Im Wartezimmer des Allgemeinmediziners sind alle Stühle besetzt. Hustende Patienten, quengelnde Kinder. Eine Szene, wie sie vielerorts vorkommt, nicht nur im Schwarzwald-Baar-Kreis (SBK). Und eine Situation, welche die Statistik Lügen zu strafen scheint. Die Zahl der Hausärzte steige wieder, meldet die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, dennoch sinkt die für Patienten zur Verfügung stehende Arztzeit. Ähnlich formuliert die Landesärztekammer diesen Widerspruch: „Auch Baden-Württemberg ist vom Ärztemangel betroffen. Dabei gibt es so viele Ärztinnen und Ärzte wie niemals zuvor.“

Aber woran liegt es? Kai Sonntag, KV-Pressesprecher, sieht das Modell des Einzelkämpferlebens eines freiberuflich niedergelassenen Arztes bröckeln: „Immer mehr Kollegen suchen ein Angestelltenverhältnis mit normalen Arbeitszeiten.“ Und angestellt heißt überwiegend weiblich. Wenn Landesärztekammer-Präsident Ulrich Clever erst Ende April sagte, „Jüngere Ärzte achten heute verstärkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, erklärt das viel über neue Lebensmodelle. Die KV-Statistik zeichnet diese Entwicklung nach. Vor 30 Jahren, so Sonntag, habe es keine angestellten Ärzte gegeben. Heute sind das die Hälfte der neuen und 15 Prozent der Bestandsmitglieder. Und während 41 Prozent der Ärzte in Baden-Württemberg weiblich sind, beträgt der Anteil der angestellten Mediziner 59 Prozent, bei den Allgemeinmedizinern gar 72 Prozent. „Deshalb“, so Sonntag, „brauchen wir für zwei ausscheidende Ärzte drei neue.“

Kai Sonntag, Leiter Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg
Kai Sonntag, Leiter Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg | Bild: Kassenärztliche Vereinigung

Ärztemangel auch im Landkreis

Dabei macht der Ärztemangel laut Landkreistag auch bei den Krankenhäusern nicht Halt. „Im Schwarzwald-Baar-Klinikum können wir Facharztstellen überwiegend intern nachbesetzen“, sagt Personaldirektorin Karin Burtsche. Nur wenn sehr spezielle Facharztkompetenzen benötigt werden, werde es schwieriger. Den bundesweiten Fachkräftemangel in bestimmten Disziplinen spüre man durchaus. Im Klinikum sind 385 Ärzte beschäftigt, davon mehr als 200 Fachärzte. Etwa vier Prozent der Stellen sind nicht besetzt.

Anreize für Hausärzte könnte man schaffen. „Bei der Vergütung ärztlicher Leistung gibt es durchaus noch Entwicklungspotenzial“, lässt sich Ulrich Clever vernehmen.

Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg
Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg | Bild: Frank Eppler

Weiterbildung wird einfacher, auch dank gemeinsam mit Universitäten gebildeter Kompetenzzentren. Notdienste wurden Niedergelassenen weitgehend abgenommen, Aufgaben werden delegiert und Teamstrukturen befördert. „Die Arbeitszeit lässt sich nicht steigern“, sagt der St. Georgener Allgemeinmediziner Johannes Probst. In seiner Praxis haben sich zwei Mitarbeiterinnen zu Versorgungs-assistentinnen weitergebildet, um mit dem sogenannten Verah-Mobil Hausbesuche zu absolvieren. Sie spritzen, nehmen Blut ab oder messen den Puls. Die Bürokratie sei gar nicht das Abschreckende, ergänzt Probst. Sie bündelt er an einem Nachmittag in der Woche. Machbar und wichtig zugleich sei der Papierkram.

