Sie ist ein gewaltiger musikalischer Torso und ein von ihrem Schöpfer nie vollendetes opulentes Werk – die Messe in c-Moll KV 427 von Wolfgang Amadeus Mozart mit dem Beinamen „Große Messe“. Im praktisch ausverkauften Franziskaner ist sie vom Projektchor VS, den Stuttgarter Philharmonikern und vier Gesangssolisten unter der Leitung von Marius Mack kraftvoll und mit stellenweise überbordender Klangwucht aufgeführt worden.

Das Publikum spendet am Schluss der „Großen Messe“ in c-Moll von Mozart lang anhaltenden Applaus.
Das Publikum spendet am Schluss der „Großen Messe“ in c-Moll von Mozart lang anhaltenden Applaus. | Bild: Gunter Faigle

Biografisch bedingt, hat Mozart dieses als Missa solemnis und damit für ein feierliches Hochamt konzipierte Werk mit erheblichen Lücken hinterlassen. Weite Strecken des Credos fehlen aus seiner Feder ebenso wie das gesamte Agnus Dei. Seit Mozarts Tod im Jahr 1791 hat etwa ein Dutzend Komponisten und Musikwissenschaftler den Versuch unternommen, die überlieferten Noten zu vervollständigen. Zuletzt und dank Digitalisierung des Notenfundus auf aktuellstem Forschungsstand hat dies Ulrich Leisinger von der Stiftung Mozarteum in Salzburg geleistet. Mack verwendete die von Robert D. Lewin ergänzte Fassung aus dem Jahr 2005.

Marius Mack eröffnet das Kyrie mit seiner ruhig schreitenden Orchestereinleitung wie auch den Eingangschor in ungewöhnlich verhaltenem Tempo, wobei allerdings die klangliche Geschlossenheit, die den Projektchor auszeichnet, bereits bemerkenswert gut zum Tragen kommt. Mit klar akzentuierten Choreinsätzen und mit sauberer Intonation lassen sich die engagierten Sängerinnen und Sänger schon zu Beginn des Glorias hören, wobei im weiteren Verlauf, etwa im achtstimmigen ausdrucksbetonten Qui tollis, in den Männerstimmen teils auch robuster Druck aufgebaut wird.

Dirigent Marius Mack (von rechts) bekommt im fast ausverkauften Franziskaner zusammen mit seinen Solisten Anna Karmasin, Irina Jae-Eun Park, Michael Feyfar und Jongsoo Yang begeisterten Beifall.
Dirigent Marius Mack (von rechts) bekommt im fast ausverkauften Franziskaner zusammen mit seinen Solisten Anna Karmasin, Irina Jae-Eun Park, Michael Feyfar und Jongsoo Yang begeisterten Beifall. | Bild: Gunter Faigle

Im Gloria, das Mozart achtteilig angelegt hat, haben drei der insgesamt vier Gesangssolisten eine Rolle zugewiesen bekommen. Die Sopranistinnen Anna Karmasin und Irina Jae-Eun Park singen das Domine im intensiv fordernden Duett; Mozart hat es tatsächlich als eine Art Wettstreit zweier Stimmen um die höchsten Töne komponiert. Die klaren, hier und dort scharfen Timbres von Karmasin und Park passen zueinander, die Sängerinnen haben gut vergleichbare Vorstellungen von der dynamischen Gestaltung und sie machen deutlich, wie weit Mozart über die seinerzeitigen Grenzen von Kirchenmusik in Richtung Oper hinausgegangen ist.

Bei alledem erweisen sich die Stuttgarter Philharmoniker als stets aufmerksame Begleiter. Als Michael Feyfar mit seinem gerundeten Tenor hinzutritt, bildet er mit den beiden Damen ein klanglich ausgewogenes Terzett.

Marius Mack dirigiert mit großer Ruhe und Übersicht, bleibt ohne zackige oder exaltierte Geste gleichmäßig präzise und weitet seine Körpersprache erst im Sanctus und Benedictus. In diesem letzten originalen Mozart-Satz kommt auch noch der Bass Jongsoo Yang als Solist hinzu.

Klanglich geben sowohl das Orchester als auch der Projektchor bei seinen schwierigen Chor-Koloraturen jede Zurückhaltung auf, Fülle wird zum Prinzip. Das Publikum spendet begeistert Beifall.

Der Projektchor VS entstand, als 2009 für eine Aufführung der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ein Konzertchor nötig aber nicht vorhanden war. Daher wurde kurzerhand der Projektchor VS ins Leben gerufen. In der Trägerschaft des Kulturamtes VS haben sich in diesem Jahr unter der Verantwortung von Kantor Marius Mack etwa 80 Sängerinnen und Sänger aus der Villinger Kantorei sowie aus der ganzen Region an 20 Probentagen auf das jetzige Konzert intensiv vorbereitet. In der Regel wird alljährlich während drei bis vier Monaten ein großes Werk aus dem Bereich der Chorsinfonik einstudiert. (gf)