"Heute ist ein guter Tag", sagt Gerda Masuch einige Minuten nach dem Ende der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht in Konstanz. Masuch sieht sich als Opfer eines geldgierigen Arztes, der zum Prozess gar nicht erst erschienen war. Auch sein Rechtsanwalt hatte keine Information darüber, wo der Mandant steckt. Am Ende einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich, der Masuch 3500 Euro verspricht. Dennoch konnte sich die Klägerin zunächst nicht freuen: "Es widerspricht meinem Empfinden von Gerechtigkeit, dass ich ein Viertel der Verhandlungskosten tragen muss."

Angeprangert wurde in der Berufung das vorangegangene Urteil des Villinger Amtsgerichts. Masuchs Vorwurf: Der ehemals in Villingen niedergelassene Mediziner soll sie in drei Sitzungen jeweils narkotisiert haben und dann anders vorgegangen sein, als es vorher besprochen war. Die Operationen, die schließlich vom Arzt abgerechnet worden seien, hätten in Wahrheit nie stattgefunden. "Ich wurde dreimal umsonst narkotisiert und abgerechnet wurde das, was am meisten Geld einbringt", tobte die Klägerin während der Verhandlung.

"Wenn der Eingriff durchgeführt worden wäre, den er angegeben hat, müsste ich eine Narbe am Trommelfell haben", zeigte Masuch auf. Der vom Amtsgericht bestellte Gutachter führte an, dass eine entsprechende Verheilung normalerweise sechs bis zwölf Monate dauere, in Ausnahmefällen aber bereits nach einigen Wochen möglich sei. Gerda Masuch ließ sich untersuchen und belegte, dass ihr Trommelfell unverletzt sei. Allerdings lag die Behandlung zu diesem Zeitpunkt acht Monate zurück.

Richter Martensen waren in der Berufungsverhandlung die Hände gebunden: "Wir als Laien können nicht die Kompetenz eines medizinischen Gutachters infrage stellen." Also müsse sich ein Richter darauf verlassen. Somit tauge das Gutachten der Klägerin über die Unversehrtheit ihres Trommelfells nicht als Beweis dafür, dass der Beklagte keinen Eingriff vorgenommen habe. "Wir können nicht ausschließen, dass ihr Trommelfell verheilt ist", so der Richter.

Im Zuschauerraum saßen sechs weitere mutmaßliche Geschädigte. Sie schöpfen Hoffnung aus der Auffassung des Gerichts. Der Richter sah nach Würdigung der Umstände als erwiesen an, dass eine wirksame Einwilligung in die Behandlungen nicht vorgelegen habe. "Der Arzt hat immer dieselben Vordrucke benutzt für teils sehr unterschiedliche Eingriffe", sagte Martensen mit Blick in die Akte. Auf Nachfrage konnte der Rechtsanwalt des Beklagten dazu keine weiteren Angaben machen. "Wenn ich mir das ansehe, was ich hier vorliegen habe, dann kann von einer wirksamen Einwilligung der Patienten nicht die Rede sein", empfand der Richter.

Beide Parteien behielten sich einen Widerruf des Vergleichs bis zum 5. April dieses Jahres vor. Der Rechtsanwalt des Beklagten müsse sich zunächst mit seinem Mandanten austauschen. Dies erfolge per E-Mail. Über den aktuellen Aufenthaltsort habe er keine Kenntnis.

"Drei Jahre beschäftige ich mich damit", sagte Masuch, "Jetzt können sich die anderen immerhin auf die Auffassung des Landgerichts berufen".

 

Hintergrund

Der ehemals in Villingen niedergelassene Arzt wurde im Oktober 2017 zu einer zehnmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Dem Mediziner wurde nachgewiesen, dass er überflüssige Operationen durchgeführt hat, um sich zu bereichern.