Der VS-Verein Pro Stolpersteine plant im Oberzentrum neue Aktionen. Die erste Mahnwache ist wieder für den 22. Oktober geplant, dem Jahrestag der Deportation der badischen Juden nach Gurs. Dies berichtet der Vorsitzende Friedrich Engelke im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Zudem ist eine große Schau vorgesehen. Pro Stolpersteine engagiert sich für die von der Mehrheit der Kommunalpolitik blockierte Platzierung von goldfarbenen Pflastersteinen in Villingen. Die kleinen Mahnmale sollen an Ort und Stelle auf das Schicksal von Juden in der Stadt hinweisen. In vielen anderen Städten sind die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig platziert. VS debattiert über Jahre immer wieder, ob stattdessen nicht eine Erinnerungstafel errichtet werden soll. Der Verein Pro Stolpersteine hat sich von der VS-Debatte losgelöst. Die Steine für Villingen befinden sich längst in Vereinshand.

Bild: Hahne, Jochen
  • Die Ausstellung: Die Mitglieder arbeiten auch mit Hochdruck an einer Ausstellung, die in Kooperation mit dem Kulturamt am 27. September im Franziskanermuseum eröffnet werden soll. Titel der Ausstellung: Ich kam als Gast in Euer Land gereist." Sie zeigt das Leben von Hitlergegnern aus Deutschland, die Opfer des Stalin-Terrors wurden. Darunter war beispielsweise auch der Villinger Adolf Boss, der Anfang der zwanziger Jahre Medizin studiert und sich dann der KPD zuwendet. Die Wechselausstellung war bereits in Großstädten wie Berlin, Moskau, St. Petersburg, Paris und Brüssel zu sehen war und stellt das sorgfältig recherchierte Schicksal von 15 ausgesuchten Familien anhand von 21 Tafeln dar. Zu diesen 15 Familien gehört auch die Familie Adolf Boss aus Villingen, berichtet Friedrich Engelke.
  • Das Leben von Adolf Boss: Das Leben von Adolf Boss soll bei der Ausstellung in Villingen besonders in den Fokus gerückt werden. Heinrich Schidelko, Lehrer an den St. Ursula Schulen, hat sich mit seinen Schülern eingehend mit Adolf Boss beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Recherchen sollen auf zwei zusätzlichen Tafeln präsentiert werden, so erfahren die Besucher deutlich mehr über den Villinger. Dazu werden in zwei Vitrinen Archivalien aus Villingen die Ausstellung ergänzen. Stadtarchiv, Bürgeramt und das Romäusgymnasium stellen dieses Material zur Verfügung. Dieses zusätzliche Material dient dazu, die Familie Boss begreifbar zu machen – von den Großeltern bis zu der einzig überlebenden Enkelin des Adolf Boss und deren regionalen Bezug, erläutert Friedrich Engelke. Nach Hitlers Machtantritt verliert Adolf Boss – als Jude und Kommunist – sofort seine Arbeit am Berliner Virchow-Krankenhaus. Die dreiköpfige Familie verlässt 1933 überstürzt Berlin, kommt nach Villingen und reist 1934 in die Schweiz, dann zu Verwandten von Ehefrau Josephine nach London. Die Bemühungen von Adolf Boss, in seinem Beruf als Arzt zu arbeiten, scheitern zunächst vollständig. Erst über ein Jahr später eröffnet sich ihm die Möglichkeit, in der Sowjetunion eine Stellung in seinem geliebten Beruf zu finden. Die Familie lässt sich 1934 in Moskau nieder, aber bald ändert sich die Lage. Die Gefahr spürend versucht Adolf Boss seit Anfang 1937, die UdSSR zu verlassen. Es gelingt ihm nicht. Im März 1938 wird er verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Mutig macht sich Josephine Boss 1939 auf den Weg in die Komi-Republik, um ihren Mann im Lager aufzusuchen. Es wird ihre letzte Begegnung. Sie flieht nach England, in London erhält sie 1945 über die sowjetische Botschaft die Nachricht, dass ihr Mann 1942 bei dem Ort Koschwa verstorben sei. Adolf Boss wurde erschossen.
  • Die Mahnwachen: Im Herbst beginnen die Mahnwachen wie immer mit der Erinnerung an die Deportation der badischen Juden am 22. Oktober 1940. Dieses Jahr ist der 22. Oktober ein Montag, so starten die Mahnwachen an einem ungewohnten Tag – Treffpunkt ist um 19 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort erinnern die Teilnehmer an die zwölf deportierten Villinger.
  • Die Inhalte: Bei den folgenden Mahnwachen im November, Dezember und Januar, die wieder abwechselnd in Villingen und Schwenningen stattfinden, präsentieren die Mitglieder von Pro Stolperstein neben zwei jüdischen Schicksalen, zu denen es neue Erkenntnisse gibt, zwei politisch Verfolgte. Eine Mahnwache widmet sich erneut Josef Heid, da der Verein durch die Stolpersteinverlegung in Bruchsal und den Kontakt zu Familienangehörigen neue Erkenntnisse gesammelt hat. "Vor allem haben wir umfangreiches Bildmaterial", so Engelke. Dieses soll in der Broschüre der Mahnwachen 2018/19 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch zwei Frauen rückt der Verein Pro Stolperstein in den Fokus: Paula Löffler (später Acker) und Mathilde Müller. Erneut wird in Villingen wie in Schwenningen je ein Euthanasieopfer in den Mittelpunkt einer Mahnwache gerückt und in Schwenningen erinnern die Pro-Stolperstein-Mitglieder an eine der betroffenen Sinti-Familien.
  • Die Arbeitsteilung: Der Verein arbeitet nach Aussage von Friedrich Engelke immer im Verbund, allerdings mit klar verteilten Schwerpunkten. Einen Großteil der Recherchen zu dem Leben der jüdischen Familien haben Heinz Lörcher und Heinrich Schidelko geleistet. Das Leben der politisch Verfolgten haben Ekkehard Hausen und Wolfgang Heitner unter Mitarbeit von Heinz Lörcher aufgearbeitet. Bei Recherchen über Sinti und Roma stützt sich der Verein auf Erkenntnisse des Historikers Michael Zimmermann. Ihm gebührt auch ein erheblicher Anteil an der sehr schwierigen Frage der NS-Euthanasie-Opfer, deren Schicksal sich vor allem Friedrich Engelke widmet. Neu hinzugekommen sind Opfer der Sondergerichte, sowie Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Verfolgte und Opfer der Nazis wurden.