Peter Simon erinnert sich noch an alles an diesem 6. Oktober 1965. Daran, dass es ein Mittwoch war. Daran, dass es neblig war und gegen später noch geregnet hat. Er könnte auch alle 15 Bahnhöfen aufzählen, an denen sie umgestiegen sind auf ihrer Fahrt von Dover in Großbritannien nach Pfaffenweiler in Villingen.

Patricia Simon erinnert sich nicht mehr an das Wetter, nicht mehr an das genaue Datum, sie erinnert sich nur noch daran, dass sie bei ihrer Ankunft im Schwarzwald Tränen in den Augen hatte, ihren heutigen Mann ansah und sagte: "Ist das überall so?"

"Ich hätte ihr nicht verübeln können, wenn Sie wieder gegangen wäre", sagt Peter Simon heute, 54 Jahre später und blickt zu seiner Frau, die ihm im Wohnzimmer auf dem Sofa gegenüber sitzt. An der Wand hängen die Bilder der Kinder und Enkel und auf dem Regal steht ein Miniatur-Soldat aus der Garde der Queen in der typisch roten Paradeuniform. Patricia Simon (74) nickt. "Es war ein Kulturschock. Den hab ich eigentlich immer noch." Ihren britischen Akzent hat sie genauso wenig abgelegt, wie ihren Humor. Oder ihren englischen Pass. Und wegen letzterem lag am Freitag vor einer Woche dann plötzlich ein Schreiben im Briefkasten.

Ein Ärgernis in orange

Absender war das Bürgeramt. Ähnlich wie bei ihrer Ankunft in Deutschland vor über 50 Jahren traut Patricia Simon auch diesmal ihren Augen kaum: Unter dem Aktenzeichen PKZ 001819 steht: "Information der Ausländerbehörde über die ausländerrechtlichen Konsequenzen für britische Staatsangehörige im Fall des Brexit."

Im Anhang der Antrag zur Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis. Krankenversicherung, Wohnort, Einkommen, Berufsausbildung, all das soll sie angeben. Und, was sie beinahe am meisten ärgert: "Ich muss nachweisen, ob ich deutsch kann. Das ist eine Frechheit, wenn ich 54 Jahre in Deutschland bin."

Als Patricia, die Hotelangestellte, den Weltenbummler Peter damals in Cornwall – oder wie sie es nennt: Rosamunde-Pilcher-Land – kennenlernt, weiß sie von Deutschland nichts, außer dass es da Schnitzel gibt. Und hätte Peter Simon eine Aufenthaltsgenehmigung in England bekommen, sie hätten den Zug nach Pfaffenweiler wohl nie bestiegen.

Patricia Simon ist in London aufgewachsen. Im London der 60er-Jahre hatten sie Bars, die Beatles, The Who, in der Kings Road reihten sich Modegeschäfte aneinander, sie hatten Twiggy und den Minirock – in Pfaffenweiler hatte damals jedes Haus noch seinen eigenen Misthaufen vor der Tür. "Es war eine andere Welt", sagt Peter Simon, seiner Familie gehörte der größte Hof.

"Ein ganz normales Vorgehen"

1967 haben sie geheiratet. Sie hatte eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, bevor Großbritannien in der EU war und sie hatte eine, als das Vereinigte Königreich in der EU war. Warum bei einem Brexit nicht wieder die Aufenthaltsgenehmigung von früher gilt, das will und kann sie nicht ganz verstehen. Außerdem musste sie alle jetzt abgefragten Daten bereits damals angeben. "Die haben alle die Sachen beim Amt."

Patricia Simon ist eine von 36 britischen Staatsangehörigen, an die das Bürgeramt ein solches Schreiben verschickt hat. "Das ist ein ganz normales Vorgehen", sagt Oxana Brunner, Pressesprecherin der Stadt. "Wer kein deutscher Staatsbürger ist, muss eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Schweizer müssen das auch tun."

Die Beschwerdestelle, sagt sie noch, wäre hier eine andere. Und meint Großbritannien. Die Stadt handelt lediglich im Auftrag des Regierungspräsidiums. In dem sie den Antrag für eine Aufenthaltsgenehmigung gleich angehängt haben, wollten sie auch eigentlich etwas Gutes tun.

Ein wenig trockener Humor

Warum Patricia Simon ihren Pass nie abgegeben hat? "Warum hätte ich das tun sollen?" "Nur damit ich hier wählen kann?" Für Politik habe sie sich eh nie sonderlich interessiert. Patricia Simon ist Engländerin. Und stolz darauf. Sie freut sich, wenn jemand ihren englischen Akzent erkennt, sie bestellt Tee, Minzsoße und Schokolade bei einem britischen Online-Händler, Weihnachten feiern sie am 25. Dezember. Aber Patricia Simon ist auch Deutsche.

Oder zumindest, der Ausdruck würde ihr wahrscheinlich besser gefallen, sie ist auch deutsch. Sie hat immer versucht, sich anzupassen. Sie hat sich vor über 50 Jahren am Küchentisch ihrer Schwiegereltern mit der Zeitung deutsch beigebracht, sie hat in einer Barometerfabrik in Villingen gearbeitet, sie hat hier zwei Kinder großgezogen und im Fanfarenzug Pfaffenweiler bei der Fastnacht getrommelt. Sie hat hier geliebt, gelacht und geweint.

Und sie hat ihre Heimat, England, vermisst. Man kann es ihr nicht verübeln. Als sie nach Pfaffenweiler kam, war sie die erste Ausländerin überhaupt. Sie war "die Engländerin". Sie hatte schwarze lange Haare und einen dunklen Lidstrich um die Augen. Es wurde viel geglotzt und wenig geredet. "Ich bin doch auch ein ganz normaler Mensch", hatte sie damals immer gedacht.

Wenn sie von England spricht, nennt sie es manchmal noch ihr zu Hause. Dann zum Beispiel, wenn sie auf die Frage, was sie vom Brexit hält, sagt: "Ich lebe nicht daheim, da kann ich nicht mitreden."

Auch wenn sie die Aktion der Stadt ein bisschen übereifrig findet – schließlich ist Großbritannien noch nicht mal offizielle draußen – wird sie den orangenen Zettel am Ende wohl ausfüllen. Und dann legt sie den Kopf ein wenig schief und sagt mit einem Augenzwinkern: "Ich muss halt auch ein wenig schwierig sein, wie der Brexit."

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