Kunden wollen personalisierte Produkte, das Ganze rasch und auf die Stunde genau geliefert. Oder: Bisherige Zulieferer alteingesessener Hersteller werden plötzlich zum Konkurrenten, in dem sie ein besseres Produkt günstiger liefern. Was ist da los? "Digitalisierung", antworten diejenigen, die Bescheid wissen. Die Welt der Fabrikanten befindet sich derzeit „viel zu oft noch in der Komfortzone“, schildert Ralf Kailer. Er leitet als Geschäftsführer ein Softwarehaus, das Unternehmen analysiert, Umorganisationen entwickelt und umsetzt und somit dafür sorgt, dass in der Tüftler-Welt zwischen Schramberg, Schwenningen und Spaichingen nicht plötzlich ganze Großanbieter obsolet werden – weil andere schneller, präziser und kostengünstiger sind.

Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg ist in und um Villingen-Schwenningen am stärksten von Industrie und Fertigung geprägt, hier gibt es ein überdurchschnittliches Substituierbarkeits-potenzial. Das sagt ausgerechnet die Agentur für Arbeit, vulgo: das Arbeitsamt. Dort betrachtet man die von Ralf Kailer geschilderte Konstellation wachsam. Arbeitsagentur-Sprecher Klaus Helm sagt aber ebenso: „Die derzeit überdurchschnittlich gute Auftragslage in den regionalen Unternehmen überlagert bisher den Trend in Richtung Industrie 4.0 in der konkreten Verwirklichung.“

Verschlafen die Super-Betriebe der Region die Zukunft, weil ganz einfach aktuell zu sehr noch die Marge stimmt? Ralf Kailer: „Führungskräfte sind völlig neuen Situationen ausgesetzt.“ Er ergänzt: „Es liegt letztlich an jedem einzelnen Mitarbeiter selbst, ob er künftig noch gefragt ist.“ Lebenslanges Lernen sei eine der Anforderungen. Wer heute nach dem Motto verfahre „Ich suche mir einen Job, bei dem ich mit weniger Aufwand den gleichen Lohn generieren kann“, dem drohe übermorgen der Statusverlust.

Ralf Kailer (links) und Sven Ludwig (rechts) präsentieren eine Betriebsanalyse vor einem Digitalisierungsschritt in einem Unternehmen. Die Berater aus Villingen sind spezialisiert auf Maschinenbau.
Ralf Kailer (links) und Sven Ludwig (rechts) präsentieren eine Betriebsanalyse vor einem Digitalisierungsschritt in einem Unternehmen. Die Berater aus Villingen sind spezialisiert auf Maschinenbau.

Das Softwarehaus Kailer und Sommer ist seit 1993 am Markt und beschäftigt selbst 18 Mitarbeiter. Eine Betriebsanalyse stütze sich immer auf Erfahrungen und Einschätzungen von Angestellten. „Daraus wird dann der neue gemeinsame Weg“, schildert Ralf Kailer die Vorgehensweise für Firmen aus dem Spektrum des Maschinenbaus. Stehen die neuen Betriebsstrukturen, entwickeln CAD-Experten in Villingen neue Steuerungsprogramme und ein Produktdaten-Management, das die interne Kommunikation in den Firmen verbessert. „Hier hakt es sehr oft“, weiss Kailer. 1200 Kunden betreut seine Consulting-Firma. Kailer spricht aus Erfahrung: „Ich habe alles erlebt.“ In Schwenningen arbeitete der 50-Jährige bei einem Maschinenbauer. Dann fiel sein Job weg.

Droht der Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung? Nein, versichert der System-Berater. Mitarbeiter müssten aber oft andere Tätigkeiten übernehmen oder neu definierte Aufgaben erfüllen, die schneller zum betrieblichen Ziel einerseits führen und bei denen die Tätigkeiten so definiert sind, dass andererseits im nachfolgenden Bearbeitungsprozess in der Firma möglichst Kapazitäten frei werden. „Es ist die Summe vieler kleiner Veränderungen, welche digital durchorganisierte Betriebe effizienter machen“, schildert Kailer. Dafür, dass die Region Schwarzwald-Baar Gas geben kann, dafür sorgt der Landkreis. Mehr als 200 Millionen Euro werden für den Breitbandausbau zwischen Blumberg und Triberg in zehn Jahren investiert. „Das Glasfasernetz macht die Betriebe schnell“, schildert Bürgermeister Jürgen Roth. Der stellvertretende Vorsitzende des Zweckverbandes Breitband ist Bürgermeister in Tuningen. Die Gemeinde hat den Netz-Ausbau vollzogen. Tatsächlich entstehen hier neue Arbeitsplätze. „Ja, es siedeln sich bei uns neue Firmen an“, sagt Roth. 60 Arbeitsplätze im Plus sei man derzeit. Firmen profitieren seiner Beobachtung nach vor allem deshalb: „Maschinenupdates mit riesigen Datenmengen können nicht mehr wie bisher nur über Nacht erfolgen, sondern jederzeit. Die Firmen sind so schneller und mit einem Vorteil gegenüber der Konkurrenz unterwegs“, schildert der Rathaus-Chef.

