Ist ein Kind in der Familie schwer krank, manchmal sogar lebensbedrohlich oder sogar chronisch, dann ist oftmals an einen normalen Familienalltag nicht zu denken. Nicht selten bewegen sich die Familienmitglieder im Ausnahmezustand – funktionieren nur noch. Auch Geschwisterkinder trifft es dann, ob sie wollen oder nicht – ob sie können oder nicht. Werden sie automatisch zum Schattenkind, oder haben sie auch die Chance diese Extremsituation möglichst unbelastet zu überstehen? Diese Fragen diskutierten Experten beim Fachsymposium der Nachsorgeklinik Tannheim und Deutschen Kinderkrebsnachsorge – Stiftung für das chronisch kranke Kind in der neuen Tonhalle in Villingen.

In jeder dritten bis vierten Familie in Deutschland lebt ein Kind mit besonderen gesundheitlichen Problemen, in jeder fünften Familie eines mit chronischer Erkrankung oder Behinderung. Geschätzt zwei Millionen gesunde Geschwister von Kindern mit schweren Krankheiten oder Behinderung leben in Deutschland. Dass diese Extremsituation zu Belastungen bei den gesunden Geschwisterkindern führen muss, halten die Experten des Fachsymposiums nicht für unausweichlich. Jochen Künzel, Leiter der psychosozialen Abteilung in der Nachsorgeklinik Tannheim: „Nicht jedes Kind hat automatisch Probleme mit der Krankheit des Geschwisters und entwickelt daraus langwierige Schwierigkeiten damit. Es ist zu beobachten, dass sich Geschwisterkinder oft besonders unauffällig verhalten und sich gut anpassen wollen. Ziehen sich Kinder bewusst zurück, ist Hilfe nötig.

“ Eine Sicht, die der Sporttherapeut Markus Wulftange am Rande der vom stellvertretenden Chefredakteur des SÜDKURIER, Torsten Geiling, moderierten Diskussion teilt. Auf der Kinderkrebs-Station an der Uni Leipzig leitet er ein Projekt speziell für Geschwisterkinder, bei dem diese im Mittelpunkt der Arbeit stehen. In Niedersachsen hat sich ein Geschwisterkinder-Netzwerk entwickelt, das mit Freizeiten, Beratung und Betreuung den betroffenen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen hilft.

Doch diese Projekte stehen bei Weitem nicht auf finanziell sicheren Beinen. Oft werden Geschwisterkinder lediglich als Begleitpersonen bei Reha-Maßnahmen eingestuft – die Notwendigkeit, sie auch als Patienten zu sehen, ist bei den Kostenträgern oft noch nicht angekommen. Und weil die Differenz zwischen Pflegesatz und Leistungserbringung immer noch stark auseinanderklafft, geht der Appell von Roland Wehrle, Geschäftsführer der Nachsorgeklinik und Stiftungsvorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge deutlich an die beiden Vertreterinnen der Kostenträger, Daniela Amann von der Schwenninger Krankenkasse und Karin Laudien von der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg. „Es werden mehr Gelder benötigt, weil glücklicherweise die Kinder mit kardiologischen Erkrankungen oder der Mukoviszidose älter werden und somit auch häufigere Reha-Aufenthalte benötigen“, mahnt Wehrle.

Doch nicht nur die finanziellen Grundlagen müssen weiter verbessert werden. Auch die Akteure in der Nachsorge müssen sich untereinander stärker vernetzen und zusammenarbeiten. Künzel bestätigt, dass die inhaltliche Auseinandersetzung untereinander optimiert werden muss. Vor allem, um auch die Familien im Anschluss an die Reha in Tannheim in Hände übergeben zu können, die weiter mit den Familien an ihren Herausforderungen arbeiten können. Die Buchautorin Susann Sitzler, die sich in ihrem Buch „Geschwister: die längste Beziehung des Lebens“ intensiv mit der Geschwisterbeziehung auseinander gesetzt hat, bestärkt die Verantwortlichen darin, die Familie als System zu sehen, in dem jeder seine Aufgabe trägt. Die Geschwisterbeziehung prägt Menschen bis an ihr Lebensende – es ist der einzige Vertrag im Leben, den man nicht kündigen kann.