Es ist Anfang Mai, als Roland Wehrle, Leiter der Tannheimer Nachsorgeklinik, zum Telefon greift und eine Liste mit zehn Namen abtelefoniert. Pensionierte Kinderkardiologen, emeritierte Lungenspezialisten heben am anderen Ende der Leitung ab. So kurzfristig, sagen sie, können sie nicht einspringen. Wehrle aber braucht sie besser heute als morgen. Zwei Ärzte sind bei ihm plötzlich ausgefallen. Er findet noch jemanden. Ein früherer Kollege von einem der Klinik-Ärzte hatte sich gerade zur Ruhe gesetzt. Er kam spontan aus Frankfurt. "Es war unser Glück, sonst wär's schief gegangen."

Von sechs benötigten Arztstellen sind derzeit vier besetzt. Zwei zusätzliche Aushilfen halten sie über Wasser. Noch können sie die Versorgung garantieren. "Wenn es uns im nächsten halben Jahr nicht gelingt, jemanden einzustellen, dann müssen wir eventuell die Belegung zurückfahren." 65 Patienten haben sie in einem Reha-Turnus. Es ist nicht mehr zwölf, sagt Wehrle, es ist schon eine Minute nach zwölf.

Der Ärztemangel ist keine neue Erscheinung, überall fehlen gerade Spezialisten. Das, was jetzt passiert, ist der Beginn des schleichenden Kollaps eines Systems, dessen Niedergang bereits vor Jahren zementiert wurde.

Roland Wehrle sitzt an einem trüben Dienstagvormittag in seinem Büro in der Tannheimer Nachsorgeklinik mit Blick auf den Eingang und sagt: "Vor 20 Jahren wurde der Numerus Clausus von 1,2 für ein Medizinstudium eingeführt. Jetzt bekommen wir die Folgen zu spüren." Das ist der erste Punkt.

Sie haben Anzeigen im Ärzteblatt geschaltet, beim letzten Mukoviszidose-Kongress in Würzburg haben sie auf jeden Platz Antragsblätter gelegt, haben einen Appell auf Facebook gestartet. Die Resonanz gering, Bewerbungen gleich null. Ein Kooperationsvertrag mit der Kinderklinik des Schwarzwald-Baar-Klinikums lief ein Jahr lang gut, dann fehlten auch dort die Ärzte.

Die Ärzte-Wunschliste ist kurz, hat es aber in sich: Kinderkardiologen, -onkologen, Lungen- und Mukoviszidose-Ärzte. Für die Erwachsenen brauchen sie Lungenfachärzte. Die Stelle des Kinderkardiologen ist seit eineinhalb Jahren unbesetzt. Einen zweiten Pulmologen bekommen sie seit Jahren nicht. Das ist das zweite Problem: die Spezialisierung. Ein Kinderkardiologe kann nicht automatisch Kinder mit angeborenem Herzfehler behandeln, ein Lungenfacharzt ist nicht gleich Experte für Mukoviszidose (eine erbliche, unheilbare Stoffwechselerkrankung).

Die speziellen Facharzt-Profile, die die Reha-Klinik bräuchte, sind selten – Erwachsenen-Kardiologen, die auch Erfahrungen mit angeborenen Herzfehlern haben gibt es genau 40 Stück in ganz Deutschland. Die Liste hat Wehrle in seinem Büro liegen. Hinzukommt, dass die wenigen Spezialisten, die es gibt, oft nicht in eine Reha-Klinik wollen. Das ist Wehrles zweites großes Problem.

Professor Jochen Weil, 68 Jahre alt, ehemaliger Direktor der Kinderklinik in Hamburg und derzeit am Münchner Herzzentrum beschäftigt, ist am Donnerstagmittag am Bahnhof in Donaueschingen eingetroffen. Wehrle hat ihn abholen lassen. "Das machen wir natürlich gern." Zwei mal im Monat kommt Jochen Weil für drei bis vier Tage nach Tannheim.

Reha-Medizin ist auch für ihn eine neue Erfahrung. Eine positive. "Auch ich dachte, Reha wäre eine Art Wellness bei der man wenig mit kranken Menschen zu tun hat." Das Gegenteil ist der Fall. Medizinisch fordernd sei es und nicht nur das. Anders als in der Akutmedizin geht es hier auch darum, sich mit den Patienten persönlich zu beschäftigten. "Es macht mir großen Spaß. Man sieht hier die andere Seite des Lebens." Ohne Aushilfen wie Professor Weil, sagt Wehrle, könnten wir die Versorgung gar nicht mehr sicherstellen.

Es ist fast schon Ironie: Die Medizin wird immer besser, die Patienten dadurch immer älter, ergo werden mehr Ärzte für die Versorgung gebraucht. Als die Klinik 1990 gegründet wurde, lag die Lebenserwartung eines Mukoviszidose-Patienten bei 20 Jahren. Heute hat sie sich verdoppelt.

Wehrle lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück: "Ich bereue mittlerweile, dass ich nicht selbst Arzt bin." Wehrle ist Diplom-Pädagoge. Sein Spezialgebiet ist nicht das Herz oder die Lunge. Seines ist der Mensch. Es gibt Agenturen, die vermitteln Ärzte für Nachtschichten. Eine Nacht kostet 2000 Euro. Geld, dass Wehrle nicht ausgeben kann und nicht ausgeben will. "Ich will jemanden, der mit Herz dabei ist, nicht jemand, der es wegen des Geldes macht."

Helfen würden schon pensionierte Ärzte, Internisten, die im Monat zwei bis drei Nachtschichten übernehmen. Oder in den Ferienzeiten aushelfen. "Wir sind offen für alle möglichen Konstellationen", sagt Wehrle.

Wehrle kämpft gegen Bürokratie und politisches Versagen. Dagegen, dass hoch qualifizierte Ärzte wegen der besseren Vergütung in die Schweiz abwandern, dass Kinderärzte jetzt die Erwachsenenbehandlung nicht mehr übernehmen dürfen, dass sie eine Zusatzqualifikation als Sozialmediziner vorweisen müssen. "Wir stehen uns so lange im Weg, bis das ganze System zusammenbricht", sagt er und blickt aus dem Fenster seines Büros. Draußen läuft eine Frau mit Kinderwagen auf den Eingang der Klinik zu. Wehrle sagt: "Es kann so nicht weitergehen."

Problem Provinz

Besonders deutlich wird der Ärztemangel immer dann, wenn es um die hausärztliche Versorgung geht. Die Ärztekammer Baden-Württemberg prophezeit, dass in den nächsten fünf Jahren landesweit etwa 500 Hausärzte fehlen, weil nicht genügend Nachwuchsmediziner zur Verfügung stehen um die in Rente gehenden Ärzte zu ersetzen. Im Gespräch ist aktuell eine Landarzt-Quote. Mit ihr sollen Abiturienten, die später als Hausarzt aufs Land gehen wollen, auch ohne Einser-Schnitt einen Studienplatz bekommen.