr Fall aufgerufen wurde und sich die Patienten an den Tisch für die Kläger setzen, will der Arzt sie dann aber doch sicher wiedererkannt haben, unter anderem an der Stimme.

Wohnort bleibt unklar

Die Frage, warum die Patientenakten unvollständig sind, ließ der Beklagte offen. Bei der Frage, wo diese gelagert wurden, blieb er schwammig, mal sprach er von unterschiedlichen Orten in Deutschland und im Ausland, dann von zeitweiser Aufbewahrung im früheren Wohnhaus, in einer Spedition in Unterkirnach und nun in Irland. Auf Nachfragen dieser Zeitung, wo der Beklagte heute eigentlich wohnt, gab dieser keine Antwort.

Patient deutet Symptome falsch

Alle drei Patienten gaben an, erst im Jahr 2017 durch einen Zeitungsbericht über die Machenschaften des strafrechtlich verurteilten Arztes stutzig geworden zu sein. Erst danach hätten sie begonnen, sich Gedanken zu machen, ob in ihrem Fall alles mit rechten Dingen zuging, dazu recherchiert und Meinungen von Fachkollegen eingeholt. Einer der Kläger gab vor Gericht an, er habe Symptome wie eine breiter werdende Nase lange Zeit gar nicht in Verbindung mit dem ärztlichen Eingriff gesehen: „Ich hatte das nicht in Zusammenhang mit der OP gebracht. Ich dachte, das sei das Alter.“