Viele Vereine, auch Sportvereine, klagen über mangelnden Nachwuchs und rückläufige Mitgliederzahlen. Nicht so der Turnverein Villingen. Viele Vereine klagen, dass sie keine ehrenamtlichen Helfer und Übungsleiter finden. Nicht so der Turnverein Villingen. Dort wimmelt es vor jungen Leuten, die sich engagieren. Andere Vereine schrumpfen, der Turnverein wächst und wächst. Hat der Verein, der inzwischen über 170 Jahre alt ist, das Geheimnis ewiger Jugend entdeckt? Heißt die Formel „ewig jung durch Turnen“?

Natürlich nicht. Das Turnen spielt im Turnverein ohnehin nur noch eine Nebenrolle. Dass der Verein in den letzten sechs Jahren die Zahl seiner Mitglieder um 850 – das ist ein Zuwachs von 50 Prozent – erhöht hat und der demografische Faktor bisher überhaupt nicht spürbar wurde, hat einen anderen Grund: Der größte Sportverein in Villingen hat sich professionalisiert und modernisiert und den Muff von Turnvater Jahn aus dem 19 Jahrhundert hinter sich gelassen.

Das liegt zum einen am ausgesprochen vielseitigen Kursangebot, dass der Verein für jung und alt anbietet und das er ständig an den Zeitgeist anpasst. So kann man beim Turnverein von 1848 heute nicht nur Turnen und Fechten: Die Jungen lernen hier auch Zirkusartistik oder Hiphop, die Senioren Gesundheitsprävention oder Sturzprophylaxe. Zugleich holt der Verein die Kinder dort ab, wo sie sind: Etwa durch Kooperationen mit Kindergärten und zahlreichen Schulen der Stadt. Inzwischen hat der Turnverein sogar eine eigene Kinderfußballschule, bei der rund 60 Buben und Mädchen von vier bis sechs Jahren das Dribbeln und Stoppen lernen. Von dieser Nachwuchsausbildung profitieren dann die Kooperationspartner des FC Pfaffenweiler und der DJK Villingen. So ändern sich die Zeiten. Außerdem bietet der Verein heimischen Betrieben und Dienstleistern betriebliches Gesundheitsmanagement in der Firma an. Zum Beispiel Fitness in der Mittagspause. Auch diese Angebote finden immer mehr Nachfrage.

Und wie schafft es der Verein, dass er 110 Übungsleiter beschäftigen kann? Er zahlt ihnen Geld! Die Zeiten, wo sich die Menschen viele Stunden wöchentlich für Gotteslohn engagiert haben, sind vorbei. Aber für zehn Euro die Stunde finden sich genügend Helfer. Das scheint auch zeitgemäß zu sein. Vor allem: Es funktioniert. Und dass sich der Turnverein einen bezahlten Geschäftsführer und zwei, drei weitere hauptamtliche Sportlehrer leistet, hat keineswegs zu seinem Untergang geführt, sondern im Gegenteil zu seinem Aufschwung. So geht Turnverein heute.

Denn die Menschen sind bereit, für gute Qualität und attraktive Angebote auch mehr zu bezahlen als zehn Euro Vereinsbeitrag im Jahr. Der TV Villingen hat diese Trends rechtzeitig erkannt und umgesetzt. Man kann getrost davon ausgehen, dass für diesen Verein auch der Bau und Betrieb einer eigenen Gymnastikhalle in Partnerschaft mit der Stadt kein Problem sein dürfte.

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