Es geht um die Aussicht auf 300 Arbeitsplätze, aber auch um Tierschutz, Flächenverbrauch und angeblich wenig gut beleumdete Arbeitsbedingungen. Nach den Sommerferien soll der Ortschaftsrat von Weigheim, wo die Hähnchengroßschlachterei angesiedelt werden könnte, über das Projekt beraten. Ob es allerdings dazu noch kommt, ist seit gestern fraglich. Angeblich ist das Unternehmen gar nicht mehr am Standort VS interessiert.

Micarna, die jährlich rund 27 Millionen Masthühner in Fließbandarbeit schlachtet, einer großen Schlachtbetriebe der Schweiz, gehört zur Lebensmittelkette Migros und beschäftigt knapp 3000 Mitarbeiter. Die geplante Expansion ins grenznahe Nachbarland Deutschland hat nach Mutmaßung der Gegner einer solchen Ansiedlung in VS vor allem damit zu tun, dass es hierzulande weniger strenge Auflagen hinsichtlich des Tierschutzes gibt als in der Schweiz.

In den Gemeinderatsfraktionen waren daher die Meinungen eher zurückhaltend bis ablehnend. Frank Banse, der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, verdeutlichte, dass er die Ansiedlung eines solchen Betriebs als unethisch betrachte. „Ich denke, dass man Einrichtungen, die man im eigenen Land nicht haben will, nicht ins Nachbarland exportieren sollte.“

Weniger rigoros sehen dies andere Stadträte. Die CDU-Fraktion, so berichtete die Fraktionsvorsitzende Renate Breuning, habe sich zwar dagegen gewehrt, dass ein solcher Schlachthof im neuen Industrie- und Gewerbegebiet „Salzgrube“ angesiedelt werde. „Das sind unsere kostbarsten Gewerbeflächen“, betonte sie. Nichtsdestotrotz sei die Fraktion mehrheitlich der Meinung gewesen, dass die Stadt untersuchen sollte, ob der Schlachthof an anderer Stelle angesiedelt werden könnte. Immerhin gehe es um 300 Arbeitsplätze, die hier neu geschaffen werden sollten. „Wir haben gesagt, wir können das nicht gleich ablehnen, weil das nicht die ganz feine Industrieansiedlung ist“, sagte Breuning. Von der moralischen Seite wolle sie einen solchen Schlachtbetrieb nicht beurteilen. „Sonst müssten wir alle Vegetarier werden.“

Die Micarna AG, die hauptsächlich den Lebensmittelkonzern Migros mit Geflügelfleisch beliefert, steht nach Zeitungsberichten trotz der strengen staatlichen Kontrollen wegen ihrer Produktionsweise offenbar stark im Fokus der Tierschützer. Gewerkschaften kritisierten zuletzt mehrfach die Arbeitsbedingungen. Aus diesen Gründen sieht auch Oberbürgermeister Rupert Kubon eine mögliche Ansiedlung eines solchen Betriebs mit Skepsis. Zumal auch schon andere Kommunen, bei denen Micarna um Flächen nachgefragt hatte, nach seiner Kenntnis eine Ansiedlung abgelehnt hätten. Bislang hätten alle Gremien und Fraktionen von der Stadt weitere Informationen über das Projekt angefordert oder sie seien ablehnend gewesen, berichtete Kubon. Hinzu komme, dass der Flächenverbrauch für den geplanten Schlachthof in der ersten Ausbaustufe mit 250 auf 250 Metern riesig sei. Gleichwohl will er das Thema im Ortschaftsrat Weigheim sowie im Gemeinderat nach den Sommerferien beraten lassen.

Ob es dazu noch kommt, ist allerdings fraglich. Wie jetzt aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, soll das Schweizer Unternehmen am Standort Weigheim nicht mehr interessiert sein. Eine offizielle Bestätigung des Unternehmens dafür war gestern Abend nicht mehr zu bekommen.


Das Unternehmen

Die Micarna AG hat ihren Sitz in Courtepin in der Schweiz und ist ein Unternehmen des Migros-Konzern der größten Lebensmittelkette des Landes. Im vergangenen Jahr machte der Betrieb mit seinen knapp 3000 Mitarbeitern einen Umsatz von über 1,5 Milliarden Schweizer Franken. Geschlachtet wurden 27 Millionen Hähnchen, 722 000 Schweine, 76 000 Rinder und 41 000 Kälber. Die Tiere werden im Akkord geschlachtet, nach Gewerkschaftsaussagen zunehmend von Zeitarbeitern, die vor allem aus Osteuropa angeheuert werden.