Die Herausforderungen sind gewaltig – aber der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht die Baden-Württemberger gut gewappnet, sie auch bewältigen zu können. 900 Besucher füllten die neue Tonhalle beim VS-Forum des SÜDKURIER, als der Landesvater am Freitagabend einen weiten Bogen spannte: über Europa zum Klimaschutz hin zur Automobilindustrie. Kretschmann zog die Besucher, unter ihnen Politiker und viele Unternehmer wie der neue EBM-Papst-Chef in St. Georgen, Raymond Engelbrecht, in seinen Bann. Zuvor hatte SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz den einzigen grünen Ministerpräsidenten begrüßt. Das VS-Forum habe eine lange Tradition und bestehe nun seit 1999, betonte Lutz. Es sei ein kostenfreies Gesprächsformat, das transparente Diskussionen biete. Auch Kretschmann, der bereits zum zweiten Mal das VS-Forum besuchte, schätzt diese Plattform und nahm zu einer Fülle von Themen Stellung.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann flankiert von SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz (links) und SÜDKURIER-Geschäftsführer Rainer Wiesner (rechts).
Ministerpräsident Winfried Kretschmann flankiert von SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz (links) und SÜDKURIER-Geschäftsführer Rainer Wiesner (rechts).

Mit einigen Sorgenfalten schaut Kretschmann auf Frankreich, denn hier werde sich beim zweiten Wahlgang zur Präsidentenwahl das Schicksal Europas entscheiden. Sollte die Rechtspopulistin Marine Le Pen siegen, werde dies das Ende Europas sein, „so wie wir es kennen.“ Eine Abkehr von Europa würde aber ein Land wie Baden-Württemberg, mit seinen vielfältigen wirtschaftlichen Verflechtungen, „mitten ins Herz treffen“. Doch nicht nur diese Entwicklung macht Kretschmann Sorgen, auch die Umwälzungen in der Automobilindustrie werden die Menschen hier fordern. Allerdings zeigt er sich zuversichtlich, die künftigen Aufgaben bewältigen zu können. Arbeitsplätze, die auf der einen Seite wegfallen, sollen durch neue ersetzt werden. Und dass da einiges auf die Mitarbeiter zukommt, machte Kretschmann mit einer Zahl deutlich: „Allein am Diesel hängen bei Bosch 15 000 Arbeitsplätze.“

Für die Zukunft sieht Kretschmann das Land gerüstet, Baden-Württemberg stecke fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung, deutschlandweit seien es nur drei Prozent. Doch er machte auch deutlich, wo er in einem Land, in dem in vielen Schwarzwaldtälern Weltmarktführer operieren, noch Nachholbedarf sieht, zum Beispiel bei den Neugründungen. Bosch sei vor 150 Jahren ein Start-Up gewesen, doch jetzt fehlten inzwischen hier solche Gründer, China und Indien zögen davon.

Kretschmann zeigte Unterhalter-Qualitäten, erhielt lang anhaltenden Applaus für viele seiner mit einer gehörigen Portion trockenen Humors gewürzten Antworten auf die Fragen von Stefan Lutz und der Landeskorrespondentin Gabi Renz. Er mahnte Haltung an, zum Beispiel auch bei der Flüchtlingsfrage, die noch lange nicht beantwortet sei. Danach hatten Besucher die Möglichkeit, den Politiker zu befragen. Da zeigte sich, was den Gästen auf den Nägeln brennt: So mahnte Georg Herth von E.-Wehrle in Furtwangen eine bessere Straßen-Infrastruktur an, weiteres Thema war die Wohnungsnot.


VS-Forum

Das VS-Forum, eine Veranstaltung des SÜDKURIER, zählt seit vielen Jahren zu den wichtigsten gesellschaftlichen Anlässen in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Regelmäßig präsentiert das Medienhaus bei dem Diskussionsforum in Villingen Prominente, Politiker und Wissenschaftler. Für die Zuhörer ist der Eintritt frei. Die Liste der Referenten reicht von Norbert Blüm bis zu Erzbischof Stefan Burger.