Die altgermanische Mythologie ist eine beziehungsreiche und nicht immer übersichtliche Angelegenheit. Richard Wagner, der große Musikdramatiker des 19. Jahrhunderts, hat sich ein halbes Leben lang damit beschäftigt. Im Jahr 1869 und damit vor genau 150 Jahren ist seine Oper "Das Rheingold" in München uraufgeführt worden. Jetzt war das Werk in einer Inszenierung des Theaters Pforzheim im Villinger Theater am Ring zu erleben.

Die germanisch-mythischen Figuren und Schauplätze in Wagners Oper "Das Rheingold" werden im Theater am Ring ins Zirkusmilieu verpflanzt – knallbunt und eigentümlich plakativ.
Die germanisch-mythischen Figuren und Schauplätze in Wagners Oper "Das Rheingold" werden im Theater am Ring ins Zirkusmilieu verpflanzt – knallbunt und eigentümlich plakativ. | Bild: Gunter Faigle

Kompositionsgeschichtlich beginnt mit diesem Einakter in vier Szenen etwas Neues: An die Stelle einzelner Opernarien, Rezitative, gesprochener Texte oder Chöre tritt ein zweieinhalbstündiges pausenloses Kontinuum. Über eine durchkomponierte Handlung hat Wagner ein Netz von gesondert wahrnehmbaren musikalischen Figuren gelegt. "Leitmotive" hat man sie später genannt. Sie sind einzelnen Personen, wichtigen Gegenständen oder besonderen Aspekten der Handlung zugeordnet. Sie bewusst zu verfolgen, erfordert vom Publikum ein anspruchsvolles Maß an Konzentration beim Hören.

Was die Handlung in "Rheingold" angeht, ist es hilfreich, wenn man sie sich zuvor etwas klar gemacht hat. Denn gleich vier germanische Götter und drei Göttinnen, zwei Nibelungen, zwei Riesengestalten und drei Töchter des Rheins sind in eine Art Welttheater einbezogen, in dem eine ganze Reihe an dramatischen Möglichkeiten wirksam wird. Das Geschehen dreht sich mit aller Heftigkeit und Intensität um Liebe und Treue, um Gier und Neid, um Macht über andere und um menschliche Würde.

Regisseur Thomas Münstermann legt einen gewaltigen Spagat hin, wenn er die ferne Welt etwa eines Gottes Wotan und seiner Gattin Fricka oder eines harschen Widersachers wie Alberich nach und nach immer deutlicher in einen Zirkus verlegt, in dem schließlich der Germanengott zum Zirkusdirektor, die Göttin Freia zur Seiltänzerin oder der in der Sage leidgeprüfte Schmied Mime zum Clown mutieren. Die entsprechend bunte, zirzensisch lockere und teilweise plüschige Kostümierung mag dem optischen Unterhaltungswert dienen. Wenn aber germanische Riesen wie Fasolt und sein Bruder Fafner, die den Göttern immerhin die Burg Walhall errichten, schließlich als Artisten in tigergemustertem kurzem Outfit auftreten, muss man das. nicht unbedingt für stimmig halten.

Das hat mit der zu hörenden Gesangskunst freilich nichts zu tun. In der ersten Szene necken Elisandra Melián, Stamatia Gerothanasi und Lisa Wedekind als drei Rheintöchter den Zwerg Alberich mit ihren klaren und kräftigen Sopran-, Mezzo- und Altstimmen. Und der Bariton Hans Gröning als Alberich zeigt hier schon, dass ihm eine große stimmliche Wandlungsfähigkeit eigen ist.

Gut besetzt sind die anderen großen Hauptrollen. Lukas Schmid-Wedekind als Wotan zum Beispiel verfügt über einen standfesten Bariton, Philipp Werner als Germanengott Loge bringt mit großer Ausdauer seinen kraftvollen Tenor sehr bühnenpräsent zur Geltung. Wenn es um Klangschönheit geht, die ergreift, darf noch einmal Lisa Wedekind als Schicksalswarnerin in der vierten Szene erwähnt werden.

Das Orchester, die Badische Philharmonie Pforzheim, spielt Wagners Partitur in einer kleineren Orchesterbesetzung als es die Originalversion vorschreibt: Sieben Harfen oder acht Kontrabässe aufzubieten ist schlicht unmöglich. Florian Erdl dirigiert das Ensemble im Orchestergraben mit schön fließenden Tempi und bedient die geforderten dramatischen Akzente mit großer Aufmerksamkeit. Das Bühnenbild ist abwechslungsreich gestaltet, integriert Zirkuszeltstützen und arbeitet zudem mit Videoeffekten. Die Akteure ernten herzlichen Beifall.