Eine Bushaltestelle ist vermutlich nicht der beliebteste Ort. Dort schaut man Löcher in die Luft, spielt am Smartphone und, nun ja, wartet eben auf den Bus. Niemand verbringt hier mehr Zeit, als es unbedingt notwendig ist. In der "Buchhaltestelle", einem kleinen Laden in der Brunnenstraße, sieht das anders aus. Auch diesen Ort betritt man aus einem bestimmten Grund; um ein Buch oder eines der vielen anderen dort angebotenen Artikel zu kaufen. Doch im Gegensatz zu ihrem Namensvetter bleiben Menschen hier gerne mal ein paar Minuten länger – und dieser Umstand ist einer der Gründe, warum die von Sabine Hauser geleitete Buchhandlung sich seit zehn Jahren immer wieder gegen die Konkurrenz aus dem Netz durchsetzen kann.

Sabine Hauser lebt ihren Beruf. Ihr Hobby? Lesen. Ihre Freizeitbeschäftigung? Design-Ideen für Tassen und Servietten erstellen. Mehr als 60 Stunden in der Woche investiert sie in ihren Laden. Betritt man den 49 Quadratmeter großen Verkaufsraum, dann merkt man schnell, dass hier jeder Zentimeter genutzt wird. Stühle gibt es nicht, der Platz wird lieber für gedruckte Seiten verwendet. Doch nicht nur: "Der klassische Buchhandel ändert sich, man muss andere Wege finden", weiß die 55-Jährige. Deshalb werden hier auch andere Artikel angeboten, vornehmlich mit Motiven aus dem Schwarzwald. "Die lokalen Sachen laufen sehr gut. Seien es die Fasnachtsartikel oder auch das Geschenkpapier mit den Umrissen der Villinger Innenstadt", sagt Hauser.

In der zehnjährigen Geschichte ihres Geschäfts hat Sabine Hauser schon einiges erlebt. "Zu uns kommt regelmäßig eine blinde Frau, die uns Texte für ihre Grußkarten diktiert", erzählt die Villingerin. "Einmal haben wir für eine Kundin eine tunesische Häkelnadel bestellt, einer anderen haben wir die nassen Haare geföhnt, damit sie nicht krank wird." 90 Prozent der Besucher der Buchhaltestelle seien zudem Stammkunden, schätzt die Buchhändlerin.

Anhand der Dienstleistungen, die die Bushaltestelle stellvertretend für die regionalen Buchgeschäfte anbietet, erkennt man, wie sie es in Zeiten von Amazon schaffen, zu überleben. "Buchläden müssen präsent für ihre Kunden sein", sagt Ulrike Eppel, Filialleiterin von Osiander in Villingen. "Neben der Beratung, die wir unseren Kunden bieten, ist vielen Leuten die Atmosphäre in einem Buchladen sehr wichtig." Wie Osiander auch organisiert "Morys Hofbuchhandlung" Veranstaltungen, die viele Besucher anlockt. "Bei uns gibt es die Möglichkeit, sich als Gruppe in unserem Laden einschließen zu lassen und zwei Stunden lang durch die Bücher zu wühlen", sagt Eva Kratschmer von Morys.

Die kleinen Buchläden reagieren jedoch auch anders auf die zunehmende Verschiebung des Kaufverhaltens ins Internet. Selbst kleine Läden wie Morys oder die Buchhaltestelle bieten auf ihrer Internetseite die Möglichkeit, Bücher zu bestellen. "Dabei sind wir schneller als Amazon", sagt Kratschmer. "Wer bei uns am Abend bestellt, kann das Buch am nächsten Morgen abholen." Auch elektronische Bücher können über die lokalen Geschäfte bestellt werden. Jedoch betonen alle Befragten, dass der Trend wieder zurück zum klassischen Buch gehe. "Das gedruckte Buch ist nicht totzukriegen", sagt Ulrike Eppel vom Osiander.

Uneinig sind sich die Beschäftigten des Büchergeschäfts derweil bei der Frage nach den jüngsten Lesern. "Es stimmt nicht, dass Kinder nicht mehr lesen", sagt Eppel. "Bei unseren Leserattennächten herrscht stets großer Andrang." Caroline Cimentepe, Aushilfe bei der Buchhaltestelle, meint stattdessen: "Früher war ein Buch ein Beschäftigungsinstrument für Kinder. Heute ist es anders, vor allem Jugendliche lesen nicht mehr."

Die Buchhaltestelle hat sich trotz des etwas abgelegenen Standorts über Wasser halten können. Weil die Leute hier gerne ein paar Minuten länger bleiben. "An Samstagen finden hier regelrechte Stammtische statt, unser Laden hat sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt", so die Besitzerin. Der Geruch von Büchern und das Gespräch von Angesicht zu Angesicht kann das Netz eben doch nicht bieten.