„Digitalisierung ist nicht nur eine Herausforderung, sondern darin liegen auch Chancen, sich vom Markt abzuheben und zu differenzieren. Neue Geschäftsmodelle, die im Zuge der Digitalisierung entstehen, werden neue Zielgruppen und Märkte eröffnen.“ Thomas Albiez ist als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zuversichtlich. Zumal er überzeugt ist, dass neue Berufsbilder entstünden, beispielsweise der Digitalisierungsmanager. Der technische Fortschritt bringe es mit sich, dass manche Tätigkeiten und Berufe im Zeitverlauf aber auch verschwänden. Das sei aber kein neues Phänomen. Heute, nicht morgen, werde es verstärkt die Berufe betreffen, die durch Maschinen ersetzt werden können. Die Digitalisierung werde dem Menschen auch in vielen Berufszweigen helfen. Beispielsweise dem Produktionsmitarbeiter, der bei der Montage schwerer Bauteile zukünftig Hilfe von Robotern bekommen könne. Andere Berufszweige würden sich im Laufe der Zeit verändern. „Horrorszenarien, nach denen infolge der Digitalisierung künftig in massivem Ausmaß Jobs wegfallen, sind allerdings unbegründet“, so Albiez wörtlich. Das passt zu einer Aussage von Ralf Kailer: Der Experte aus VS sagt, aus dem Beruf des Feinmechanikers sei der des Mechatronikers geworden. Und daraus werde bald der Cyber-Troniker, einer, der dafür sorgt, dass Systeme kommunizieren. Zum Beispiel, wenn das autonom fahrende Auto zur System-Prüfung ans Internet angeschlossen wird.

„Vernetzte Anlagen werden erlernbar“

Thomas Ettwein (Bild) ist Schulleiter an der Feintechnikschule in Villingen-Schwenningen. Er erklärt, warum die Lernfabrik das Aubsildungsmedium der Zukunft ist.

Wie sehr hat sich die Ausbildungsqualität durch die Lernfabrik verändert?

Wir sind derzeit erst bei der Entwicklung und Umsetzung eines didaktischen Konzepts, um die Lerninhalte der Industrie-4.0-Technologien im Unterricht zu integrieren. Es ist geplant, diese Lerninhalte in allen Schularten und Klassen auch fächerübergreifend einzusetzen.

Welche Vorteile hat die Lernfabrik für die Azubis?

In der klassischen Ausbildung werden die Lerninhalte an isolierten Beispielen erarbeitet. Mit der industriellen Lernfabrik 4.0 ist es nun erstmals möglich, diese Einzeldisziplinen zu einem realitätsnahen Ganzen zusammenzuführen. Dadurch können komplexe und vernetzte Industrieanlagen für den Schüler erlern- und erlebbar gemacht werden.

Und welche Vorteile hat dies für die Unternehmen?

Gut ausgebildete Fachkräfte, die die Kenntnisse der Industrie-4.0-Technologien bereits mitbringen. Außerdem kann die Lernfabrik von der Industrie genutzt werden, um firmeninterne Weiterbildungen vorzunehmen.

Ist die Lernfabrik das Ausbildungsmedium der Zukunft?

Die Lernfabrik wird zusammen mit interaktiven Lernprogrammen und virtueller Darstellung die traditionellen Ausbildungsmedien ergänzen.

Werden Ausbildungsbetriebe ohne Lernfabrik irgendwann das Nachsehen haben?

Langfristig wird eine Ausbildung ohne modernste Industrie-4.0-Technologien nicht mehr zukunftsfähig sein. Teilweise kann zwar eine reale Lernfabrik auch durch eine Simulation in virtueller Realität ersetzt werden, trotzdem braucht der Ausbildungsbetrieb Zugriff auf eine externe Lernfabrik.

Fragen: Roland Sprich