Es ist eigentlich nie lustig, im Vollsprint mit Rucksack durch die Innenstadt zum Bahnhof zu hetzen, um noch rechtzeitig den Zug zu bekommen. Der Spaß hört jedoch ganz auf, wenn die Außentemperatur dabei 35 Grad übersteigt und man nach einem zweiminütigen Sprint so nass geschwitzt ist, als hätte man die erste Etappe des Iron-Man hinter sich gebracht.

Ok, gut, was solls, immerhin hab ich so schon das kleine Work-out für heute hinter mich gebracht. Die Bahn macht also fit! Klasse! Gut, immerhin bezahle ich für die kurze Fahrt auch gefühlt beinahe so viel, wie für die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio. Da kann man ein paar Bonus-Effekt erwarten. Während ich mir den Schweiß von der Stirn reibe ein hastiger Blick auf die Uhr: Es bleiben noch fünf Minuten. Beide Ticketautomaten sind besetzt. Noch vier Minuten.

Ein Automat wird frei. Schnell das Ziel eingeben – verdammt, wo ist denn hier ein Punkt, gibt es nicht, dann eben ein Leerzeichen, ah, Mist, vertippt, ich will doch nicht nach St. Gallen. Ah, gut, jetzt steht da St. Georgen. Drei Minuten noch. Kartenzahlung anklicken. Nichts passiert. Nochmal klicken, jetzt leuchtet das Display für die Karteneingabe. Ticket ziehen. Noch zwei Minuten.

Durchatmen. Und gelassenen Schrittes durch die Unterführung zu Gleis zwei gelaufen. Geschafft. Beim Betreten des Gleises klingt es aus dem Lautsprecher: „Der Regional-Express nach Karlsruhe Hauptbahnhof kommt heute circa fünf Minuten später.“

Gut, denke ich, selber schuld. Was hab ich mich auch so beeilt! Mein Fehler, zu denken, dass die Bahn pünktlich kommt. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass meine letzten Bahnfahr-Erfahrungen im Urlaub waren. Da bin ich einmal quer durch Vietnam gefahren. Und da waren die Züge schlicht einfach nur pünktlich. Ich muss mich eben erst wieder an die Deutsche Bahn gewöhnen.

Wartend auf dem Bahnsteig beginnt im Kopf dann schon das kleine Bahn-Bashing: Verspätung, was kommt dann noch? Bestimmt ist die Klimaanlage defekt! An einem der unzähligen im Gang stehenden Fahrräder schlage ich mir sicher wieder das Schienbein an und irgendwer wird bestimmt auch bei 35 Grad lautstark an seinem Leberwurstbrot knabbern. Und von wegen nur fünf Minuten Verspätung! Und dann kommt es doch ganz anders.

Exakt fünf Minuten später rollt der Zug aufs Gleis. Pünktlich unpünktlich also. Drinnen ist es erfrischend kühl und kaum ist der Zug losgefahren ertönt die Durchsage. „Liebe Fahrgäste, bitte beachten Sie, dass im vordersten Zugabteil noch Gratis-Wasser für Sie bereitsteht.“ Und schwups lehnt man sich besänftigt in den Sitz zurück, streift noch die letzten Brotbrösel des Vorsitzers aus dem Polster und denkt: Mensch, ist ja doch ganz in Ordnung eigentlich, die Deutsche Bahn.