Konrad Flaig, Sportlehrer am Hoptbühl-Gymnasium, hat längst aufgehört zu zählen: Die Runden seiner Schüler beim Dauerlauf, die Meter beim Weitsprung, die Versuche beim Hochsprung. Er zählt nur noch andere Dinge: Anträge, Besichtigungen, Mängellisten. Einen Ordner voll hat er davon Zuhause stehen. Seit 20 Jahren unterrichtet er am Hoptbühl-Gymnasium. Seit 20 Jahren kämpft er für einen neuen Sportplatz. Flaig war Leistungssportler, er weiß, was es heißt weiterzumachen, auch wenn einem die Beine schmerzen.

Am Montagvormittag sitzt Flaig mit seinem Kollegen Thomas Stier in einem leeren Klassenzimmer im zweiten Stock des Gymnasiums, vor sich einen Stapel säuberlich abgeheftete Papiere und sagt in regelmäßigen Abständen: "Ah, da habe ich auch einen Antrag." "Ah, 2005 war auch eine Besichtigung." "Ah, das war schon 1999."

Im Protokoll (Januar 1999) von einem Ortstermin am 11. November 1998 heißt es zum Punkt Außenanlage: "Im Prinzip ist keine vorhanden, beziehungsweise nur unter Gefährdung der Schüler nutzbar." Vorgelegt wurde das laut Protokoll dem damaligen Baubürgermeister Ralf Fußhoeller. Passiert ist: Nichts. Und so ging es weiter. Auf eine Besichtigung folgte meist eine Mängelliste, dann das Versprechen, dass etwas getan werde. Dann das gespannte Warten. Dann: Nichts. Ein neuer Antrag, eine neue Besichtigung, eine neue Mängelliste, ein neues Versprechen. "Damit haben sie uns ruhiggestellt", sagt Flaig. "Machnachmal hat man schon gezweifelt, ob es überhaupt noch Sinn macht, einen weiteren Antrag zu formulieren."

Zwölf Sportlehrer haben sie am Gymnasium, rund 700 Schüler werden unterrichtet. Im Lehrplan steht bei allen eine fundierte Sportausbildung. Im Regierungsbezirk sind sie die einzige Schule ohne Außenanlage. "Unsere Schüler erschrecken schon, wenn wir mal rausgehen", sagt Flaig. Bundesjugendspiele hat er nie erlebt – dafür den Vorwurf, dass die Sportlehrer zu wenig aktiv seien. Drei Abmeldungen hatte sie im vergangenen Jahr. Die Schüler sind ans Gymnasium am Romäusring gewechselt. Dort gibt es seit einigen Jahren ein Sportprofil.

Sie versuchen ihr Bestes. Damit alle den Unterricht in der Halle bekommen können, wird seit drei Jahren auch die Mittagspause genutzt. Manchmal joggen sie ums Gelände, wenn die Wiese neben an gemäht ist, geht Flaig schon mal mit den Schülern Speerwerfen. Mit den letzten beiden Stufen fahren sie in Bussen zum Hubenloch – oft eine Gratwanderung, der Bus muss morgens bestellt werden, die Sportstunde findet aber erst mittags oder nachmittags statt, da kann das Wetter schon wieder anders sein. Wer Sport als Abiturfach hat, muss weitgehend im Verein trainieren. Anders geht es nicht. Für jede Stadt eine Bankrott-Erklärung, für jeden Sportlehrer ein Desaster.

Erst wurde die Weitsprunganlage gesperrt, der Bodenbelag war rissig, der Balken ragte aus der Aschebahn. Dann wurden die Laufbahnen gesperrt, der Belag war aufgequollen oder rutschig. Selbstverständlich hat Flaig auch einen Antrag für den Balken und die Laufbahnen eingereicht. Passiert ist: Nichts. Im vergangenen Jahr wurde die Anlage dann komplett gesperrt. Die Verletzungsgefahr sei zu hoch, hieß es vonseiten der Stadt. Die Lehrer konnten und wollten die Verantwortung dafür nicht mehr tragen. Vor jeder Sportstunde hatten sie bis dahin die Anlage abgenommen. "Den Sportlehrern ist zu verdanken, dass die ganze Zeit über nichts passiert ist", sagt Flaig.

Was er der Stadt vor allem übel nimmt: Gehandelt wird erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist. So auch bei der Sporthalle. Als 2002 der Badische Gemeindeunfallversicherungsverband mit einer Schließung der Halle droht, wird das Nötigste getan. Fluchtwege eingerichtet, ein neues Netz zur Tribüne und neue Garagentore eingebaut. Der Lärmschutz, das drängendste Problem ("Normal unterhalten kann man sich nicht. Man muss schon brüllen", sagt Thomas Stier), wurde nicht gelöst. Ein neuer Boden wurde auch gelegt, der hat die Akustik sogar noch verschlimmert. Als die Schule 2003 saniert werden muss, (für rund elf Millionen Euro müssen giftige PVC-Beläge im gesamten Gebäude entfernt werden) war die Finanzlange der Stadt miserabel. Die gesamte Finanzierung lief über einen Sonderkredit des Regierungspräsidiums. Die Sportanlagen fielen hinten runter.

Bei der jüngsten Besichtigung der Sportstätten durch den Gemeinderat stand auch der Hoptbühl-Platz auf dem Plan. Die Schulleiterin und die Sportlehrer erfahren es nur durch Zufall. Sie gehen hin, versuchen, ihre Argumente vorzubringen. Einige Gemeinderäte seien überrascht gewesen, in welchem schlechten Zustand hier alles ist, sagt Flaig. Unverständlich für ihn, alle Anträge gingen auch immer an die Stadt. Warum sie denn nicht früher etwas gesagt hätten, meinten andere. Flaig und Stier platzt da fast die Hutschnur.

Ende des Schuljahres geht Flaig in Pension. Eine funktionierende Außenanlage wird er nie gehabt haben. Seinen Ordner mit den Anträgen wird Stier erben. Stier ist jetzt 37 Jahre alt. Bis zu seiner Pension sind es noch 27 Jahre.