 

Die Buchpreisbindung 

Der Hintergrund: In Deutschland gilt seit 1888 die Buchpreisbindung. Das bedeutet, dass die Verlage die Preise für ihre Bücher festlegen müssen und diese dann von den Letztverkäufern (egal ob Buchläden oder Internet-Händler) nicht mehr verändert werden dürfenIm deutschsprachigen Raum verfügen Deutschland und Österreich über eine gesetzlich vorgeschriebene Buchpreisbindung, in der Schweiz ist der Buchpreis wie in Großbritannien und den USA frei. Am 3. Februar 2016 beschloss das Bundeskabinett zudem eine Gesetzesänderung, die alle Verlage verpflichtet, auch für E-Books einen „verbindlichen Ladenpreis“ festzulegen.

Die Praxis: Eva Kratschmer von "Morys Hofbuchhandlung" in Villingen meint: "Ohne die Buchpreisbindung wird es für kleine Läden sehr schwer." Ähnlich sieht es auch Ulrike Eppel, Filialleiterin vom "Osiander" in Villingen. Sie sagt zudem, dass "die Preisbindung auch wichtig für die Kunden ist, da ohne sie die Bücher teurer werden und die Vielfalt sinken würde."

 

Das liest Villingen – die gefragtesten Bücher

Dieses Buch wird von den Villingern gerne gelesen, da sind sich die Beschäftigten der örtlichen Buchläden einig; "Die Geschichte der Bienen" stellt einige der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie gehen wir mit der Natur um? Welche Zukunft hinterlassen wir unseren Kindern? Wofür sind wir bereit zu kämpfen?

Dieses Buch wird von den Villingern sehr oft und gerne gelesen, da sind sich alle drei Buchläden in der Innenstadt einig; "Die Geschichte der Bienen" stellt einige der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie gehen wir um mit der Natur und ihren Geschöpfen? Welche Zukunft hinterlassen wir unseren Kindern? Wofür sind wir bereit zu kämpfen?

Sowohl in der Buchhaltestelle als auch in Morys Hofbuchhandlung ist "Entlang den Gräben" ein echt Bestseller. Darin beschreibt Navid Kermani seine Reise durch ein zerklüftetes Gebiet: von seiner Heimatstadt Köln zog es ihn Richtung Osten bis ins Baltikum und von dort südlich über den Kaukasus bis nach Isfahan, die Heimat seiner Eltern.

Sowohl in der Buchhaltestelle als auch in Morys Hofbuchhandlung ist "Entlang den Gräben" ein echt Bestseller. Darin beschreibt Autor Navid Kermani seine Reise durch ein von Kriegen und Katastrophen zerklüftetes Gebiet: von seiner Heimatstadt Köln zog es ihn Richtung Osten bis ins Baltikum und von dort südlich über den Kaukasus bis nach Isfahan, die Heimat seiner Eltern. Kermani erzählt in seinem Reisetagebuch detailreich von vergessenen Regionen, in denen auch heute Geschichte gemacht wird.

"Das Paket" von Sebastian Fitzek, das vor allem im "Osiander" sehr gut verkauft wird, handelt von einer jungen Psychiaterin, die vergewaltigt wurde und seither ihr Haus nicht mehr verlässt. Nur dort fühlt sie sich noch sicher– bis der Postbote sie eines Tages bittet, ein Paket für ihren Nachbarn anzunehmen. Einen Mann, den sie noch nie gesehen hat.

"Das Paket" von Sebastian Fitzek, das vor allem im "Osiander" sehr gut verkauft wird, handelt von einer jungen Psychiaterin, die vergewaltigt wurde und seither ihr Haus nicht mehr verlässt. Nur dort fühlt sie sich noch sicher– bis der Postbote sie eines Tages bittet, ein Paket für ihren Nachbarn anzunehmen.<sup></sup>Einen Mann, dessen Namen sie nicht kennt und den sie noch nie gesehen hat, obwohl sie schon seit Jahren in ihrer Straße lebt.

Ein weiteres Buch, das vor allem im Osiander gerne mitgenommen wird ist "Feuer und Zorn" von Michael Wolff. In dem Enthüllungsbuch über Donald Trump wird unter anderem beschrieben, wie der Präsident der USA seine Mitarbeiter behandelt, wie nah die Russland-Verbindung an ihn herangerückt ist und wie es zum Rauswurf des FBI-Chefs kam.

Ein weiteres Buch, das die Villinger vor allem in Osiander gerne mitnehmen ist "Feuer und Zorn" von Michael Wolff. In dem Enthüllungsbuch über Donald Trump wird unter anderem beschrieben, wie der Präsident der Vereinigten Staaten seine Mitarbeiter behandelt, wie nah die Russland-Verbindung an Trump herangerückt ist und wie es zum Rauswurf des FBI-Chefs Comey kam.