Viele Ärzte kurz vor der Rente - kaum Chance für Nachfolger

Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind momentan 131 Allgemeinmediziner-Sitze belegt, rechnerische 10,5 können neu besetzt werden. Betrachtet man die Prognosen, droht Schlimmeres. So sind es laut KV nicht nur 500 Hausarztpraxen, die in den nächsten fünf Jahren im Land mangels Nachfolger nicht besetzt werden können. Erschwerend kommt eine Kreis-Besonderheit hinzu: Von den 131 praktizierenden Hausärzten sind 52 60 Jahre alt oder älter. Im Land liegt dieser Anteil niedriger. Dabei weist die Statistik einen Unschärfefaktor auf. Denn Hausärzte können selbst bestimmen, wann sie in Ruhestand gehen. Kleiner Trost: Umgekehrt sind die Fachärzte im SBK etwas jünger als im Landesschnitt.

Anlass also, das Problem anzugehen. „Denn das Klagen über den Wegfall des alten Landarztes hilft nicht weiter“, heißt es im Landratsamt zu einem Modellprojekt, das noch mehr als ein Jahr die Landkreise Schwarzwald-Baar, Rottweil und Tuttlingen verbindet. Untersucht wird die ambulante Versorgung in der Region. Dazu gehört eine Umfrage unter allen Allgemeinmedizinern und ab Herbst jeweils zwei Zukunftswerkstätten in vier besonders schlecht versorgten Raumschaften. Diese werden sich nach der Auswertung der Fragebogen definieren. Die Auftaktveranstaltung wird Ende Juli in Furtwangen stattfinden. „Das ist noch keine Vorentscheidung bezüglich der Raumschaft“, sagt Jochen Früh, Leiter des Gesundheitsamtes im SBK. Bei einer Rücklaufquote von 46 Prozent werde das Thema bei großer Mitmachbereitschaft ernst genommen.

Ab Herbst laufen in der definierten Raumschaft Workshops. Sie bringen Akteure der regionalen medizinischen Versorgung zusammen. Auch Bürger sind dabei. Zunächst werden in diesen Workshops die individuellen Perspektiven von Kooperation ausgelotet, dann Ideen zu Gesundheitszentren in gemeinsamer Trägerschaft entwickelt. Vorgesehen sind auch Möglichkeiten des Bürger-Feedbacks im Internet. Der Trend gehe eindeutig weg von der traditionellen Landarztpraxis, heißt es aus dem Landratsamt. Bei den Zukunftswerkstätten sei es deshalb wichtig, „der Bevölkerung in den Landkreisen die neuen Entwicklungen zu verdeutlichen und sie auf die neuen Formen der Hausarztpraxis vorzubereiten“, wie Kreis-Sprecherin Heike Frank erklärt.

Gesundheit schafft viele Arbeitsplätze

Der Schwarzwald-Baar-Kreis zeichnet sich mit vielfältigen und hochkarätigen Gesundheitseinrichtungen aus. Mit rund 8200 Beschäftigten ist der Gesundheitssektor einer der größten Arbeitgeber im Landkreis. Diese Zahl dürfte laut einer Übersicht des Gesundheitsnetzwerks Schwarzwald-Baar-Heuberg steigen. Demnach soll die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich Gesundheit & Soziales zwischen 2000 und 2030 um 29 Prozent zunehmen. Ansteigen wird auch die Zahl der Pflegebedürftigen im Kreis. Auch dies wird laut Prognose zu weiteren Arbeitsplätzen führen. Beachtlich ist die Zahl von an Kliniken. Angesiedelt sind hier ein Zentralklinikum mit 1000 Betten sowie 17 Rehabilitations- und Fachkliniken mit 1900 Rehabetten. Das sind 7,3 Prozent der Rehabetten im Land. Unter den 20 Kreisgemeinden finden sich einige prädikatisierte Kommunen, darunter die Heilklimatischen Kurorte Bad Dürrheim, Königsfeld, Schönwald und Triberg. Auch Hochschulen mit gesundheitsthematischen Fachbereichen, Aus- und Weiterbildungsträger im Gesundheitswesen sowie medizinische Dienstleister haben hier ihren Sitz. Geballte Gesundheitskompetenz summiert sich ferner auch in vielfältigen Angeboten aus den Bereichen Tourismus, Wellness und Spa. (wur)