Das Antikriegs-Oratorium "War Requiem"  des englischen Komponisten, der im Zweiten Weltkrieg den Wehrdienst aus pazifistischer Überzeugung verweigert hatte, geriet mit über 200 Mitwirkenden, unter ihnen viele Villinger Schüler, und vor ausverkauftem Haus zu einem musikalischen Ereignis von ergreifender Wirkung.

1940 zerstörte ein deutscher Luftangriff die 150 Kilometer nordwestlich von London gelegene Stadt Coventry, die aus der Spätgotik stammende Kathedrale fiel dabei in Schutt und Asche. 1962 wurde neben deren Ruine ein neues Gotteshaus geweiht; aus diesem Anlass wurde Brittens "War Requiem" zum ersten Mal aufgeführt. Britten hatte ein Werk komponiert, das musikalisch wie literarisch eine vielschichtige Struktur aufweist. Die Partitur erfordert denn auch eine gewaltige Besetzung: eine Sopranistin, einen Tenor und einen Bariton, ein großes Orchester und ein Kammerorchester, eine Orgel sowie einen gemischten Chor und einen Kinderchor.

Im Franziskaner stimmte alles: nicht nur die anspruchsvolle Dramaturgie, sondern auch die Qualität und das Engagement der zusammenwirkenden Berufsmusiker und Amateursänger. Dieses Requiem verschränkt zwei unterschiedliche Ebenen. Britten kombiniert gleichsam das Heilige mit dem Weltlichen, indem er den Text der lateinischen Totenmesse in einen kunstvollen Dialog mit Antikriegsgedichten des 1918 gefallenen englischen Lyrikers Wilfred Owen setzt. Dessen Worte wirken zuweilen wie Kommentare zu den Gebetsformeln.

Auf der Bühne des Franziskaners übernehmen etwa 80 Sänger des Projektchors VS zusammen mit der Sopranistin Benita Borbonus und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen den Part der Totenmesse. Heike Hastedt, bis vergangenen Mai Kantorin an der Villinger Johanneskirche, hat als Dirigentin von hier aus die Gesamtleitung.

Der Projektchor meistert die harmonisch, rhythmisch und dynamisch schwierige Partitur bewundernswert sicher. Tonarten mit bis zu fünf Vorzeichen beeinflussen die Sauberkeit der Intonation so gut wie nicht, ein vierfaches Pianissimo bleibt transparent, gefährliche Rhythmenwechsel sind für die Sänger kein Problem. Benita Borbonus führt ihren Sopran schlank, klar und höhensicher, mit ihrem dezenten Timbre und ihrem feinen Vibrato fasst sie sehr schön den Gehalt der religiösen Worte. Die Philharmoniker aus Reutlingen erweisen sich wieder einmal als stilsicheres und klangmächtiges Orchester. Und was Heike Hastedt angeht, bleibt einem nur Hochachtung vor ihrer souveränen Übersicht, ihrer Konzentration und ihrer musikalischen Führungskraft.

Auf der Empore des Franziskaners singen der ausdrucksstarke Tenor Sung Min Song und der stimmungsorientiert sensible Bariton Alexander Schmidt die Rollen zweier verfeindeter Soldaten. Die "Villinger Klosterspatzen" fügen sich als ausnehmend exakt singender Kinderchor unbeirrt in das große musikalische Gefüge. Ein eigens gebildetes 12-köpfiges Instrumentalensemble erfüllt seine Aufgabe tadellos. Nach dem Amen herrscht erst lange Stille, dann gibt es starken Beifall.

Villinger Mitwirkende

Jochen Kiene ist zweiter Organist der Johanneskirche und übernahm im vergangenen Sommer die Interimsvertretung von Heike Hastedt auch bei der Einstudierung des Projektchors VS.

Marius Mack ist seit September evangelischer Bezirkskantor und Kantor an der Johanneskirche. Er zeichnete für das Kammerorchester beim "War Requiem" verantwortlich.

Erkentrud Seitz gründete 1983 an den Sankt-Ursula-Schulen den Kinder- und Jugendchor "Villinger Klosterspatzen" und leitet das jetzt der Musikakademie VS angegliederte Ensemble bis heute. (gf)