Freitagmorgen um kurz nach 8.30 Uhr in der Schwenninger Pauluskirche: Luzia und Kurt Himmelsberger schieben Stühle und Tische umher – und verwandeln das Gotteshaus der evangelischen Kirchengemeinde Schwenningen in eine Vesperkirche. Das Rentnerpaar hat diese Woche die Tagesleitung inne und ist bereits seit 8 Uhr unterwegs, hat Wurstspenden einer Metzgerei abgeholt und richtet nun die Kirche ein.

Video: Marcel Jud

„Wir haben 2012 bei der Vesperkirche angefangen – gleich nach der Pensionierung, damit wir nicht nur zuhause auf dem Sofa rumsitzen“, erzählt Luzia Himmelsberger, die mit ihrem Mann verschiedene Jugendherbergen geleitet hat.

Luzia und Kurt Himmelsberger engagieren sich seit ihrer Pensionierung in der Schwenninger Vesperkirche. Früher haben sie als Jugendherbergseltern gearbeitet. Für die Vesperkirche übernehmen sie jeweils für eine Woche die Tagesleitung.
Luzia und Kurt Himmelsberger engagieren sich seit ihrer Pensionierung in der Schwenninger Vesperkirche. Früher haben sie als Jugendherbergseltern gearbeitet. Für die Vesperkirche übernehmen sie jeweils für eine Woche die Tagesleitung. | Bild: Marcel Jud

Die Schwenninger Vesperkirche wurde 2004 ins Leben gerufen. Vier Wochen lang können Bedürftige für einen Euro ein Drei-Gänge-Menü genießen und ein Lunch-Paket mitnehmen. Auch „Solidaresser“ sind willkommen, die einen kostendeckenden Beitrag von fünf Euro entrichten.

„Bei einem Zukunftsworkshop der Gemeinde kam die Idee auf, auch hier eine Vesperkirche einzurichten“, sagt Pfarrer Andreas Güntter von der evangelischen Kirchengemeinde. Am Anfang habe man mit 60 Gästen gerechnet, doch bereits am ersten Tag seien doppelt so viele gekommen.

Inzwischen habe sich die Besucherzahlen bei rund 250 Personen pro Tag eingependelt. „Nur die Zahl der ehrenamtlichen Helfer steigt stetig“, betont Pastor Hans-Ulrich Hofmann von der evangelisch-methodistischen Kirche, dessen Gemeinde die Aktion ebenfalls unterstützt. Insgesamt engagieren sich rund 450 Ehrenamtliche, pro Tag sind es 45.

Ökumenische Unterstützung für die Vesperkirche: Pfarrer Andreas Güntter von der evangelischen Kirchengemeinde (links) und Pastor Hans-Ulrich Hofmann von der evangelisch-methodistischen Kirche.
Ökumenische Unterstützung für die Vesperkirche: Pfarrer Andreas Güntter von der evangelischen Kirchengemeinde (links) und Pastor Hans-Ulrich Hofmann von der evangelisch-methodistischen Kirche. | Bild: Marcel Jud

Immer mehr Helfer trudeln ein und machen sich ans Werk: Bereiten im Gemeindehaus gegenüber der Kirche die Brote für die Lunch-Pakete vor oder nehmen die Kaffeemaschinen in Betrieb. Marlene Hermann hat diese Woche die Küchenleitung inne: Sie teilt die Helfer an den Spülmaschinen und am Lunch-Pakete-Tisch ein. „Anfangs haben wir das Geschirr noch von Hand gespült“, erinnert sich die pensionierte Verkäuferin, die seit der ersten Vesperkirche dabei ist.

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Marlene Hermann war bereits bei der Planung der Vesperkirche vor über 15 Jahren dabei. „Ich habe mich auch davor in der Gemeinde engagiert“, sagt die ehemalige Verkäuferin, die seit vier Jahren die Küchenleitung innehat.
Marlene Hermann war bereits bei der Planung der Vesperkirche vor über 15 Jahren dabei. „Ich habe mich auch davor in der Gemeinde engagiert“, sagt die ehemalige Verkäuferin, die seit vier Jahren die Küchenleitung innehat. | Bild: Marcel Jud

Gerd Lamers und Norbert Noltemeyer sind diese Woche als Fahrer eingeteilt. Sie haben bei Bäckereien und Konditoreien Essenspenden abgeholt und bringen sie nun Gerd Lamers Ehefrau Barbara, die heute für die Kuchenverteilung zuständig ist.

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Gerd Lamers (links) und Norbert Noltemeyer sind als Fahrer unterwegs und bringen das Mittagessen vom Franziskusheim in die Vesperkirche.
Gerd Lamers (links) und Norbert Noltemeyer sind als Fahrer unterwegs und bringen das Mittagessen vom Franziskusheim in die Vesperkirche. | Bild: Marcel Jud

Nach 11 Uhr füllt sich die Kirche immer mehr mit Gästen und Gerd Lamers und Norbert Noltemeyer fahren los, um das Mittagessen im Franziskusheim abzuholen, wo es jeweils zubereitet wird. Für Küchenchef Rudolf Wehner ist es selbstverständlich, dass er sich für die Vesperkirche engagiert: „Da wir ein christlich geprägtes Haus sind, war es uns von Anfang an ein Anliegen, einen Beitrag zu leisten“, sagt Wehner. Während der Vesperkirche kochen er und sein Team pro Tag rund 250 zusätzliche Essen.

Rudolf Wehner (links) und David Lartz vom Küchenteam des Franzsiksusheims. Während der Vesperkirche gilt eine Urlaubssperre, da pro Tag rund 250 zusätzliche Essen zubereitet werden müssen.
Rudolf Wehner (links) und David Lartz vom Küchenteam des Franzsiksusheims. Während der Vesperkirche gilt eine Urlaubssperre, da pro Tag rund 250 zusätzliche Essen zubereitet werden müssen. | Bild: Marcel Jud
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So schnell wie möglich verladen Gerd Lamers und Norbert Noltemeyer das Essen des Franziskusheims in ihren Kleinlaster und fahren es in die Vesperkirche. Diese ist nun bereits voll mit Gästen, die auf eine warme Mahlzeit warten.

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Unter ihnen ist auch Harald Meyer, der die Vesperkirche seit rund fünf Jahren immer wieder mal besucht, wie er sagt: „Ich komme gerne hierher, da man Leute trifft zum Reden – und das Essen ist auch gut.“

Harald Meyer kommt gerne in die Vesperkirche. Der gebürtige Norddeutsche lebt seit über 20 Jahren im Schwarzwald. Aufgrund einer Erkrankung musste er seine Arbeit als Schlosser aufgeben.
Harald Meyer kommt gerne in die Vesperkirche. Der gebürtige Norddeutsche lebt seit über 20 Jahren im Schwarzwald. Aufgrund einer Erkrankung musste er seine Arbeit als Schlosser aufgeben. | Bild: Marcel Jud

Knapp die Hälfte der Freiwilligen in der Vesperkirche sind diesmal keine Rentner, sondern junge Erwachsene. „An insgesamt drei Tagen helfen auch Auszubildende verschiedener Firmen bei uns mit“, erklärt Pfarrer Andreas Güntter. Einer von ihnen ist Hannes Deuring.

„Wir wurden gefragt, ob wir mitmachen wollen und ich habe mich gemeldet, da es mir Spaß macht, Leuten etwas Gutes zu tun“, sagt der 20-Jährige, der an diesem Tag als Bedienung eingeteilt ist.

Zum ersten Mal dabei: Der Auszubildende Hannes Deuring und Tamara Stoll, die ein duales Studium absolviert.
Zum ersten Mal dabei: Der Auszubildende Hannes Deuring und Tamara Stoll, die ein duales Studium absolviert. | Bild: Marcel Jud

Andere Helfer geben das Essen aus oder tragen das dreckige Geschirr in das Gemeindehaus, wo vier Geschirrspülmaschinen auch dann noch weiterlaufen, wenn die letzten Gäste die Vesperkirche um 15 Uhr wieder verlassen haben.

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Die Schwenninger Vesperkirche hat ihre Türen noch bis Sonntag, 17. Februar, täglich zwischen 11 Uhr und 15 Uhr geöffnet.